Pain & Gain

Bodybuilderkörper als Konjunkturbarometer, oder vom beleidigenden Verbrechen der Dummheit. 

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Im jüngsten Leitartikel des ZEIT-Magazins zum um sich greifenden Leistungssteigerungswahn darf auch Allbescheidwisser Peter Sloterdijk nicht fehlen: Die Optimierungspraxis, so behauptet er, sei an die Stelle der alten Glaubenslehren getreten. Fleißarbeit am Selbst statt Hingabe ans allmächtige Göttliche lautet also (mal wieder) das Gebot der Stunde; diesmal unterstützt durch allerlei technische Gadgets sowie einen wild wuchernden Markt für Apps zum Self-Monitoring – woran Daniel Lugo sicherlich seinen Spaß hätte. Wenn der nur nicht im Hochsicherheitstrakt des Florida State Prison säße und auf seine Hinrichtung warten würde.

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Wie er dorthin gekommen ist, erzählt uns Pain & Gain. Ganz am Anfang flüchtet Mark Wahlberg vor einem Sondereinsatzkommando der Miami-Polizei, dank Zeitlupe können wir noch fliegenden Speichel, das Feinripp-Tanktop und die lockeren Trainingshosen bewundern, während er uns schon per Voice-over sein Lebensmantra mitteilt: „My name is Daniel Lugo, and I believe in fitness“. Das mit dem Glauben ist hier, siehe oben, wörtlich zu verstehen: Für Bodybuilder und Personal-Fitness-Trainer Lugo ist körperliche Tüchtigkeit kein Gesundheitsprogramm und auch kein Sexfetisch, sondern eine Philosophie. Für uns Zuschauer wiederum, daran lässt Regisseur Michael Bay keinen Zweifel, soll das Ganze eine Metapher sein.

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Denn die Bodys der floridasonnengebräunten Muskelmänner sind hier fleischliche Ideen, oder genauer: Zerrbilder des American Dream. Für Lugo ist das Stählen von Trizeps und Musculus gluteus maximus patriotischer Dienst: Man wird härter, schöner, tougher; allesamt notwendige Tugenden auf dem widersacherreichen Weg zum Erfolg. Es ist das Jahr 1995, Motivationstrainer herrschen die nach Statussymbolen hechelnden Angestelltenheere an, ihre letzten empathischen Regungen zu tilgen; die Finanzkrise ist noch fern, ebenso Lance Armstrongs Dopingsturz; und Michael Bay malt mit Pain & Gain in grellbunten Farben eine hysterische Satire auf die egofixierte, ellenbogenbetonte, ressourcenverschwendende Wirtschaftsweise seiner Heimat. Was durchaus eine Metapher ist, an der auch Angela Merkel ihre Freude hätte. Denn was ist anabolikabefeuerter Muskelaufbau anderes als das oft warnend erwähnte Wachstum ohne Substanz?

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Zumindest im Falle von Lugo und seinen Trainingskumpeln Adrian (Anthony Mackie) und Paul (Dwayne „The Rock“ Johnson) fehlt es deutlich an Substanz, genauer: an grauen Zellen. Die Muckijungs sind unzufrieden mit ihrem sozialen Status, doch anstelle von trister Erwerbsarbeit setzen sie auf den „short cut to success“. In Gestalt des steinreichen Juden Victor (Tony Shaloub, wie alle Figuren bald schmerzhaft überzeichnet mit krummer Nase und Davidstern auf der haarigen Brust) winkt das schnelle Geld: eine Entführung, ein bisschen Erpressung, und dann sollte das hinhauen mit Villa und Sportwagen. Wenn, nun ja, die Gangster nicht absolute Volldeppen wären.

