P2 – Schreie im Parkhaus

Der Wahnsinn kommt zur Weihnachtszeit. In Franck Khalfouns erster Regiearbeit gerät der Festtagsfrust eines Wachmanns gehörig außer Kontrolle.

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Der Blick des Überwachenden ist mächtig, aber einsam. Er starrt auf eine Reihe Monitore, auf denen sich Bildfragment für Bildfragment ein Panorama alltäglichen Treibens zusammenfügt. Und weil er sieht, ohne zurückgesehen zu werden, ist sein Fühlen, sein Denken, sein Begehren dazu verdammt, nicht die geringste Erwiderung zu finden. In Franck Khalfouns Psychothriller P2 – Schreie im Parkhaus (2007) ist es der Wachmann Thomas (Wes Bentley), der diesen Blick innehat. Bald schon stellt sich er als gefährlicher Psychopath heraus, der es auf Angela (Rachel Nichols) abgesehen hat, die im Bürokomplex über der Tiefgarage selbst am Heiligen Abend Überstunden fristet. Mit perfiden Tricks gelingt es ihm, sie in das Gebäude einzusperren und zu seiner unfreiwilligen Abendgesellschaft zu machen.

Grau-in-graue Spielwiese des Psychoterrors

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Wie ein Einsiedler hat sich Thomas seinen Mikrokosmos eingerichtet. Inmitten der bulligen Betonwände der riesigen, unwirtlichen Hallen, die sich strukturiert und doch labyrinthartig ins Unendliche erstrecken, hat er sich ein heimeliges, persönliches Fleckchen geschaffen. Das Häuschen des Sicherheitsmanns ist eine festlich geschmückte Weihnachts-Enklave in einem grauen Meer aus Mauern, Säulen und Markierungen, deren Beleuchtung schon von Weitem einen schillernden, aber auch lächerlichen Fremdkörper markiert. Doch ist er Herr über diesen Ort. Mit Überwachungskameraaufnahmen und statischen, in die Tiefe reichenden Standbildern inszeniert Khalfoun seinen zentralen Schauplatz immer wieder als großzügiges, mehrstöckiges Jagdgebiet, auf dem Thomas die absolute Kontrolle besitzt. Einmal muss er mit zwei Streifenpolizisten fertigwerden, die die Tiefgarage inspizieren wollen. Kurzerhand lässt er dazu Eartha Kitts „Santa Baby“ aus den Lautsprechern der Garage ertönen. So wie ein Schausteller auf dem Kirmes sein Fahrgeschäft bedient, steuert Thomas von seiner Zentrale aus sein böses Katz- und Maus-Spiel.

Aufschlussreiche Ausbrüche

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Khalfouns Film ist bei dieser Hetzjagd so geradlinig wie die Gassen des finsteren Parkhauses. P2 lebt von einigen wenigen Einzelszenen, die dem ansonsten allzu klassischen Plot ein wenig in den Hintern zu treten versuchen, so als wüsste der Regisseur sehr wohl um die Konventionalität der Geschichte. Er treibt seine Spielchen einfach nicht weit genug, um wirklich überraschen zu können. Zu kurz, zu kalkuliert sind die blitzschnellen Ablenkungen, die kleinen Finten und Tricks, um sich wirklich um die Marke „smart“ verdient machen zu können. Khalfoun, der einige Jahre später mit dem Lustig-Remake Maniac (2012) in Sachen Explizität noch einmal ordentlich angezogen hat, bemüht sich stattdessen um die Effektivität ausgewählter Momente.

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So gibt es etwa eine äußerst erinnerungswürdige, singuläre Gewalteskapade, in der Thomas einen unliebsamen Rivalen aus dem Weg räumt, der Angela bei der Firmenweihnachtsfeier zu nahe gekommen ist. Mit diesem Versuch, sich aus der erzählerischen Behutsamkeit zu winden, konterkariert P2 nicht nur den Psychoterror mit einem ungemein physischen Affront, sondern lässt auch den sonst recht blass gezeichneten Geistesgestörten ein wenig differenzierter anmuten. Dabei ist es nicht so interessant zu sehen, wie der Wahnsinn in Thomas kumuliert, und auch nicht zu erleben, wozu er imstande ist, es geht vielmehr darum, auf drastische Weise das ganze Ausmaß seiner Zuneigung zu Angela erfahren zu können. Dass Khalfoun diesen Moment inszenatorisch ausschlachtet, offenbart, wie es wirklich um den nicht ganz unsympathischen Thomas bestellt ist. Er ist auch eine tragische Figur, nicht nur eine gefährliche. Ein Akt bedingungsloser Liebe, der bei aller Grausamkeit doch ungemein zärtlich und aufopferungsvoll ist. Ein Weihnachtsgeschenk.

Weihnachten als dramaturgischer Trumpf

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Die Tatsache, dass P2 an Heiligabend spielt, ist für das grundlegende Storygerüst zunächst einmal nur marginal bedeutsam, wird dann aber für die Dramaturgie des Films zunehmend zwingend erforderlich. Denn das Schicksal von Angela scheint besiegelt, weil die Welt um sie herum, selbst im qualmenden, lärmenden Moloch New York, völlig zum Stillstand gekommen ist. Einmal gelangt Angela an eine versperrte Ausfahrt, von der aus sie um Hilfe fleht. Die Einzige, die sie jedoch hören kann, ist eine offensichtlich verwirrte Obdachlose, die einfach nur Angelas Schreie nachzuäffen imstande ist. Wer am Weihnachtsabend in den dunklen Straßen zurückbleibt, ist ein Aussätziger der westlichen Gesellschaft oder hat eben einfach nicht alle Tassen im Schrank.

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Besonders nachdenklich stimmt das beim Sehen von P2 nicht, es garantiert dem Zuschauer einfach nur noch ein paar schreckliche Stunden für Angela. Und doch führt Khalfoun so, ganz beiläufig und immer wieder, weihnachtlichen Frieden mehr ad absurdum, als man es im ersten Moment vermuten möchte, sei dies auch nur praktikablen Drehbuchentscheidungen geschuldet. Am Heiligabend, als Angela ihre letzte Chance erhält, telefonisch einen Hilferuf nach draußen zu senden, sind plötzlich sämtliche Notrufleitungen belegt. An Weihnachten liegt eben nicht nur in finsteren, abgeschotteten Parkhäusern einiges im Argen.

Trailer zu „P2 – Schreie im Parkhaus“


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