Pallasseum – Unsichtbare Stadt

In Pallasseum (Unsichtbare Stadt) wird der gleichnamige Berliner Hochhauskomplex zu einer filmischen Installation. Eine Annäherung an den Film und ein Interview mit dem Regisseur Manuel Inacker.

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Pallasstraße, Berlin-Schöneberg. Langsam gleitet die Kamera durch weite Fluchten, Betonstreben fächern in alle Richtungen auf. Wo ist oben, wo unten? Wo sind wir? Das Pallasseum ist ein gigantischer Wohnkomplex, eine Stadt in der Stadt. Und er ist zum Symbol einer verfehlten Wohnungsbaupolitik geworden: anonym, zu 100 Prozent aus Beton, an menschlichen Bedürfnissen vorbei geplant. Pallasseum (Unsichtbare Stadt) ist der Versuch einer Annäherung, das Experiment einer Bildersuche hinter den Klischees und der vermeintlichen Ghettoisierung. Und zunächst einmal das Porträt eines Ortes, über den von außen schnell geurteilt wird. Dabei ist die soziale Dynamik, die ein Leben im Pallasseum mit sich bringt, schwer zu greifen und niemals abgeschlossen.

Johannes Bluth: Wie ist dir die Besonderheit des Ortes aufgefallen?

Manuel Inacker: Orte und ihre Dynamik beschäftigen mich schon lange. Ich habe vor ein paar Jahren zum Gezi-Park und dessen Geschichte gearbeitet, mitsamt seinen sozialen und politischen Verflechtungen. Das Pallasseum ist mir dann, kurz nachdem ich nach Berlin gezogen bin, beim Spazierengehen aufgefallen. Allein die Monumentalität. Davorzustehen ist allein schon eine ästhetische Erfahrung. Das hat mich umgehauen. Gerade im Vergleich zum sonst beschaulichen Schöneberg. Das war mein Ausgangspunkt für den Film.

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Wie lässt sich für ein Gebäude, in dem über 2000 Menschen wohnen, eine visuelle Form finden? Pallasseum entscheidet sich für ein ungewöhnliches filmisches Triptychon: Drei Filme laufen nebeneinander, teils parallel, teils unabhängig voneinander, fließen ineinander, trennen sich. Als parkourierten die Bilder behutsam die Schwellen zu persönlichen, aber auch abstrakt bleibenden Intimitäten: nach und nach erhalten wir Zugang zu den Wohnungen, zu den Menschen im Pallasseum. Die Kamera schaut sich um, forscht, vermisst den sozialen Raum.

Dabei ist Pallasseum kein Film der Großaufnahme, kein Dokument des persönlichen Details. Die menschlichen Bewegungen verdichten sich vielmehr zu einer Struktur: Als würden wir eher Prozesse eines Stoffwechsels betrachten als das große Ganze, die Persönlichkeiten, die Identitäten. So verläuft der Film quer zu jeglicher Sozialromantik, die immer schon ein Bild, ein Bildnis erfordert. Bevor es so weit kommen könnte, schwenkt die Kamera immer wieder ab, zentriert leere Räume, kadriert eine Geometrie des Bewohnens, als würde vielmehr das Gebäude zu einem Lebewesen, das ein- und ausatmet. Das macht Pallasseum zu einem Film, der sich schwer einordnen lässt, der vieles andeutet und keine Kausalitäten aufstellt. Allein die dreigeteilte, autonome Struktur des Bildes macht es unmöglich zu bestimmen, was nun eigentlich gerade passiert.

Wie bist du auf die Idee des dreigeteilten Bildes gekommen?

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Ich wollte einen installativen Film machen. Und schauen, wo die Grenzen zu anderen Medien verlaufen. Film hat viel mit Zeitlichkeit zu tun, aber mich interessiert er auch als Raumkunst. Und da hatten wir eben diesen gigantischen Raum, architektonisch besonders und dazu geeignet, mit verschiedenen Wahrnehmungsebenen zu spielen. Die Postproduktion war endlos, wie ein Baukasten mit einer eigenen Sprache, den wir zusammengesetzt haben.