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Der Film selbst nimmt eine etwas ambivalente Perspektive auf seine Helden und ihre Welt ein. Anders gesagt: Bay inszeniert selbst wie auf Anabolika. Die Farben brutzeln, Bild und Schnitt haben jeder MTV-Cribs-Episode einiges voraus hinsichtlich unnötiger Kamerafahrten, Texteinblendungen und Clip-Ästhetik, der Hardrock-Soundtrack klingt cheesy und euphorisch zugleich. Ob das jetzt eher als stilistische Distanzlosigkeit oder clevere visuelle Mimesis zu deuten ist, sei offengelassen. Manche Entscheidungen sind jedoch nicht unspannend, zum Beispiel die wiederholte Verwendung pixeliger Action-Cam-Aufnahmen, die zwar super in diese Welt der schwitzenden und umherhasteten Performance-Körper passen, nicht aber in die diegetische Zeit. Wo Kostüm und Kulisse die 1990er sehr liebevoll wiederaufstehen lassen, deutet die Bildästhetik unmissverständlich ins Jetzt.

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Auf nichts verwendet Pain & Gain allerdings mehr Energie und Filmzeit als darauf, seine Helden bloßzustellen. Ja keine Sympathie aufkommen lassen für diese Gangster, geschweige denn so etwas wie Verständnis! Also wird unter die Gürtellinie getreten, das heißt die Manneskraft dieser Kraftmänner in Abrede gestellt. Allen voran diejenige Adrians, der als Eiweißlieferanten frische Muttermilch bevorzugt („Did you ever suck a pregnant woman’s titties?“) und die illegal erworbene Kohle vor allem braucht, um seine durch Aufputschmittel lahmgelegte Leistengegend wieder zu aktivieren. Impotente Mamasöhnchen sind das, und die einzige Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist die der Dummheit.

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Das wären ja trotzdem keine schlechten Voraussetzungen für eine zünftige, rohe Satire, wenn sich Pain & Gain nur nicht auf reale Ereignisse bezöge. „Unfortunately this is a real story“, heißt es zu Anfang, was witzig im Sinne von ironisch gemeint sein soll, aber das Drama dieses hochgradig unmenschlichen Films auf den Punkt bringt. Denn Bay will wohl offenbar den Realitätsbonus mitabstauben, aber seine kraftmeiernde Filmsprache diesem kein Jota anpassen. Der Film behandelt alle Figuren von oben – das heißt vom Podest des Zynismus und der Besserwisserei – herab, nicht nur die Täter und die unfähigen Polizisten, sondern auch, was unentschuldbar ist, die Opfer. Allesamt grelle, halbseidene Playboys und Bitches sind das, dim-witted, lächerlich anzusehen mit ihren Hawaiishirts respektive den fake titties im geblümten Stretchdress.

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Am Ende treibt es der Film auf die Spitze, wenn er in abgeschmackter Law-&-Order-Haltung die realen Fahndungsfotos seiner über zwei (meist quälend lange) Stunden lächerlich gemachten Hauptfigur zeigt: „Sentenced to death“ steht da, sicherlich nicht ohne Genugtuung. Doch es geht weiter: „Plus 30 days for improper conduct.“ Der Tod ist also nicht Strafe genug für diese Volltrottel, die Michael Bay mit ihrer Dreistigkeit wohl irgendwie persönlich beleidigt haben müssen. Aber wenn man noch einmal darüber nachdenkt, wird alles klar: Beleidigt wurden Justizwesen und Selbstverständnis der heiligen US of A, ebenso wie ein Jahrzehnt später von den gierigen Bankern. Und Bay, der alte Verteidiger seiner Heimat (gegen Japaner, Meteoriten, Riesenroboter), kämpft diesmal nur undercover. Die faulen Äpfel, sie müssen aussortiert werden. Dann klappt es auch wieder mit dem Wachstum, versprochen.

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Kommentare


Michael Rostock

Das sollte doch alles dazu dienen, die platte Weltsicht der drei Protagonisten zu beschreiben. Das, was Sie zu Unrecht kritisieren, sind doch Stilmittel, pure Absicht, nicht Denuziation. Dadurch wird das Abgründige sichtbar, wie aus dem so sehr verständlichen Wunsch aufzusteigen "so eher nebenbei" das Böse zu regieren beginnt. Klar können Sie nun die Stilmittel kritisieren. Aber da gehen die Geschmäcker eh auseinander.






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