Parker

Der neueste Film nach Donald E. Westlakes Parker-Romanen schießt nicht aus unmittelbarer Nähe, sondern in den Ofen.

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Job – Verrat – Vergeltung, das sind die drei Schlüsselbegriffe, die die Essenz der klassischen Gangstergeschichte beschreiben. Der Job, das ist der sorgfältig geplante Überfall. Taylor Hackfords aktueller Film beginnt genau damit. Der akribisch durchgeführte Raub ist dabei nur Nebensache, zweimal wird er von merkwürdig kitschig ausgeleuchteten Flashbacks unterbrochen, die etwas über die Hauptfigur Parker (Jason Statham) erzählen. Nach zwar nicht ganz planmäßig gelaufener, letztlich aber doch erfolgreicher Aktion diskutieren die Gangster noch im Fluchtauto über die Beute. Als Parker die Pläne, das Geld in einen neuen Job zu investieren, ablehnt, wird er von den anderen niedergeschossen und am Straßenrand zurückgelassen. Damit hat Parker die ersten zwei Komponenten abgehakt und widmet sich den restlichen 100 Minuten ausgiebig der Rache. Denn der Titelheld ist natürlich nicht tot, sondern braucht nur eine kurze Genesungsphase, um seine ehemaligen Partner zu jagen.

Wer sich anhand dieses Plots an den Klassiker Point Blank (1967, der Titel lässt sich als „Schuss aus unmittelbarer Nähe“ übersetzen) erinnert fühlt, liegt völlig richtig. Hackfords Parker basiert wie John Boormans und einige andere Filme (u.a. Made in USA (1966) von Jean-Luc Godard) auf einer Romanvorlage von Donald E. Westlake, der unter dem Pseudonym Richard Stark von 1962 bis zum seinem Tod 2008 insgesamt 23 Parker-Romane veröffentlichte. Point Blank wie auch Brain Helgelands Payback (1999) mit Mel Gibson hatten den Erstling der Reihe The Hunter zur Grundlage, Parker, in dem für die Hauptfigur zum ersten Mal der Name der Romanfigur übernommen werden konnte, den siebzehnten Band Flashfire. Doch der Unterschied im Grundgerüst der Handlung ist verschwindend gering.

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Die Parker-Geschichten haben ihren eigenen Kosmos, der sich an gängigen Vorstellungen des Krimis kaum messen lässt. Der Protagonist ist hier ein wahrer Antiheld, er handelt nicht unmoralisch, sondern schlichtweg frei von Moral. Das Einzige, was zählt, ist die eigene Weltordnung. Wird diese aus dem Gleichgewicht gebracht, ist es oberstes Gebot, sie wiederherzustellen, gleich welche Kosten dies verursacht. Parkers Rache erfolgt also weder aufgrund verletzter Gefühle noch aus Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern allein aus Prinzip. Aus dieser Attitüde der Hauptfigur, die die Handlung zielstrebig und schnörkellos vorantreibt, beziehen die Gangstergeschichten um Parker ihren Reiz. Lee Marvin, dessen Figur in Point Blank den sinnträchtigen Namen Walker erhielt, kämpfte sich so in einer Mischung aus schlafwandlerischer Gesteuertheit und beinahe kindlich-unschuldiger Direktheit auf die höchste Ebene eines Verbrechersyndikats durch.

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Im Gegensatz zu Boorman schafft es Hackford nicht, den eigenständig rauen Charakter der Figur und die Stringenz des Parker’schen Gangsterkosmos auf die Leinwand zu übertragen. Zwar ist Parker kein typischer Statham-Actionfilm. Vielmehr wird versucht, den Körper des Schauspielers in seiner Verletzlichkeit auszustellen. Mehr als einmal nimmt die Kamera anstelle der gestählten Bauchmuskeln Parkers narbenübersäten Rücken in den Fokus, und ein Kampf mit einem auf ihn angesetzten Auftragskiller wird zu einem recht uneleganten Gerangel, bei dem sich Parker in Großaufnahme ein Messer durch die Hand treiben lassen muss. Dennoch schafft es Statham nicht, seiner Figur eine Charakteristik jenseits seiner üblichen Rollen zu verleihen. Bei Parker schimmern permanent allzu deutlich Chev Chelios (Crank, 2006), Frank Martin (The Transporter, 2002) oder Lee Christmas (The Expandables, 2010) durch. Da der Schauspieler Jason Statham weniger Charakterdarsteller als vielmehr Emblem für eine bestimmte Form der Kinounterhaltung ist, sollte man das seiner Leistung wohl kaum als Defizit anrechnen. Sein Rollentypus gewährleistet sicherlich, die übliche Zielgruppe für den Film zu gewinnen. Ähnlich steht es auch mit der weiblichen Hauptfigur Leslie als opportuner Komplizin Parkers, bei der Jennifer Lopez’ Persona, geprägt aus diversen Romantic Comedies, ebenfalls sehr deutlich mitschwingt.

Hackfords Parker ist ein allzu unbedarfter Versuch, die Faszination für die ruppige Straightness des Gangsterfilms in den Mainstream zu übertragen. Das Drehbuch ist stets bedacht, die Ambivalenz der Figuren unter Kontrolle zu halten. Dass Parker in diesem Film zwar - wenn auch nicht zu den Bösen – jedenfalls nicht zu den Guten gehört und dennoch sein Herz am rechten Fleck hat, wird gleich zu Beginn der Geschichte klar. Während des Überfalls ist Parker symbolträchtig als Priester gekleidet und bringt eine Geisel durch ein beinahe therapeutisches Gespräch dazu, in der Krisensituation die Nerven zu bewahren. Auch wenn klar ist, dass Parker ebenfalls nur ein verkleideter Partner der Räuber ist, sprechen ihn die Geiseln aufgrund dieser Aktion weiterhin als Pater an. Kleine humoristische Auflockerungen dieser Art durchziehen den kompletten Film.

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Schließlich kippt die ganze Geschichte von kontrollierter Ambivalenz in eine Gut-Böse-Dichotomie simpelster Art. Am Ende sind die Bösen alle tot und die Guten alle glücklich, nicht zuletzt wegen monetären Gewinns. Die Glorifizierung des stets sympathischen Antihelden, die bereits zu Anfang durch die Priestermontur einen Schritt ins Heilige machte, findet am Ende eine geradezu aberwitzig gesteigerte Klammer. Die Familie, die den angeschossenen Parker aufgelesen und gepflegt hat und schließlich unerwartet einen Anteil aus der finalen Beute erhält, hat für die Begegnung mit dem Fremden keine andere Erklärung als den Test durch einen Engel. Eine letztlich so schlichte Figurenkonstellation hat mit der schmucklosen Geradlinigkeit gelungener Gangsterfilme wenig zu tun.

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Kommentare


Ghijath Naddaf

Grosser Gott ! Der Mann heisst Donald E.Westlake.


Frédéric

Danke für den Hinweis, der Fehler ist behoben!






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