Du zeigst Menschen, die im Pallasseum wohnen. Aber sie werden nicht individuell, keine Persönlichkeiten. War das eine bewusste Entscheidung?

Die Bildsprache vermittelt vielleicht eine gewisse Neutralität, aber dahinter ist alles radikal subjektiv gewesen. Allein durch den Zufall, der uns auf die Leute gestoßen hat. Und so gibt es eine leise Ahnung davon, was diese Leute tun und wer sie sind. Aber ihre Geschichten sind wie Echos, die durch das Gebäude hallen. Das fasziniert mich mehr, als alles erklären zu wollen. Die Andeutungen, das Drüberstreifen interessiert mich.

Ich hatte stets Gefühl, ein Gast zu sein, auch durch die Schwenks der Kamera. Dieses erste Umschauen, Orientieren, wenn man eine fremde Wohnung betritt – eine gewisse Diskretion.

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Es kommt für mich eigentlich eher darauf an, was wir nicht sehen. Gerade die Drehbewegungen erzeugen einen unsichtbaren Raum hinter der Kamera, einen offspace, der für mich spannend zu inszenieren ist. Und der Film ist total inszeniert. Ich bin da reingegangen und habe eine Stunde mit den Leuten geredet. Für jede Begegnung habe ich mir eine Kurzgeschichte ausgedacht. Die sind davon inspiriert, was ich von dem Leben dieser Menschen anfänglich erahnen konnte. Und so haben wir innerhalb kürzester Zeit etwas entworfen, ausprobiert und gedreht.

Ist das dein dokumentarischer Anspruch? Diese Art mit der Kamera zu intervenieren, einen Raum zu betreten und etwas zu erschaffen, statt es abzubilden?

Genau. So was wie einen dokumentarischen Naturalismus lehne ich eher ab. So eine Haltung wird Dokumentarfilmen nicht gerecht.

Würdest du das verallgemeinern? Bedeutet Film für dich, den Blick des Gegenübers einzunehmen?

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Das Tolle ist eben, dass man diesen Blick durch den Film einnehmen kann! Und gerade dieser „Sozialpalast“, dieses riesige, faszinierende Ding, ist in den Köpfen dermaßen verrufen. Da sind solche Barrieren in den Köpfen. Vielleicht kann der Film einen Blick dahinter ermöglichen. Das wäre dann so etwas wie eine soziale Funktion.

Also so etwas wie ein anthropologisches Kino? Was verbindest du mit diesem Begriff?

Anthropologie hat für mich etwas mit Wechselwirkungen zu tun. Es ist ein nie endender Prozess zwischen den Menschen und ihrer Umwelt. Das Zusammenleben an einem Ort, das Sich-Einrichten, all diese Dinge haben bei Pallasseum eine große Rolle gespielt. Das Menschliche ist überall: Ich habe gestern Nikolaus Geyrhalters Homo Sapiens gesehen. In dem Film kommt kein einziger Mensch vor, aber es ist trotzdem eine gigantische anthropologische Studie.

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In Pallasseum wird letztlich ein Haus zu einer Stadt. Es ist ein Untersuchungsobjekt, das sich allerdings nicht totalisieren lässt. Die Szenen aus den Leben der einzelnen Menschen wirken zwar wie aus einem großen Ganzen, aus einem sozialen Mosaik ausgeschnitten, sind aber lediglich Splitter einer Realität, die sich jeden Tag aufs Neue erschafft. Es ist auch ein ethischer Anspruch, der in Pallasseum spürbar wird: Denn eine Vereinheitlichung, eine bestimmte Aussage über das, was die Kamera zeigt, liefe bereits Gefahr, das Gebäude und seine Bewohner auf etwas festzuschreiben. Abseits des Geredes vom „Sozialpalast“ vollzieht sich im Film also vor allem eine soziale Bewegung, die für sich steht, sich nicht mehr begründen oder erklären muss – ein Empowerment des Lebens, das sich seit Jahrzehnten an diesem Ort ereignet. Tag für Tag und jenseits des Klischees.

Trailer zu „Pallasseum – Unsichtbare Stadt“


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