People Mountain People Sea

Wenn auch Rache keine Hoffnung mehr bieten kann. Von den Bergen der chinesischen Provinz in die tiefste Finsternis der menschlichen Seele.

 

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Man kann es nicht oft genug sagen, die Handlung eines Films sollte man nicht überbewerten. Das heißt nicht, dass eine Story nicht elementar sein kann, allerdings werden durch den Schwerpunkt, der beim Sprechen über Film für gewöhnlich auf das Was gelegt wird, viel zu oft die endlosen Möglichkeiten des Wie vernachlässigt. Liest man etwa die Beschreibung von Cai Shangjuns zweiten Spielfilm People Mountain People Sea (Ren shan ren hai), könnte man meinen, es hier mit einer geradlinigen, geradezu klassischen, an das amerikanische Genrekino angelehnten Rachegeschichte zu tun zu haben: Ein Mann wird in der südwestchinesischen Provinz von einem Anhalter erstochen und ausgeraubt. Nachdem es der Polizei nicht gelingt, den Mörder aufzuspüren, macht sich Tie (Chen Jianbin), der Bruder des Opfers, selbst auf die Suche. Es wird eine lange, beschwerliche Reise in die Abgründe des modernen China. Vor allem bewegt sich der Film dabei aber nicht an den üblichen Eckpfeilern einer Geschichte über Selbstjustiz entlang.

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Die Suche des Protagonisten wird von einer Reihe vertikaler und horizontaler Bewegungen bestimmt. Mit langen, meist unbeweglichen Einstellungen lässt Kameramann Jinsong Dong den Zuschauer die zurückgelegten Wege selbst erfahren. Der Film beginnt mit einer Motorradfahrt, die eine kurvige Bergstraße hinaufführt. Später sehen wir Tie, wie er vom Berg ins Tal fährt und in einer langen Totalen über eine geschwungene Umgehungsstraße von der Provinz in die Großstadt Chongquing vordringt. Für das letzte Kapitel geht es dagegen in den Untergrund. Eine in quälender Ausführlichkeit gezeigte Aufzugfahrt, die Schächte einer Kohlemine hinab, ebnet schließlich den Weg in die Dunkelheit, hin zu einem zutiefst pessimistischen Ende.

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Während der Suche seiner Hauptfigur enttäuscht Shangjun so ungefähr alle Erwartungen, die mit einem herkömmlichen Genre-Plot verknüpft sind. Zunächst einmal gibt es eine Hauptfigur, die, zumindest was das Identifikationspotenzial angeht, eigentlich keine ist. Tie ist ausgesprochen wortkarg, verspielt die Sympathien des Publikums, indem er seine Exfrau vergewaltigt und seinen Sohn wie Dreck behandelt, und verbirgt seine inneren Beweggründe konsequent hinter ausdrucksloser Mine. Streckenweise wirkt es so, als hätte der Film das im Thriller beliebte Prinzip von Suspense – also einer Spannung, die sich aus einem Wissensvorsprung des Zuschauers schöpft –, in sein Gegenteil verkehrt. Tie bewegt sich zwischen Orten und Menschen, ohne dass Shangjun die Hinweise preisgibt, die seine Hauptfigur zur nächsten Station bringen. Manchmal ist nicht einmal klar, in welchem Verhältnis er zu anderen Figuren steht. Überhaupt tritt der Aufhänger des Films zunehmend in den Hintergrund und ebnet den Weg für Betrachtungen anderer Art – Momentaufnahmen einer ganz und gar verkommenen Gesellschaft voller korrupter Polizisten, würdeloser Junkies und ausgebeuteter Arbeiter. Als Zuschauer ist man denn auch eher über die Darstellung sozialer Missstände als über einen Zugang zur menschlichen Seite des Protagonisten emotional beteiligt.

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Bevor Shangjun mit The Red Awn (Hongse kanbaiyin, 2007) sein Spielfilmdebüt drehte, arbeitete er als Drehbuchautor von Filmen wie Das Badehaus – Shower (Xizao, 1999), machte aber auch eine Reihe von Dokumentationen, die ihren Weg bisher noch nicht in den Westen gefunden haben. Für die Gestaltungsweise seines neuen Films ist diese Information nicht unerheblich. Wie People Mountain People Sea immer wieder Alltagsrituale einfängt, ohne sie dramaturgisch zuzuspitzen, ist in Spielfilmen eine Seltenheit. Shangjung nimmt sich teilweise viel Zeit, um die labyrinthisch angelegten, ärmlichen Behausungen in der Großstadt zu erforschen oder eine Beerdigungszeremonie einzufangen, bei der sich durch ein Meer an Räucherstäbchen ein unheilvoller Nebel über die Landschaft legt. Eine genaue Beobachtungsgabe geht hier einher mit einem bestimmten, aber unaufdringlichen Willen zur Ästhetisierung.

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Streckenweise fühlt man sich hier an den ukrainischen Film Mein Glück (Schastye moe, 2010) erinnert. Mit Sergei Losnitza teilt Shangjung nicht nur die sich in den Spielfilmen abzeichnende Vergangenheit als Dokumentarfilmer, sondern auch die Entscheidung, eine völlig nihilistische Bestandsaufnahme des jeweiligen Heimatlandes zu drehen. Dabei erweist sich People Mountain People Sea jedoch als der rundere und, soweit man das hier sagen kann, geschmeidigere Film. Sein größtes Kunststück ist es wahrscheinlich, dem Zuschauer immer wieder die Orientierung zu nehmen, ohne dabei übermäßig spröde zu wirken. Den Höhepunkt, sowohl was die eindringlich atmosphärische Inszenierung als auch die Verweigerung von Erzählkonventionen betrifft, erlebt der Film dann in der letzten halben Stunde. Zu großen Teilen bewegt sich die Kamera hier nur noch durch die schummerigen Schächte einer Kohlemine, fängt dabei immer wieder gewalttätige Szenen ein, die sich nie ganz entziffern lassen, und raubt dem Zuschauer sogar streckenweise die Hauptfigur als Bezugspunkt. Mit ihren schwarz verrußten Gesichtern lassen sich die Darsteller nämlich nicht mehr voneinander unterscheiden. Hier findet der Film dann auch zu seinem verstörenden Ende und widmet sich ganz der dunklen Schönheit einer längst verlorenen Welt.

Trailer zu „People Mountain People Sea“


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