Parked - Gestrandet

Gemeinsam in der Misere.

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Parked – Gestrandet zeigt uns so etwas wie eine soziale Utopie in Miniaturformat. Im wirtschaftlichen Abseits begegnen sich da zweierlei gesellschaftliche Typen, die sich im Normalfall wohl nicht zuletzt über ihre gegenseitige Geringschätzung voneinander abgrenzen würden. Der Spießbürger um die 50 und ein jugendlicher Drop-Out. Insofern – in etwas spekulativen Rahmen gestellt und angesichts der Tatsache, dass der Film im heutigen Irland spielt – gibt es Hoffnung jenseits der Finanzkrise. Denn wenn die Gesellschaftsmaschine mit ihrer finanziell organisierten Einteilungslogik einmal wirklich ins Stottern kommt, öffnen sich wenigstens Räume für zuvor schwer vorstellbare Begegnungen.

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Der eine hat seine Chancen unwissentlich vertan, der andere wohl nie wirklich eine ergriffen. Fred (Colm Meaney) hat zwar im Ausland gearbeitet, aber nach seiner Rückkehr in die irische Heimat fehlt ihm ein Wohnsitz. Und da Sozialleistungen nur an Bittsteller mit fester Adresse verschickt werden, hat er auch kein Geld, um sich ein Quartier zu suchen. Also wohnt Fred in seinem marineblauen Mazda, der die meiste Zeit auf einem Parkplatz nahe Dublin steht. Immerhin direkt am Meer. Und schon haben wir die Titel-Metapher: Fred ist stehen geblieben im sich ständig bewegten Leben. Techno-Kid Cathal (Colin Morgan) stellt seinen neongelben Fiat irgendwann auf dem gleichen Parkplatz ab, weit weg vom Vater, der den Konsum des Sohnes für den Tod der Mutter verantwortlich macht, und wahrscheinlich auch weit weg von Ausbildungsplätzen, Schulen, dem immer härter werdenden Kampf um die Zukunft.

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Trotz seines sozialkritischen Anstrichs geht es Parked aber nicht in erster Linie um Analyse oder Dokumentation, sondern essenziell um den Bericht einer unwahrscheinlichen Freundschaft. Fred und Cathal bilden eine Art komplementäre Schicksalsgemeinschaft, bei der die versäumten Erfahrungen des einen die des anderen korrigieren. Der träge und füllige Disziplinmensch Fred hat die notwendige Ruhe, um Uhren zu reparieren und Tiefschläge des Lebens zu ertragen. Er ist ein gefallener Bildungsbürger, der Dante zitiert und dem Jungen ein paar klassische Tugenden lehren kann. Im Gegenzug ist der von Drogen ausgezehrte Cathal hibbelig und asozial genug, um den Alten zu ein paar späten Mutproben und Experimenten zu verleiten. Colin Morgan macht etwas Bewundernswertes mit dieser Figur, indem er ihren wirklichen inneren Konflikt als Kampf zweier virtueller Lebensalter erscheinen lässt. Rehaugen und faulige Zähne: Hier trifft kindliche Unschuld auf verfrühte Bitternis.

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Parked ist ein Buddy-Movie im Stillstand, zwischen rauer See und tristem Land, aber erzählt in versöhnlichen Tönen. Das Meer bleibt, wie wütend es auch tobt, hübsch anzuschauen, und die Gesellschaft ist stets liebenswert, trotz Kleinganoven und dauerentnervter Sozialarbeiter. Regisseur Darragh Byrne kommt aus dem dokumentarischen Bereich, für sein Spielfilmdebüt hat er sich stilistisch etwas weiter vorgetastet. Seine digitalen Bilder spielen gekonnt mit Farben und Schärfen, mal verbreitet ein stählernes Blau fast metaphysische Katerstimmung, dann wird alles in Sonnenuntergangsgelb gehüllt und damit hell und versöhnlich. Die teils superflachen Schärfebereiche können auch zwei Gesichter, die in eine enge Fahrerkabine gezwängt sind, unendlich weit voneinander entfernen, zwei Menschen und zwei Biografien, die keine Welt teilen. Aber dann wird das Bild komplett weich, und die Trennungen zerfließen.

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Sein versöhnlicher Grundton verleiht dem Film einen starken Eigencharakter, aber raubt ihm zugleich einige notwendige Untiefen. Gerade Cathals Drogensucht wird mehr behauptet als intensiv und glaubwürdig inszeniert, er ist eigentlich immer gut ansprechbar und flink im Kopf. Gegen Ende, wenn sich die Dinge wie in jedem dramatischen Stoff zwangsläufig dramatisieren, wird das zum Problem: die Fallhöhe, die Gefahr für den troubled boy ist schwer einzuschätzen, ein durchschnittlicher ADHSler wäre nicht stärker verhaltensauffällig. Und plötzlich geht es um Leben und Tod. Dieser spürbare inszenatorische Unwille, auch mal richtig hässlich zu werden und die Brutalität des Lebens auf der Straße anklingen zu lassen, manifestiert sich in einem sehr großzügig eingesetzten, allzu klebrig-lebensfrohen Klaviersoundtrack.

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Byrne hätte seinen Zuschauern durchaus mehr Düsternis zumuten können. Aber es ist auch ein Statement, auf der Feelgood-Seite der Armut zu bleiben. So verringert man die Distanz zwischen den Figuren im Film und dem Kinopublikum. „Seht her“, scheint uns Byrne zu sagen: „Das hier sind Menschen wie ihr! Ihr Schicksal kann euch schneller ereilen, als ihr glauben mögt.“ Diese Haltung ist es, die von Parked bleibt: ein Ausblick aus der immer stärker bedrohten Mitte der Gesellschaft in ihren möglichen Abgrund. Und der Abgrund blickt in die Mitte der Gesellschaft zurück: „Hier ist es gar nicht so anders als bei euch.“

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