Palermo oder Wolfsburg

Zwischen Palermo und Wolfsburg liegen 1597 Kilometer. Seine Reise in den industriellen Norden führt Nicola in eine fremde Welt.

Palermo oder Wolfsburg

In Palermo oder Wolfsburg prallen die Sphären von Hoch – und Populärkultur ganz häufig und direkt aufeinander. Der erste Akt des dreistündigen Films ereignet sich zur Gänze in Palma de Montechiaro, einer kleinen sizilianischen Stadt. Das Leben dort ist in jedem Moment durchwirkt von Musik, fast ohne Unterlass hören wir jemand singen, ein Radio oder ein Instrument. Ein Komponist erteilt der Dorfjugend Unterricht im Gesang, da betritt ein kleiner Junge das Zimmer, springt auf den Flügel und beginnt ein Volkslied. An der Wand ein Bild des Sizilianers Vincenzo Bellini, Opernkomponist und selbst sogar Sänger. Arien aus seiner Norma hört man mehrmals in Schroeters Abfallprodukte der Liebe, den die Filmgalerie 451 zeitgleich veröffentlicht.

Schroeter zeigt uns das sizilianische Leben von Klang fast überfüllt. Eine Art trotzige Poesie begleitet die Menschen, die dichten, singen, Gitarre spielen. Nach einem Streit am Telefon mit ihrem Mann, der in Deutschland arbeitet, bleibt Rosa (Rosa Maria Cani), die immer ganz in schwarz gekleidet ist, kurz schweigend stehen. Dann beginnt sie zu singen, einsam, von der fernen Liebe. Die Dorfjugend, soeben noch am Streiten, verlässt das Billardspiel und lauscht erstarrt. Unter ihnen ist Nicola (Nicola Zarbo), dessen Reise von Süd nach Nord, zur Arbeit hin, der Film verfolgt.

Palermo oder Wolfsburg

Als er im zweiten Akt in Wolfsburg angekommen ist, betritt er mit Deutschland ein Land ohne Musik. So voller Reichtum waren die Tonspuren im sonnigen Sizilien, dass Schroeter uns die Trostlosigkeit der Industriestadt nicht nur sehen, sondern hören lässt. Unter allem dröhnt ein pochender Rhythmus: Das VW Werk, eine gigantische Maschine. Gesungen wird einmal, dann natürlich ein Schlager: „Zwei kleine Italiener“.

Nach Nicolas Mord an den Freunden seiner Liebhaberin (Brigitte Tilg), beim Gerichtsprozess, der fast die gesamte letzte Stunde füllt, zeichnet Schroeter die akustische Rohheit des Deutschtums zuletzt mit absurder, unerbittlicher Härte. Fernab einer realitätsnahen Inszenierung zerfasern die Deklamationen der Richter in Reden ohne Synkopen und Höhepunkte, die Stimme wird zur aufzählenden Maschine. Der Staatsanwalt (Otto Sander) brüllt wie Chaplins Diktator unverständliche Redebrocken, aus denen nur immer wieder das Wort „Sachverhalt“, „Sachverhalt“ hinausragt wie ein Stachel verzweifelter Kontrollwut.

Die Stimme, das Fleisch der Seele. Welche Seele haben wir Deutschen in den Ohren Schroeters?

Palermo oder Wolfsburg

Diesen Konflikt zwischen zwei getrennten Welten, zwischen der Poetik und Musikalität des Südens, wo trotz Armut das Leben an jeder Ecke hör- und sichtbar wird, und der vom Kapitalismus zerfressenen Biedermeieratmosphäre deutscher Stadteinöde, verfolgt Schroeter bis aufs Äußerste. Man kann den Punk, die übertriebene, gebrüllte Vereinfachung begrüßen. Ebenso jedoch mag sich die ätzende Selbstgerechtigkeit der Inszenierung, die wahrlich platte Konfrontation von Klischees stumpfsinnig ausmachen. Denn, wahrlich, die Deutschen und die Italiener sind hier die Deutschen und die Italiener des reinen Vorurteils, der Stammtische.

Bei aller möglicher Kritikwürdigkeit sollte das Alter des Films jedoch nicht außer Acht gelassen werden. 1980 schlug sich die Problematik der Gastarbeiter in einem direkten Aufeinanderprallen völlig unterschiedlicher Lebenszusammenhänge nieder. Auch wenn dieser Grenzverlauf in der Zwischenzeit diffuser wurde, ist die Thematik heute nicht minder aktuell. Sie kehrt wieder in Form von Immigrationsdebatten, Einbürgerungstests und einem Wiedererstarken der radikalen Rechten. In diesem Verständnis ist die aktuelle, erstmalige DVD-Veröffentlichung des Filmes hochinteressant, da sie Schlaglichter wirft auf die Ursprünge heutiger Probleme.

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