Paterson

Die Schönheit der Wiederholung, die Poesie ohne Reim. Jim Jarmusch erstickt seine Protagonisten mit seinem liebevollen Blick. Oder setzt er sie erst frei?

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Ein Überblenden von Oberflächen charakterisiert die Welterfahrung von Paterson (Adam Driver). Zeit wird gerafft, die Uhrzeiger auf der analogen Armbanduhr drehen sich schnell, die Häuserfassaden ziehen vorbei, legen sich übereinander. Der Busfahrer und Hobbydichter, der den Namen der Kleinstadt trägt, in der er geboren ist und noch immer lebt, könnte ein wandelnder Witz sein. Doch Jim Jarmusch meint es gut mit ihm, erklärt das Einfache zum großen Reiz. Patersons Leben besteht nicht aus endloser, sondern aus genossener Routine, nicht aus blöden Zufällen, sondern aus magischen Zusammenhängen, nicht aus Phrasen, sondern aus schlichten Sätzen. Jarmuschs zärtlicher Blick auf Paterson gibt dem ganzen Film seine Fluchtlinie, er überträgt sich auf den jungen Dichter, der es gut meint mit seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani), kann er es zu gut mit ihr meinen? Gegen eine solche Vorstellung wendet sich der Film ganz entschieden, denn das Gute darf gut sein, ohne Wenn und doppelten Boden.

Resolute Normalität

Das am Kino erprobte Auge will nicht glauben, dass ein konfliktfreies Leben, in dem noch jede Differenz durch die endlose Wiederholung von gelebter Harmonie ausgeglichen wird, einen ganzen Film ergeben kann. Wann werden sich in die immer gleichen Einstellungen und Perspektiven relevante Unterschiede oder zumindest die vergehende Zeit einschreiben? Jarmusch tritt den Gegenbeweis an und setzt mit Paterson der Ehrgeizlosigkeit ein kleines Denkmal. Wobei er sich für Differenzen und Abweichungen durchaus interessiert, allerdings der Möglichkeit wegen, sie einzugemeinden oder sie als Triebfeder zu nutzen, um umso resoluter zur Normalität zurückzukehren. Ein Handy oder gar ein Smartphone? Undenkbar für Paterson. Daran wird auch kein Notfall etwas ändern. Für Figur und Film dreht sich alles darum, das Leben frei von Ablenkungen und anderen zeitgenössischen Artefakten zu halten. Die Nostalgie geht so weit, dass Laura – genauso wie alles andere – in ihrer Rolle der übereifrigen Hausfrau nie problematisiert wird. Sie ist, er ist, und sie dürfen wollen, was sie wollen, sie müssen aber nie mehr sein oder erreichen als den gerade aktuellen Status quo.

Paterson ist ein Film über das Bleiben, wo man war, einen Anti-Amerikanischen-Traum. Von Montag bis Montag, sieben Mal blickt die Kamera von Frederick Elmes hinab auf das Bett des Ehepaars. Er wacht von alleine auf, einen Wecker braucht er nicht. Er liebkost seine Frau, bevor er den Löffel in eine Schüssel süßer Cheerios schiebt. Noch bevor der Arbeitstag beginnt, er den Bus mit immer derselben gelassenen Offenheit anlässt, schreibt er in sein kleines Notizheft, und die Worte erscheinen auf der Leinwand. Jarmusch hat dafür Gedichte von Ron Padgett, einem aus Oklahoma stammenden, 73 Jahre alten Poeten der New Yorker Schule, in die Feder von Paterson gelegt, und sie sind genauso liebevoll und einfach, wie der ganze Film es sein will. Auch diese Zeilen feiern das Leben und die kleinen Details darin, die altmodisch designte Streichholzschachtel und die Hoffnung darauf, dass alles Gute bleibt.

Ein herablassendes Korsett

Paterson 01

Adam Driver, der für große Gesten, expressive Mimik und Rollen mit hohem exzentrischem Sprachanteil bekannt ist, bekommt wenig zu spielen. Aus der untergrabenen Erwartung, aus dem Potenzial, das seinem stillgestellten Körper noch abzulesen ist, schöpft Jarmusch. Er inszeniert Paterson nicht als gemütlichen, sondern als freiwillig glücklichen Menschen, dem genug wirklich genug ist. Dagegen setzt er auch Golshifteh Farahani als Laura, die ständig in Bewegung und Neuerfindung begriffen ist. Sanft und ruhig auch sie, aber rastlos gestaltet sie das Haus ununterbrochen um, malt möglicherweise etwas krampf- oder sogar zwanghaft auf Flächen, Wände, Türen, aber auch auf Stoff und Kleider, geometrische Formen ausschließlich in Schwarz und Weiß. Paterson hat denselben Blick voller Empathie für sie wie für ihn, aber frühstückt ihr Schaffen fast immer mit einer kleinen Montagesequenz zwischen zwei Busfahrten ab.

Wem die Aufmerksamkeit gilt, ist unmissverständlich. Jarmuschs Nostalgie ist keine offen anti-emanzipatorische, aber vielleicht doch eine etwas herablassende. Dabei kann seine Mühe, auf Augenhöhe mit dem seine Stunden schiebenden Arbeiter zu sein, gerade aufgrund seiner narrativen Struktur nicht ganz aufgehen. Obwohl sich der Filmemacher unentwegt, auch im Heraufbeschwören der repetitiven Bild- und Textklischees, als Komplize der Protagonisten positioniert, bleibt er doch unmissverständlich Herrscher über die vierte Dimension, die auch in einem der Gedichte eine Rolle spielt: die Zeit. Das warmherzige, gutmütige, zufriedene Paar steckt der Film in ein Korsett der Wochentage-Dramaturgie, das die Wiederholung des Immergleichen behauptet, dabei aber der Immersion im Alltag gerade entgegenläuft.

Amüsierte Manipulation

Wir erfahren nicht, wie Laura und Paterson ihre Zeit erfahren, sondern im Gegenteil, wie sie sich in die von Jarmusch fügen. Seine Methode, die auf Empathie und Distanz gleichzeitig baut, ist eine der geschickten, unaufgeregten Verdichtung und offensichtlicher, amüsierter Manipulation der Wahrnehmung. Sie setzt darauf, dass wir dem Regisseur vertrauen und das sichtbare Konstrukt dulden. Das wird umso einfacher, je mehr Jarmusch vom Alltag abhebt und der Fantasie den Einzug erlaubt. Spät erst hilft sie bei der Umdeutung des Films, weg von der expliziten Ebene, hinein in eine, die mit Poesie zu tun hat, aber vielleicht gar nicht unbedingt mit der, die Paterson schreibt. Denn Jarmusch sucht von der Einfachheit aus einen Weg in die große kreative Freiheit, an die er selbst nur noch mit Mühe zu glauben scheint. Einstweilen wiederholen sich die lieblichen Motive fast bis zum Erbrechen. Den Wasserfall im Ort etwa zeigt er so oft und so lang, dass sich das Bild nicht nur abnutzt, sondern am Ende keiner mehr an dessen poetische Kraft glauben dürfte. Das wäre nicht das Schlechteste. Kann das erst mal weg, ist wieder Platz für Neues.

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