Paulas Geheimnis

Wie kommen Zwölf- bis Dreizehnjährige in der heutigen Welt mit ihrem Leben zurecht? Mit einer Großstadt wie Hamburg? Der Subtext in Gernot Krääs Film erzählt davon. Nicht mit dem Zeigefinger, sondern verpackt in eine aufregende Detektivgeschichte.

Paulas Geheimnis

Was gibt es Schöneres als Ferien ohne die Eltern? Wenn man zwölf ist. Und kein Kind mehr. Paula und Tobi allein zu Haus, das ist der Stoff für ein Abenteuer in der Großstadt. Für eine Geschichte, in der die Kids ihre Probleme alleine regeln, ohne Hilfe der Erwachsenen.

So könnten viele Kinderfilme beginnen. Aber Regisseur und Autor Gernot Krää siedelt in seiner zweiten Arbeit für das junge Publikum (nach Die Distel, 1992) die Elemente von Detektivspiel, Doppelgängertum und Romanze nicht in einer vermeintlich kindgerechten Fantasiewelt an. Er integriert sie stattdessen in eine genau gezeichnete gesellschaftliche Realität, zwischen gut situierten Doppelverdienern, Trash-TV glotzenden Hausmeistern und Kindersklaven aus Rumänien.

Paulas Geheimnis

Paula schreibt ihr Tagebuch auf dem Klo. Nur hier ist sie ungestört. Niemand darf jemals erfahren, welche Geheimnisse sie ihrem Tagebuch anvertraut. Paula geht auf Nummer sicher, obwohl ihre Eltern sowieso nicht mitkriegen würden, was die Tochter treibt. Ständig haben sie das Handy am Ohr. Ihre Arbeit endet auch dann nicht, wenn sie längst zu Hause sind.

Paulas Tagebuch wird geklaut. Von zwei rumänischen Kinderdieben, die von einer skrupellosen Bande in einem Kellerloch gehalten werden. Tobi hat das Duo beobachtet. Er kann Paula helfen, das Tagebuch wieder zu bekommen. Aber Tobi ist überhaupt nicht Paulas Typ. Er schiebt ständig Schokoriegel in sich hinein, hat keine Manieren und ist schlecht in der Schule. Trotzdem schließen die beiden einen Deal. Das Mädchen gibt ihm Nachhilfe in Englisch und Tobi organisiert die Detektivarbeit. Dass dazu noch diverse Elternteile getäuscht werden müssen und Tobis Schwester als falsche Paula ins noble Feriencamp fährt, bringt die Geschichte zusätzlich in Fahrt.

Paulas Geheimnis

Gernot Krää zieht in seinem Drehbuch eine ganze Reihe von Handlungsfäden auf, die der Film mit leichter Hand abspult. Für Spannung sorgen Verfolgungsjagden mit der finsteren Bande, für Komik die erfrischend natürliche Schwester unter den gestelzten Prinzessinnen des Geldadels. Wie nebenbei fließen die Gegensätze von Oben, Unten und ganz Unten in die Szenen ein, wird die Spaltung einer Großstadt wie Hamburg dokumentiert - mit ihren gestylten Luxuswohnungen und ihren heruntergekommenen Blocks. Paulas Geheimnis wechselt flüssig von einem Regenschauer zu einer Traumsequenz, der Film schneidet zwischen den parallel geführten Lebenswelten hin und her, er integriert schüchterne Annäherungsversuche auf einem Hausdach unterm Sternenhimmel und nüchterne Straßen voller Müll.

Nicht zuletzt wird der Film zusammengehalten von der konsequent subjektiven Perspektive Paulas, die das Geschehen immer wieder aus dem Off kommentiert. Und von der Schauspielerleistung der Hauptdarstellerin. Thelma Heintzelmann ist nur ein Jahr älter als die Filmfigur und gibt ein beeindruckendes Debüt im Kino. Ihre Paula kann einerseits spröde, ein bisschen hochnäsig und ganz das vornehme Püppchen aus gutem Hause sein. Sie kann aber genauso gut auftauen und sich einlassen auf eine realistische, ernsthafte Freundschaft, in der es um Verständnis, Einfühlung und Solidarität geht.

Paulas Geheimnis

Die Beziehung zwischen Paula und Tobi (Vincent Paul de Wall) könnte konfliktträchtiger kaum sein. Hier die „verwöhnte Tusse“, dort der „eklige Kotzbrocken“, wie sie einander in Wutanfällen titulieren. Ein solches Team muss naturgemäß einige Handlungsumschwünge durchleben, bevor aus der Zweckgemeinschaft tatsächlich Respekt und Bindung erwachsen. Das hebt die Personenzeichnung ab von oberflächlichem Heldentum. Aber auch von durchsichtigen erzieherischen Zeigefingern.

Paula und Tobi bieten sich gerade deshalb als Identifikationsfiguren an, weil sie die Widersprüche und Sackgassen der beginnenden Pubertät mit ihrem Publikum teilen. Beide stecken in einer Krise, beide entfliehen der Realität in eine Traumwelt. Aber beide machen einen Prozess durch, der sie zurückholt in eine Welt, in der die Träume Wirklichkeit werden könnten. Tobi sieht sich am liebsten als Astronaut. Am Ende bleibt dieser Weg offen. Tobi hat während der Ferien nicht nur Englisch für die Nachholprüfung gelernt. Sondern auch was fürs Leben.

 

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