Paris gehört uns

Unter den zentralen Autoren der Nouvelle Vague bleibt Jacques Rivette mit Abstand der geheimnisvollste – sicher auch, weil er wie in Paris gehört uns gerne mit dem Mysteriösen in seinem Oeuvre spielt.

Paris gehört uns

Theater und Verschwörung sind zwei Konstanten, die sich von Anfang an durch Rivettes Filmarbeit ziehen. Das Regieabenteuer seines Debütfilms Paris gehört uns (Paris nous appartient, 1961), bereits im Juli 1958 begonnen und aufgrund ausgesprochen schwieriger finanzieller Bedingungen erst drei Jahre später fertiggestellt, spiegelt sich innerhalb der Geschichte im hoffnungslosen Unterfangen des Theaterregisseurs Gérard (Giani Esposito) wider, der Shakespeares Perikles unter ähnlich heiklen Zuständen zu inszenieren versucht. Gérard gehört zu einer Gruppe Künstler und Bohemiens, in die die junge Studentin Anne (Betty Schneider) von ihrem Bruder Pierre (François Maistre) eingeführt wird. Dort wird aufgeregt vom mysteriösen Tod des jungen Spaniers Juan, eines begnadeten Musikers und militanten Anarchisten, gesprochen. Selbstmord oder Mord? Anne entdeckt plötzlich unzählige erschreckende Hinweise auf eine Weltverschwörung. Aus Liebe zu Gérard, dessen Leben angeblich ebenfalls bedroht ist, versucht Anne die Umstände von Juans Tod zu erhellen. Ihre Suche führt sie auf die Spur einer kriminellen Organisation, in der ihr eigener Bruder verstrickt zu sein scheint – wenn nicht Anne die ganze Geschichte einfach nur geträumt hat …

Paris gehört uns

Rivettes Film mit seinem zentralen Verdacht einer vermeintlichen faschistischen Konspiration und unzähligen politischen und biblischen Anspielungen auf den Weltuntergang reflektiert die intellektuelle Stimmung zum Ende der IV. Republik, in der die Erinnerungen an den Holocaust und die Atombombe apokalyptische Ängste nährten. Annes Suche, die am Ende nicht aufgehen wird, führt die Regeln des Detektivfilms ad absurdum. Ähnlich, wie es zum Beispiel Alain Robbe-Grillet in seinen Kriminalromanen gemacht hat, löst sich Rivette von der vereinfachenden Vorstellung einer kohärenten Weltordnung, die in einer klassischen Geschichte mit ihrem Anfang und logischem Ende repräsentiert ist. Paris gehört uns zeichnet ein labyrinthisches Paris mit unzähligen Gängen und Treppenhäusern, in denen Anne keine lineare Bewegung hin auf die Lösung des Rätsels, sondern eine kreisförmige Bewegung zurück zu ihrem Ausgangspunkt vollzieht. Die Protagonistin bleibt verloren im Labyrinth der möglichen Interpretationen. Auch dem Zuschauer bietet Paris gehört uns keine abschließende Erklärung, sondern lediglich eine ungeordnete Ansammlung von Elementen, die sich zu keinem kohärenten Ganzen mehr zusammenfügen. „Nichts wird stattgefunden haben als der Raum“, erklärt Rivette; jedweder Interpretationsversuch ist die willkürliche Projektion von Sinn auf eine nihilistisch weiße Leinwand.

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