Passion

Wenn die dunklen Augen der Noomi Rapace leuchten.

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Brian De Palma, der Mafiafilm- und Erotikthriller-Virtuose, ist ein kaum zu fassender Regisseur. Und genau das ist es, was seine Filme, selbst noch die gescheiterten, so faszinierend macht. Nie ist es möglich, die Effekte und Spiegelungen seiner Werke auf eine Haltung abzuklopfen, immer befinden wir uns schon in einem Resonanzraum, der über jeden Versuch, auf einen Grund vorzudringen, einen spöttischen Hall, ein nie endendes Echo legt. Kein Wunder also, dass er für die Rückkehr zu den knisternden Täuschungsmanövern des erotischen Psychothrillers Alain Corneaus Crime d’amour (2010) als Vorlage gewählt hat. Der französische Thriller ist ein fürs De-Palma-Remake geradezu prädestinierter Film: von den geschliffenen Fassaden der Finanzwelt über die sich bekriegenden und begehrenden Frauen bis hin zu den erzählerischen Falltüren bietet er lauter Elemente, die wie geschaffen sind für den De-Palma-Twist. Passion ist auch deshalb ein faszinierendes Remake, weil es im Gegensatz zum Original nicht auf den einschneidenden Bruch in seiner Erzählung setzt, der für Corneau im Zentrum steht. Aber bleiben wir bei Passion, denn so sehr eine Gegenüberstellung hier eine komplett andere, freilich analytischere Dimension eröffnet, versteht sich De Palmas Film doch als ein sehr selbstständiges Werk, das auch auf das Wissen baut, dass Crime d’amour außerhalb Frankreichs tatsächlich weitgehend unbekannt ist.

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Passion bietet mindestens zwei Ebenen, auf denen er viel Vergnügen bereitet. Dem Auge des genreerprobten Forschers, der die langsam anziehenden Schräubchen beobachtet, liefert er Indizien und enttäuscht zugleich spielerisch seine Erwartungen, bis sich erst nach einer Stunde Laufzeit das mit Suspense gespickte Bürodrama in ein Thriller-Kondensat verwandelt. Mit der gleichen Berechtigung steht neben diesem Zugang der über seine Oberflächen und ihre vibrierenden Reibungen. Nach der schwelgerischen Noir-Hommage Black Dahlia (2006) und dem medienkritischen Kriegsfilm Redacted (2007) ist es für De Palma sowohl eine Rückkehr zum Doppelbödigen als auch eine Hinwendung zu ungewohnt intimen Settings. Der hauptsächlich in Berlin gedrehte Passion ist minimalistisch, kaum eine Szene spielt im Freien, nur ein paar Hausansichten und ein U-Bahnhof verraten die Location. Dass ein wichtiger Büroeingang im Berliner Sony Center just an die Stelle des Filmmuseums gelegt wurde, ist eine schöne Anekdote. Dass aber im Hintergrund immer wieder der Reichstag zu sehen ist, wirkt hingegen fast schon grotesk. Berlin, danke für deine Gelder. Was Oberflächen angeht, hat De Palma stets das richtige Gespür dafür, um sie dem Film gleichermaßen als Ausstattung einzuverleiben und ihnen als signifikante Gegenstände ihre Widerspenstigkeit zu lassen, sodass sie sich aufdrängen, ohne aber bloße Bedeutungsträger zu sein.

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Ganz am Anfang steht ein Apple-Monitor, der angebissene Apfel auf silbernem Metall eröffnet Passion. Das Logo hat unseren Alltag längst infiltriert, und aus den Büros der Koch Image International (eine Anspielung an die Tea Party-finanzierenden Koch-Brüder?), der PR-Agentur, für die Christine (Rachel McAdams) und Isabelle (Noomi Rapace) arbeiten, sind sie genauso wenig wegzudenken. Auch wenn sie gerade, wie am Anfang, eine Kampagne für Smartphones von Panasonic gestalten sollen. Ironie, anyone? Doch dann sind wir auch schon, einer überbordenden Anzahl an Close-ups sei Dank, gleich versunken in die Gesichter der beiden Frauen. Es ist ihr Verhältnis, die Spannung zwischen der selbstbewussten Vorgesetzten und ihrer aufstrebenden Untergebenen, die der  aseptischen Bürowelt Leben einhaucht. Aber was für welches! Noomi Rapace und Rachel McAdams spielen als liebende, wollüstige, kontrollierte und fiese Frauen die moderne Projektion starker weiblicher Charaktere, die sich nehmen, was sie wollen, und es auch bekommen. De Palma lässt sie Passion tragen, denn tatsächlich sind die Intrigen, Geschäfte und Kampagnen sowohl dem Film als auch den Figuren gleichgültig. Ihnen geht es um die Rädchen der Psychologie, die sich in ihrem Sinne drehen sollen. Zunächst ist das in Richtung Zuneigung, Bewunderung und Liebe – als dann aber die Ambitionen beider sich in den Weg kommen und zwei weitere Figuren sie gegeneinander aufzubringen versuchen, beginnt eine Spirale der feindseligen Konkurrenz und Demütigung, bis hin zum superben Mord.

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Die Mord-Szene, sie allein könnte Seiten füllen, hat De Palma zurück zum Split Screen gebracht. Und obwohl mit ihr der Film noch lange nicht zu Ende ist und die Wendungen nun erst so richtig beginnen Fahrt aufzunehmen, ist sie doch Passions leiser, intensiver und zugleich spektakulärer Höhepunkt. Isabelles dunkle Augen sind fest auf das Ballett Der Nachmittag eines Fauns (L’Après-midi d’un faune) gerichtet, und dieses blickt auf sie und uns zurück. Auf der anderen Seite des Bildes ist das Schicksal von Christine schon längst besiegelt. Es ist ein zugleich zärtlicher und genauestens geplanter Moment, dem De Palma gerade durch diese Verdoppelung den gewohnten Spannungsaufbau nimmt, um ihm seine Wirkung erst zu ermöglichen. Es ist der Kulminationspunkt eines dank seiner Stringenz und Zurückhaltung bravourös effektvollen Films, kaltblütig, ganz wie Opfer und Täter.

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