Paparazzi

Ein aufstrebender Actionfilmstar sieht sein Familienglück von aufdringlichen Paparazzi bedroht und beginnt einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen sie.

Paparazzi

Mit Paparazzi, einem Debütfilm von Paul Abscal, läuft in diesen Wochen nach Vier Brüder (Four Brothers) von John Singleton ein zweiter in Amerika produzierter Film über Selbstjustiz an. Während bei John Singleton die Zerstörung der Familie durch einen Mordfall Rache provoziert, rechtfertigt bei Abscal allein die Bedrohung der familiären Einheit einen Exzess der Gewalt. Cole Hauser mimt in seiner ersten Hauptrolle recht facettenarm den Jungstar Bo Laramie, der die Schattenseite des Ruhmes in Form von vier rücksichtslosen Paparazzi kennen lernt. Diese vier Fotoreporter schrecken auf ihrer Jagd nach reißerischen Bildern nicht einmal vor Einbruch, schwerer Körperverletzung, Erpressung, Nötigung und unterlassener Hilfeleistung zurück. Die traurige Stupidität der von Anfang an vorhersehbaren Story ist bis zu ihrer fragwürdig moralischen Auflösung nicht mehr aufzuhalten. Was am Anfang wie der Versuch eines Promis aussieht, die persönliche Intimität und Lebensweise seiner wie aus dem Werbefilm entstiegenen Kleinfamilie zu schützen, schlägt schnell übers Ziel hinaus, ohne Rücksicht auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel und Reaktionen.

Zumindest bescheren die Fotografen dem Zuschauer die einzige spannende Actionszene: bei der Heimfahrt von einer Filmpremiere wird Laramies Wagen von drei Autos gerammt und abgedrängt. Im Blitzlichtgewitter verliert er die Kontrolle über sein Fahrzeug und verursacht einen schweren Unfall. Hier werden appellativ Bilder vom furchtbaren aber medienwirksamen Ende der Königin der Herzen wach und populistisch „gesundes“ Volksempfinden angesprochen. Indem die Reporter eindimensional und platt-plakativ das Böse vertreten, ist der daraus resultierende Rachefeldzug von Bo Laramie ausreichend legitimiert. Am Ende werden drei von vier Paparazzi mausetot sein und der Vollstrecker beim Tötungsakt breit grinsend seinen Spaß gehabt haben, ohne dafür von judikativen Instanzen belangt worden zu sein.

Paparazzi

Selbstquälerische Regenerierung durch Gewalt hat Tradition in der amerikanischen Filmgeschichte. Sie hat Kritiker immer wieder beunruhigt und das Publikum in großen Scharen in die Kinos gelockt. Die amerikanische Landnahme ist seit den Indianerkriegen des 18. Jahrhunderts von Anfang an mit Gewalt, Gräuel und Völkermord verknüpft. John Ford hat bereits in den fünfziger Jahren in Filmen wie Der schwarze Falke (The Searchers, 1956) das Trauma der Zivilisation, die sich durch Barbarei konstituiert, zum Thema gemacht. Ein roter Faden, der sich bis in die Geschehnisse neuesten Datums durchzieht und seinen Kulminationspunkt in der neuesten Diskussion um die Eingriffe und Aktionen des CIA findet. Der afroamerikanische Filmemacher John Singleton weist in einem aktuellen Interview auf das angestaute Klima der Angst in den USA hin. Die Politik der Bush-Regierung schürt dieses Klima ebenso wie die US-Medien. Man hat nicht nur Angst vor dem Fremden, sondern misstraut selbst dem eigenen Nachbarn. Da ist der Schritt für manche Amerikaner naheliegend, ihr „gutes“ Recht mal wieder in die eigene Hand zu nehmen und ihren persönlichen Mikrokosmos gewaltsam zu verteidigen.

Das Motiv der Selbstjustiz, die Geschichte amerikanischer Vagilanten, hat erfolgreich den Western als Genre geprägt und beispielsweise in Clint Eastwood und Charles Bronson starke Helden gefunden. Spielt jedoch Dirty Harry (1971) das Dilemma der modernen Gesellschaft inmitten seiner Unzulänglichkeiten der legalen Methoden und Instanzen noch knallhart durch, kennt das neue Rache-Kino solch bewusstes Kalkül anscheinend nicht mehr: Wenn sich die Darstellung von Selbstjustiz wie in Paparazzi zum reinen Selbstzweck ohne moralische Reflexion und ethisches Verantwortungsbewusstsein geriert, so ist dies nur noch ärgerlich.

Paparazzi

Galt früher der amerikanische Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“, so heißt es inzwischen in Hollywood „vom Friseur zum Regisseur“. Dummerweise zeigt der frühere Hairstylist Paul Abscal in seinem Actionfilmdebüt Paparazzi vom Regiehandwerk so wenig profunde Kenntnis wie sein Produzent Mel Gibson vom Locken Ondulieren. Auch der ehemalige Football-Profi Forrest Smith ist auf seinem Gebiet ein Neuling und kann mit Paparazzi nun auf sein erstes Drehbuch verweisen. Die spannungsarme und flach konstruierte Geschichte strotzt vor Ungereimtheiten und sollte besser nicht nach den Gesetzen der Logik hinterfragt werden. Die fehlende Motivation der Figuren versucht die Kamera durch bedeutungsschwangere Untersicht auf Laramie und den ohne weiterreichende Konsequenzen ermittelnden Detective Burton (Dennis Farina) auszugleichen. Die damit ausgedrückte Überhöhung dieser beiden Charaktere wirkt bemüht und wird irgendwann peinlich.

Wim Wenders stellte einmal fest: „Es gibt Filme, die von Anfang an von nichts anderem handeln als von der Brutalität, mit der sie hergestellt worden sind. Sie zeigen nicht einmal mehr ihre Schauplätze oder die Gegenstände, die in ihnen vorkommen, sondern nur noch die Lieblosigkeit, mit der sie verwendet worden sind“. Auf Paparazzi trifft dies absolut zu, auch wenn dies viel zu poetische Worte sind in Hinblick auf einen langweiligen Action-Film ohne eigentliche Action, den man am besten ersatzlos und vollständig aus dem Gedächtnis streicht, bevor man sich über die gestohlene Zeit maßlos zu ärgern beginnt.

Kommentare


Thomas Ungeheuer

Der Film ist genau so beknackt, wie ihn Simone Orb, in ihrer sehr guten Kritik, beschreibt. Im Grunde genommen gehört solcher Schund in den Giftschrank. Ich finde es äußerst schade, dass in vielen Tageszeitungen und Stadtmagazinen das Action-Genre nicht so differenziert besprochen wird wie bei Ihnen. Ich halte den Film für sehr gefährlich. Selbst wenn er vielleicht die meisten Zuschauer nicht zu mehr Selbstgerechtigkeit anregen mag- zu deren Verblödung kann er jedoch ganz sicher große Beiträge leisten.

Liebe Grüße Thomas Ungeheuer Frankfurter Neue Presse






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