Paranoid Park
In seinem poetischen Bilderrausch über einen schwermütigen Skater widmet sich Gus Van Sant erneut einer ebenso anmutigen wie abgründigen Jugend.
Als Gus Van Sant Ende der neunziger Jahre plötzlich Filme in Hollywood drehte (Good Will Hunting, 1997; Finding Forrester, 2000), schien das eine endgültige Abkehr von seinen Wurzeln als unabhängiger Filmemacher zu sein. Umso überraschender kamen die formalen Experimente der aus den Filmen Gerry (2002), Elephant (2003) und Last Days (2005) bestehenden „Trilogie des Todes“. Anstelle einer Handlung gab es bloße Szenarien, denen sich Van Sant mit meditativen Steadicam-Fahrten, einer Durchbrechung der Chronologie und wechselnden Erzählperspektiven näherte. Nach diesen eigenwilligen Aufarbeitungen realer Ereignisse wie dem Columbine-Amoklauf und dem Selbstmord Kurt Cobains nimmt sich Van Sant in seinem neuesten Film Paranoid Park einer frei auf Dostojewskis Schuld und Sühne basierenden, literarischen Vorlage des Kinder- und Jugendbuchautors Blake Nelson an.
Schon der Begriff Paranoid Park, der eine fiktive Skate-Anlage in Portland bezeichnet, ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen jugendlicher und erwachsener Welt. Denn während dieser unwirkliche Ort, der sowohl Treffpunkt für erfahrene Skater wie auch gesellschaftliche Außenseiter ist, von seinen Besuchern Paranoid Park genannt wird, bezeichnen ihn Erwachsene schlicht als Eastside Skatepark. Skater Alex (Gabe Nevins) wird in diese geheimnisvolle Welt eingeführt und in einen Zwischenfall verwickelt, bei dem ein Sicherheitsbeamter ums Leben kommt. Doch die Wiedergabe dieser eigentlich linearen Geschichte ist für Van Sant nur bedingt interessant. Paranoid Park bedient sich einer sehr elliptischen Erzählweise, die aus der Story ein filmisches Puzzle macht. So sind etwa Szenen vom Ende der Handlung bereits zu Beginn zu sehen, anschließend erforscht der Film ihre Vorgeschichte und schließlich werden dieselben Szenen noch einmal in ihrem eigentlichen Kontext gezeigt.
Der deutlichste Bruch zwischen Paranoid Park und Van Sants Trilogie ist jedoch nicht die stärkere Einbeziehung einer Handlung, sondern der Wechsel von einer minimalistischen Formsprache zu einem reichen Repertoire audiovisueller Mittel. Die Tonspur wird nicht mehr vom Originalton dominiert, sondern von einem kontinuierlichen Soundteppich, der solch unterschiedliche musikalische Stile wie Folk, Hip Hop, Hardcore oder Nino Rotas Kompositionen für Federico Fellini vereint. Dabei nimmt die Musik nur selten eine rein illustrative Funktion ein. Wenn Alex sich von seiner Freundin Jennifer (Taylor Momsen) trennt, blendet Van Sant den Dialog aus und untermalt die Einstellung einer immer wütender werdenden Jennifer mit einer süßlichen Komposition Rotas. Dabei entsteht durch den Bruch zwischen Musik und Bild eher eine irreale Atmosphäre als ein sarkastischer Kommentar des Gezeigten.
Noch auffälliger als der Einsatz von Musik, ist die Kameraarbeit von Christopher Doyle. Mitunter wirkt Doyles expressiver Stil mit seinen Über- und Unterbelichtungen, einer beweglichen Kamera und dem massiven Einsatz von Zeitlupe wie eine protzige Aneinanderreihung verschiedener Gestaltungsmittel und bewegt sich an der Grenze zur Gefälligkeit. Doch gerade dem im zeitgenössischen Kino inflationären Einsatz von Zeitlupe können Van Sant und Doyle noch etwas abgewinnen, in dem sie ihn inhaltlich motivieren. Denn letztendlich dienen alle audiovisuellen Mittel dazu, die Befindlichkeit des Protagonisten über eine sinnliche Ebene zu vermitteln. Mit Zeitlupe und Großaufnahmen von Alex’ schwermütigem Gesichtsaudruck kultiviert Van Sant eine Melancholie der Adoleszenz. Zwar werden auch typische Probleme junger Menschen wie sexueller Notstand oder die Scheidung der Eltern miteinbezogen, seine wahre Stärke entfaltet Paranoid Park aber, wenn er sich vom Alltäglichen entfernt und den Gemütszustand seiner Hauptfigur auf abstrakte Weise darstellt. Bezeichnend dafür sind die von Rain Kathy Li gedrehten, traumwandlerischen Super-8-Szenen, in denen die Skater minutenlang wie schwerelos durchs Bild schweben
Ein derart romantisches Grundkonzept funktioniert natürlich nur, wenn zumindest ansatzweise eine Identifikation mit der Hauptfigur ermöglicht wird. Nachdem Van Sants Blick auf seine Figuren in den letzten Filmen sehr distanziert war, nähert er sich Alex nicht nur mit musikalischen und bildnerischen Mitteln, sondern auch mit Tagebucheinträgen aus dem Off an. Eine vollständige Identifikation mit einem sich im Laufe der Handlung weiter entwickelnden Protagonisten bleibt allerdings schon allein wegen der unchronologischen Reihenfolge dieser Einträge aus. Bei genauerem Hinsehen ist Paranoid Park eben doch nicht so geschmeidig und leicht zugänglich, wie es seine Ästhetik zunächst vermuten lässt.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 30.04.2008
Kommentare zu Paranoid Park
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Paranoid Park. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Paranoid Park
Frankreich, USA 2007
Laufzeit: 85 Minuten
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Gus Van Sant
Basierend auf Paranoid Park (2006) von: Blake Nelson
Produktion: Marin Karmitz, Neil Kopp, David Cress, Nathanaël Karmitz
Bildgestaltung: Christopher Doyle
Montage: Gus Van Sant
Darsteller: Gabe Nevins, Daniel Liu, Scott Patrick Green, Jake Miller, Taylor Momsen, Lauren McKinney, Grace Carter, Jay „Smay“ Williamson, Christopher Doyle
Kinostart: 15.05.2008
DVD-Angaben
Titel: Paranoid Park
Vertrieb: Pierrot Le Fou
Bild: 1,33:1, k.A.
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 85 Minuten
Extras: Making of; Interview; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 07.11.2008
Copyright Paranoid Park
Fotos: © Peripher
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Aktuelle Filme
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
The Firm
R: Alan Clarke
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Die Drei Musketiere
R: Paul W. S. Anderson
Johnny English - Jetzt erst recht
R: Oliver Parker
Restless
R: Gus Van Sant
Aktuell im TV
Berlin is in Germany
Nacht von Do auf Fr, 09.02-10.02., 01:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat
Requiem
Fr 10.02, 22:40 Uhr, Festival (ARD digital)
Mulholland Drive
Sa 11.02, 21:45 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Waltz with Bashir
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 02:35 Uhr, arte
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte

















