Pazar - Der Markt

„Alles hat seinen Preis“. In Ben Hopkins schelmischem Marktwirtschaftsdrama schwankt ein türkischer Kleinhändler zwischen Moral und Moneten und wird von der Mehrdeutigkeit seines Mottos eingeholt.

Pazar - Der Markt

Mihram (Tayanç Ayaydin) handelt mit allem und jedem, auch mit Gott. Beim Kartenspiel wirft er dem Allmächtigen einen beschwörenden Blick zu, bevor er sein Blatt anschaut. Dennoch verliert er und das regelmäßig. Sein neuestes Abkommen mit Allah lautet, „Ich werde ein guter Mensch und höre mit dem Trinken auf, wenn du mir hilfst, 50 Millionen Lira aufzutreiben“.

Das Geld braucht der reisende Händler und Familienvater für eine Verkaufslizenz von Handys, die 1994 das große Geschäft verspricht und den kleinen Fisch davor bewahren soll, im rauen und undurchsichtigen Gewässer der globalisierten Marktwirtschaft unterzugehen. Mihram treibt wie eine osttürkische Mutter Courage für seine Kunden alles Mögliche und scheinbar Unmögliche auf, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wo es herstammt und wem es anschließend fehlen könnte: Zigaretten oder medizinische Fachbücher, ein Mikroskop oder ausgerechnet das Telefonkabel, das seinem Käufer zuvor geklaut wurde, identifizierbar am Taubendreck. Man einigt sich darauf, dass die Welt verrückt ist und trinkt gemeinsam eine Tasse Tee.

Pazar - Der Markt

Später ist es Mihram, der bestohlen und schließlich aus Verzweiflung selbst zum Dieb wird. Das erinnert nicht nur zufällig an Vittorio De Sicas neorealistischen Klassiker Fahrraddiebe (Ladri di biciclette, 1948), den der britische Autor und Regisseur Ben Hopkins als ein Vorbild für seine Geschichte vom finanziellen und moralischen Kampf eines einfachen Mannes nennt. Ähnlich wie De Sicas Drama besticht Pazar – der Markt (Pazar – Bir ticaret masali) mit einer detailreichen Milieuschilderung und einer schlichten, geradlinigen Erzählung, entwirft dabei aber ein weniger pessimistisches und mehr tragikomisches Menschenbild.

Als Mihram von einer Ärztin gebeten wird, einen dringend benötigten Impfstoff für kranke Kinder aus dem benachbarten Aserbaidschan zu besorgen und hierfür 70 Millionen Lira in die ebenso geschäftstüchtigen wie spielsüchtigen Hände bekommt, sieht er darin die Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und als wohlhabender Mann in den Himmel zu kommen. Eine Bezahlung erhält er zwar nicht für den Arbeitsaufwand, doch „Allah wird es uns lohnen“, glaubt seine Frau (?enay Aydin) zu wissen. Wenn sie ihren Mann mit dem Spruch „Komm gut zurück“ auf die Reise schickt, ahnen wir allerdings genauso wie sie, dass der lasterhafte Mihram die Mahnung benötigt.

Pazar - Der Markt

Der Film entwickelt sich in entspannter Geschwindigkeit zum Roadmovie mit Parabelcharakter, in dem sogar eine simple Wegauskunft ihren Preis hat. Unser (Anti-)Held trifft auf windige Stellvertreter einer Gesellschaft, in der es „keine Ehre oder Ehrlichkeit mehr gibt und es nur noch um den Profit geht“, wie Mihrams arbeitsloser Onkel (Genco Erkal) beklagt. Der nörgelt und jammert mit Hingabe und ist als schrulliger Sidekick für die Komik zuständig. Anders als De Sicas Fahrraddieb begegnet Hopkins Protagonist auf seiner Odyssee aber auch Solidarität und Gastfreundschaft.

Uneigennutz und Ausbeutung liegen nah beieinander, wenn ein Fremder seine letzte Zigarette mit Mihram teilt, während im Fernseher ein Bericht über bewaffnete Auseinandersetzungen im Kongo läuft. Das Silicium, das in Aserbaidschan weiterverarbeitet wird, um dann in der finnischen Handyproduktion zu landen, ist dort die einzige Einnahmequelle der Bevölkerung. Mihram hat gerade mehrere Säcke des Rohstoffes über die türkisch-aserbaidschanische Grenze geschmuggelt. Auf wiederholte Fragen nach der Herkunft seiner diversen Waren antwortet er stets mit „Woher hat der Mond sein Licht?“. „Von der Sonne“, kontert einmal eine aufgeklärte Kundin. Der einsame Cowboy, der Wert darauf legt, ausschließlich im eigenen Dreck zu wühlen, lernt unterwegs nicht nur, wo Finnland liegt, sondern vor allem, dass in der Marktwirtschaft alles zusammenhängt. Seine Gewinne erzielt er auf Kosten anderer, und seine vermeintliche Unabhängigkeit, die er sich unter anderem von der Mafia in seiner Heimatstadt bewahren wollte, war von vornherein eine Illusion.

Pazar - Der Markt

Nach der Dokumentation 37 Uses for a Dead Sheep (2006) hat Hopkins für Pazar erneut in der Türkei gedreht, sein Blick auf das Land und die Menschen ist ein aufmerksamer und liebevoller. Im Gegensatz zu seinen Spielfilmen Simon Magus (1999) und Die neun Leben des Tomas Katz (The Nine Lives of Tomas Katz, 2000) verzichtet der Regisseur diesmal auf Übersinnlichkeit oder Expressionismus und baut stattdessen auf eine schnörkellose Inszenierung, einen stringenten Handlungsverlauf und eine einnehmende Hauptfigur, die trotz ihrer Schwächen Sympathieträger bleibt. Das verdankt sie nicht zuletzt Tayanç Ayaydin, der für seine Darstellung des gewitzten Mihram beim Filmfestival von Locarno ausgezeichnet wurde.

Am Ende trinkt Mihram wieder eine Tasse Tee. Die Welt ist immer noch verrückt, doch der Tee schmeckt ihm nach seinen Erfahrungen und Entscheidungen vielleicht etwas bitterer.

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Kommentare


Rena

Trotz des bereits im Artikel genannten Ethos, ist dies ein guter Film über die Welt kleiner Menschen, die ein Überleben durch Geschicklichkeit zu meistern versuchen. Die Welt ist in einem anderen Eck der Welt doch nicht so anders wie wir immer annehmen. Die Umstände sind anders, die Sprache vielleicht auch, aber das menschliche ist doch überall ähnlich. Tayanc Ayaydin ist wunderbar. Eine wahre Entdeckung.






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