Paradies: Glaube

Udo Jürgens wünschte seiner Tochter einst Lieben ohne Leiden. Sein Landsmann Ulrich Seidl porträtiert eine Frau, die gerade durch ihr Leiden liebt. Und dann auch noch jemanden, der seit über 2000 Jahren tot ist.

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Für Katholiken, die ihren Glauben ein wenig zu ernst nehmen, soll das Leben ein langer, steiniger Weg sein. Immer wieder wird das Martyrium, das Jesus einst auf sich genommen hat, von seinen Schäfchen aufs Neue nachempfunden. So wie bei Anna Maria (Maria Hofstätter), die sich vor zwei Jahren Gott zugewendet hat, und zwar auf die schlimmste erdenkliche Weise. Durch ihren Alltag ziehen sich verschiedene Rituale der Demut. Um sich vor unkeuschen Gedanken zu bewahren, geißelt sie sich selbst oder rutscht betend auf den Knien durch die penibel sauberen Räume ihrer mit Devotionalien gepflasterten Wohnung. Daneben kämpft sie mit einer Gruppe Gleichgesinnter für ein ambitioniertes Anliegen: Österreich soll wieder katholisch werden.

Nach Paradies: Liebe (2001), dem ersten Teil einer Trilogie über die Suche dreier Frauen nach dem persönlichen Glück, hat Ulrich Seidl mit Paradies: Glaube ein konsequentes Gegenstück gedreht. Während ihre Schwester Teresa bei jungen afrikanischen Männern die Liebe suchte und höchstens Sex fand, hat sich Anna Maria für ein Objekt der Begierde entschieden, das reine Projektionsfläche ist. Natürlich lässt sich jemand grenzenlos idealisieren, wenn er nur in Form von Bildnissen präsent ist. Seidl widmet sich einer Frau, die ihr ganzes Leben auf Jesus ausgerichtet hat, ihre Liebe, aber auch ihre sexuelle Lust, die in masochistischen Handlungen der Buße ihr Ventil findet. Hier sehen wir eine Frau, die auf ein Leben voller Enttäuschungen zurückblickt und ihre letzte Hoffnung in der Selbstkasteiung sieht.

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Paradies: Glaube ist ganz auf Hauptdarstellerin Maria Hofstätter zugeschnitten, die seit ihrer viel beachteten Rolle als Anhalterin in Hundstage (2001) zum festen Ensemble des Regisseurs gehört. Wie ihrem Spielleiter gelingt ihr souverän der fließende Wechsel zwischen komischen und bedrückenden Momenten, zwischen Karikatur und einer komplex gezeichneten Figur mit tragischer Dimension. Die Qualität von Seidls Filmen bestand schon immer darin, die Ambivalenz der dargestellten Charaktere heraus zu arbeiten. Und selbst wenn Anna Maria vielleicht ein wenig überzeichneter ist als Figuren aus früheren Arbeiten, eröffnet sich auch diesmal wieder die ganze Komplexität des Menschseins.

Zunächst ist Paradies: Glaube sehr komödiantisch und stellt die Schwächen seiner Protagonistin mitleidslos aus. Mit einer Madonnen-Statue bewaffnet zieht sie von Haustür zu Haustür, um Einwandererfamilien und in wilder Ehe lebende Paare zu missionieren. So komisch diese Momente mitunter sind, es wird schnell klar, dass Seidl nicht auf den schnellen Witz aus ist, sondern ein aufrichtiges Interesse am widersprüchlichen Seelenleben seiner Anti-Heldin hat. Eines nachts stößt Anna Maria etwa, aufgeschreckt von seltsamen Geräuschen aus dem Gebüsch, auf eine proletarische Swinger-Orgie, wie sie sich nur Seidl ausdenken kann. Doch anstatt die Christin zum Amüsement des Publikums wüten zu lassen, kommt es zu einem ernsthaften Moment des Zweifelns. Das Aufeinanderprallen von grenzenloser Empörung und unterdrückter Begierde raubt ihr jegliche Möglichkeit zu handeln und versetzt sie in eine Schockstarre.

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Mit stilisierter Authentizität nähert sich der Film einem Leben jenseits des Genusses. Seidls konsequente Weigerung zur dramaturgischen Zuspitzung sorgt dabei lediglich für eine inhaltliche Entscheidung, die in diesem Regie-Konzept wie ein Fremdkörper wirkt. Dass eines Tages Anna Marias jahrelang abwesender Mann plötzlich wieder auftaucht, ist eine Sache. Dass es sich bei ihm auch noch um einen ebenso wenig aufgeschlossenen Moslem handeln muss, wirkt aber ein bisschen zu sehr wie ein Drehbuchkonstrukt. Wirklich schaden kann diese Idee dem Film freilich nicht, dafür ist der erbitterte Glaubenskrieg, der sich zwischen den Eheleuten abspielt, auch zu eindringlich inszeniert.

