Parabellum

Diagonale Graz 2015: Der Sturm vor der Ruhe. Lukas Valenta Rinners Film ist eine durch und durch rätselhafte Konstruktion, die den Zuschauer fast schmerzhaft auf die Probe stellt.

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Gewummer, Getose, Explosionen und dann: nichts. Wobei „nichts“ natürlich nicht stimmt. Nach jedem Szenenwechsel geschieht etwas in Parabellum, Lukas Valenta Rinners eigenartiger Geschichte um eine Gruppe Menschen, die sich einem nicht näher bestimmbaren Survival-Camp im argentinischen Outback anschließt. Doch stiftet der Film formal wie inhaltlich so viel Verwirrung, dass sich den Geschehnissen auf der Leinwand nur allzu schwer ein eindeutiger Sinn zuweisen lässt. Da gibt es etwa einmal eine Art militärisches Manöver. Drei Menschen dieser fragwürdigen Truppe nähern sich einem Gebäude und stürmen es, zu sehen ist nur eine Außenansicht und der angrenzende Garten. Es fallen Schüsse, draußen wird ein Körper zu Boden gestreckt. Doch was geht hier eigentlich vor sich? Ist es das Gebäude, das wir vor einigen Momenten schon gesehen haben? War der Angriff fingiert? Wer gibt den Schuss aus dem Inneren des Hauses ab, wer fällt im Garten dem anderen Schuss zum Opfer? Nach dem darauffolgenden Schnitt sind wir kein bisschen schlauer. Plötzlich ruhen die Bilder wieder vollkommen in sich selbst, nur gleichmäßiges Grillenzirpen auf der Tonspur, kaum Bewegung, keine relevante Handlung. Die Figuren sind alle wieder beieinander, kämpfen sich weiter durch uns unbekannte Gefilde. Der Knoten im Gehirn, er zurrt sich immer fester zusammen.

Ein Film wie eine Festungsmauer

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Alles bleibt ein Mysterium in dieser hermetisch von uns abgeriegelten Welt. Die Distanz zu dem gleichförmig blassen Figurenkabinett, die formal allein schon zwangsläufig durch die viele Totalen und Halbtotalen aufgebaut wird, ist unüberbrückbar. Ort und Zeit bleiben vollkommen unkommentiert, genauso wie die seltsamen Lichtschweife, die ab und an jäh den Nachthimmel durchstreifen. Und zugleich spielt es überhaupt keine Rolle, was der Auslöser für die Entscheidung der Protagonisten sein mag, diese ungewöhnliche Ausbildung zu absolvieren, und wogegen sie sich eigentlich wehren. Alltagsfrust? Kapitalismus? Unfähigkeit zum zwischenmenschlichen Glück? Das Spekulieren über die Motivationen kann in Parabellum bis ins Unendliche getrieben werden. Erst sehr spät lässt sich etwas, das zu Beginn des Films aus dem Hintergrund zu vernehmen ist, als eventuelle Fährte lesen. Rinner erreicht eine tiefe Verunsicherung im Zuschauer, die nur von der Kapitulation gegenüber dem Gesehenen erschüttert werden kann. Seiner reizvollen Ökonomie des unbequemen Erzählens muss man mit viel Wohlwollen entgegentreten.

Wieder und wieder ein Schritt in die verkehrte Richtung

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Das ungreifbare Unbehagen, von dem Parabellum in jedem noch so belanglos erscheinenden Bild erfüllt ist, sitzt tief. Es manifestiert sich in diesem sprunghaften Wechsel der Szenen, in den kurzen, nicht nachvollziehbaren dramatischen Spitzen, die genauso abrupt wieder abflauen, wie sie gekommen sind. Es schält sich aus der Fahlheit und Finsternis des Bildes, bei der man den akuten Wunsch verspürt, das Geschehen würde einmal von einem riesigen lichtstarken Scheinwerfer kräftig durchleuchtet, weil mehr Licht die Anspannung etwas lösen könnte, dem Film ein wenig das Kryptische nehmen könnte. Die erste Finte lässt nicht lange auf sich warten, und der Glauben, an der Hand geführt zu werden, verpufft mit einer knallroten Texttafel, die vorgibt, ein ominöses „Buch der Katastrophen“ zu zitieren. Zunächst konzentriert sich der Film auf Señor Oviedo. Er ist der Einzige, dessen Nachnamen wir nach wenigen Momenten erfahren, dessen Alltag außerhalb des Camps Erwähnung findet und an den man sich immer wieder zu klammern versucht, bis man jegliche Versuche frustriert abbricht. Dass dann nicht er, sondern eine lange Zeit fast unsichtbare Figur eine Art Psychologisierung erfahren darf, ist eins von Rinners vielen Spielchen in Parabellum. Ein anderes ist das kontinuierliche Abstreifen des hauchdünnen skurrilen Humors, je mehr der Zuschauer sich einer Zuspitzung der Ereignisse – die es tatsächlich gewissermaßen gibt – nähert.

Licht am Ende des Tunnels

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Ganz so beharrlich versperrt sich der Film dem Zuschauer dann aber doch nicht. Die kurze Laufzeit und Rinners Gespür für ansehnliche Kadrierungen und atmosphärisches Inszenieren kommen dem Zuschauer sehr entgegen. Und mehr noch: Wenn die letzte Szene die Leinwand erfüllt, bringt Parabellum schließlich mehr als nur einen Stein ins Rollen. Plötzlich werden die Eindrücke gehörig durchgepustet und in eine Ordnung gebracht, man könnte gar sagen, Rinner löst die Verdrehung, die er so konsequent weiter zugezogen hat, und entlässt den Zuschauer in ein Gefühlsgewirr aus Erleichterung, Erlösung, aber auch Enttäuschung. Die Verunsicherung, die sich so konsequent manifestieren konnte, weicht dem abrupten Schock. Der sitzt, wirkt unangenehm und überraschend, nimmt Parabellum aber etwas von seiner seltsamen Kraft. Denn er vereinfacht sich, weist sich in gewisser Weise einem Genre zu, reicht endlich die helfende Hand, die er so lange hämisch grinsend verwehrt hat. Aus dem Gedächtnis verabschiedet sich Rinners seltsames Film-Etwas dennoch so schnell auf jeden Fall nicht. Wie schön, dass Parabellum in so eklatantem Maße unbefriedigend ist, dass man es würdigen muss.

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