Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke
Stille Unterstützung und alte Kontakte ermöglichten nach dem Zweiten Weltkrieg vielen NS-Verbrechern die Emigration nach Südamerika und ein neues Leben. Carlos Echeverria untersucht den „Pakt des Schweigens“ in seiner argentinischen Heimatstadt.

Eichmann, Barbie, Mengele – viele der führenden Nazis kamen nach dem Krieg in Argentinien unter. Auch SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, unter anderem verantwortlich für die Hinrichtung von 335 Zivilisten in den Ardeatinischen Höhlen Italiens im März 1944, fand mit seiner Familie hier Zuflucht – ausgestattet mit falschen Papieren, für die der Heilige Stuhl in Rom gesorgt hatte. Das Anwesen, das sich die Priebkes in der kleinen Stadt Bariloche kauften, lag nur einige Meter vom Haus der Großmutter des Filmemachers entfernt. Carlos Echeverria wuchs als Kind einer deutschen Mutter und eines argentinischen Vaters in der deutschen Gemeinde Bariloches auf und besuchte die deutsche Schule, deren Vorstand Priebke wurde, als er nach und nach wieder zu gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss gekommen war. Bereits Mitte der 90er Jahre, nach einem Regiestudium in München, entschloss sich Echeverria, die Rolle des unbequemen Dokumentaristen und Fragestellers einzunehmen, und das heimatliche/unheimliche Sozialgefüge aus der Pflege deutschen Brauchtums, konservierter nationalsozialistischer Einstellung und dem engen Zusammenhalt der Exilgemeinde zu erforschen.

Pakt des Schweigens benutzt die gängige Form eines TV-Films: Der Regisseur mischt schwarz-weißes Archivmaterial mit Super-8-Familienaufnahmen, die Erich Priebkes Sohn zur Verfügung gestellt hat; Echeverria zeigt die eigene Recherchearbeit, führt Interviews und inszeniert Szenen aus der Vergangenheit mit Schauspielern nach. Er selbst lässt sich durch seinen kleinen Sohn darstellen: Diese Spielszenen gehören zu den schwächeren Momenten, da der bemühte „Drama“-Anteil die dokumentarische Ebene eher verflacht, als ihr eine persönliche Dimension hinzuzufügen. Über allem liegt Echeverrias Erzählkommentar und eine bisweilen unangenehm arglose Begleitmusik.
So wirkt der Film zwar nicht stilistisch homogen, aber glücklicherweise auch nicht so bemüht brisant wie sein Pressematerial es nahelegen will, das im Guido Knopp-Jargon mit dem Etikett „noch nie gesehene Privataufnahmen“ für die banalen Szenen der Priebke-Familie wirbt. Dennoch ist Pakt des Schweigens ein insgesamt informativer Film, dem das Engagement eines Regisseurs anzusehen ist, der sich durch diese Arbeit in seinem Heimatort als „Verräter“ einen Namen gemacht hat – ein in diesem Zusammenhang ehrenwertes Prädikat. Mit anzusehen, wie nachhaltig Gruppendynamik, Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus im Exil-Mikrokosmos funktionieren und nachzuvollziehen, welche Unterstützung deutsche Kriegsverbrecher beim Aufbau neuer Identitäten von den unterschiedlichsten Seiten erfahren haben, das bleibt das Erschreckende an diesem kleinen Film.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 28.10.2006
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Film-Angaben
Titel: Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke
Deutschland, Argentinien 2006
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Carlos Echeverría
Drehbuch: Carlos Echeverría
Produktion: Jens Terrahe, Jörg Langer, Carlos Echeverría
Kinostart: 09.11.2006
Copyright Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke
Fotos: © Progress Filmverleih
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