Seidl ist ein Regisseur, dessen Stärke eher in der Gestaltung von Einzelszenen, als in einer ausgefeilten Gesamtdramaturgie lag. Paradies: Glaube ist wieder voll von solchen kleinen, meist großartigen Episoden, die zwar keiner klassischen Erzählökonomie folgen, aber trotzdem ihren Platz im Film finden. Die langen improvisierten Szenen, in denen die Darsteller an ihre Grenzen gehen, sind nach wie vor die Königsdisziplin des Regisseurs. Man sehe sich nur an, wie sich Maria Hofstätter mit einer betrunkenen und zunehmend aggressiven Immigrantin ein sprachliches und handgreifliches Duell von ungemeiner Intensität liefert. Und Busenfetischist und Alltagsphilosoph Rene Rupnik, von Seidl bereits im Dokumentarfilm Der Busenfreund (1997) porträtiert, darf in einer anderen Szene seine Entertainer-Qualitäten zum Besten geben.

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Paradies: Glaube wirkt trotz seiner Heterogenität konzentrierter und dichter als frühere Arbeiten Seidls und ist immerhin der erste seiner Spielfilme unter der Zwei-Stunden-Grenze - wenn auch nur um einige Minuten. Die Arbeitsweise des Regisseurs hat sich wie der technische Stab allerdings nicht geändert. Überraschungen sucht man hier nach wie vor vergeblich. Wer aber sehen möchte, wie einer der wichtigsten Regisseure der Gegenwart sein filmisches Vokabular ein weiteres Mal unter wechselnden thematischen Vorzeichen neu zusammensetzt und dabei eine beeindruckende Professionalität an den Tag legt, für den wird auch diese Reise in die geschundene Seele seiner Protagonistin wieder zu den Höhepunkten des Kinojahres zählen.

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Kommentare


Sven

Dumm-dreistes, ekelhaft blasphemisches Machwerk auf primitivsten Niveau, dessen widerlicher Zweck einzig die Verhöhnung des christlichen Glaubens ist.
Die Hintermänner solcher asozialer Schmähfilme gehörten strafrecht belangt!


Frédéric

Der Vorwurf der Blasphemie wird heutzutage wohl gerne verwendet. Die Entrüstung ist meines Erachtens unnötig und unproduktiv: Der Film ist zum Teil satirisch, zum Teil eine Karikatur, dann aber auch, wenn man länger hinguckt mindestens über das Schauspiel auch ein Plädoyer für einen genaueren Blick auf erstmal offensichtlich zuzuordnende Figuren und ihre Positionen. Klar, manch einer wird erröten und nur noch die Provokation sehen. Aber das sagt, wie so oft, viel über den Rezipienten aus.


Sven

"Der Vorwurf der Blasphemie wird heutzutage wohl gerne verwendet."
Ist das ein Argument? Oder nur eine Feststellung? Gibt es nicht schon zuviel Spott über Relgionsgemeinschaften oder wird nur "der Vorwurf der Blasphemie" zu oft erhoben??

"Entrüstung ist meines Erachtens unnötig und unproduktiv."
Wohl so unnötig und unproduktiv wie dieses hetzerische Machwerk selbst. Ziemlich seltsam, den Verspotteten das Recht auf Entrüstung zu nehmen...

"mindestens über das Schauspiel auch ein Plädoyer für einen genaueren Blick auf erstmal offensichtlich zuzuordnende Figuren und ihre Positionen"

Ehrlich gesagt ist der Film ziemlich platt, bedient sämtliche antikirchlichen Klichees und versucht gezielt die Provokation.

"Klar, manch einer wird erröten und nur noch die Provokation sehen. Aber das sagt, wie so oft, viel über den Rezipienten aus."

Dies ist an Zynismus wohl kaum zu überbieten. Wenn jemand es wagt, sich dagegen zu wehren, dass er, sein Glaube oder seine Glaubensgemeinschaft verhöhnt, angepöbelt oder in den Dreck gezogen wird, dann sagt das "viel über den Rezipienten aus". Schuld sind die Opfer des Spotts ja selber, offenbar wurde ja doch ein Nerv getroffen...


Frédéric

Wenn der Film "dumm-dreist" "auf primitivsten Niveau" ist, wozu müssten dann die "Hintermänner" strafrechtlich belangt werden? Welches Verbrechen haben sie denn begangen?
Meine erste Antwort war vielleicht etwas voreilig-distanziert. Ich wollte vor allem nicht Ihre Position hier unkommentiert stehen lassen.
Da der Film offensichtlich zumindest Sie provoziert hat, vielleicht könnten Sie erklären, worin der Film blasphemisch ist und warum der "Spott" verboten gehört. Da wo ich versuchte, meinen Eindruck vom Film zu rekonstruieren: "satirisch ... Karikatur ... Plädoyer für einen genaueren Blick" könnten Sie vielleicht anschließen. Sie schreiben, der Film sei "platt" und "bedient Klischees". Und weiter? Damit ist ja noch nicht viel gesagt. Und das trifft auch nur Passagen des Films, der insgesamt deutlich komplexer auf mich gewirkt hat, als die ersten zwanzig Minuten vermuten lassen würden.
Das ist natürlich nur ein Vorschlag, hier ein Gespräch entstehen zu lassen, aber ich fände es schon hilfreich, damit es nicht bei der Entrüstung bleibt - die ja nur einen Affekt kommuniziert, aber keine Beweggründe dafür. Das ist immer schwer verständlich für ein Gegenüber, das selbst nicht entrüstet ist, nicht provoziert wurde.






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