Owning Mahowny

Richard Kwietniowskis zweiter Spielfilm ist das beeindruckende Portrait eines unscheinbaren Bankangestellten in Toronto, der seiner Spielsucht zum Opfer fällt und bis zu seiner Festnahme Gelder in Millionenhöhe veruntreut. Die Handlung basiert auf wahren Ereignissen und dokumentiert ein schicksalhaftes Drama aus der schillernden Welt der Finanzen und Casinos. In der Hauptrolle glänzt Charakterdarsteller Philip Seymour Hoffman. Absolut sehenswert.

Owning Mahowny

Tosend stürzt Wasser in die Tiefe. Ein verlockender Anblick, ein Bild, dem sich das Auge kaum entziehen mag. Die Kraft und Schärfe der Wahrnehmung schwindet, die Sinne werden Treibgut eines Rausches. Dan Mahowny (Philip Seymour Hoffman) ist süchtig. Der leitende Angestellte einer Bank in Toronto lebt bieder, korrekt, angepasst, unauffällig. Sein Fleiß und Talent im Umgang mit Geld sind bei seinen Arbeitskollegen geschätzt. Nachts aber streift er durch Casinos und ist hier ein gern gesehener Gast, ein Zocker ohne Träume, getrieben vom Thrill des Augenblicks. Durch Wettschulden verstrickt er sich Zug um Zug in finanziellen Abhängigkeiten. Ein raffinierter Schachzug verhilft ihm zu schnellem Geld: er betrügt vorsätzlich seine Bank mit gefälschten Kundenkrediten. Diese Bereicherung dient ihm aber nur zum Weiterspielen, denn sein Privatleben ist ohne Glamour. Die Liebe zu seiner naiven und aufopferungsvollen Freundin Belinda - fehlbesetzt mit einer blass agierenden Minnie Driver - bleibt ohne Leidenschaft. Mahowny lebt dahintreibend, hilflos, schicksalhaft gefangen im Korsett seines Spieltriebs. Ein gemeinsamer Las Vegas-Trip mit Belinda entblößt die Abgründe dieser Krankheit. Während Dan sein goldenes Händchen überreizt, treibt er die Beziehung an den Rand des Ruins. Einsam hütet Belinda das Hotelzimmer und ihre Träume - von seiner Karriere, einer Heirat, Gefühlen -, zurückgeblieben, hilflos und verfangen in Sehnsüchten. Gewinn reicht Verlust die Hand. Ein Spiel um Geld, Gier und Macht, in einem Mikrokosmos der Süchte, Abräumer und Versager.

Die Figuren des Films bewegen sich in zwei Parallelwelten, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen, in denen Geld regiert, Menschen kalkulieren und Kameras kontrollieren. Die seriöse Bank mit ihrem betont freundlichen Finanzenhandling, eine Festung der Macht und zugleich auch der illegalen und undurchschaubaren Geldwäsche, wie sich am Beispiel Mahownys zeigt. Weitaus reizvoller und geheimnisvoller erscheinen daneben die schillernden Casinos - hermetisch abgeriegelte Paläste, ein Mosaik aus künstlichen Vergnügungsräumen und falschen Versprechungen, verspielter Träume, erkauften Glücks.

Owning Mahowny

Die Kamera spielt Voyeur, am Bankschalter und am Spieltisch. Gierig umkreist sie die schicksalhafte Figur Mahowny, dokumentiert das emotionslose Kontinuum der Arbeit und sein konzentriertes Spiel, seine müden Augen, seinen Schweiß, seine Spielsteine. Close-ups enttarnen eindrucksvoll die Doppelbödigkeit dieser Seele. Hinter seiner unscheinbaren Maskerade verbirgt sich ein triebhafter Rausch. Dann existiert nichts Anderes, keine Liebe, keine Umwelt. Der Film liefert keine Gründe für seine Sucht, keinen Auslöser, der sein geordnetes Leben aus den Fugen riss. Ein Mensch ohne Charisma. Ein Mensch, den niemand sieht, der seine Sucht nicht sehen will, der seine Abgründe im Innern trägt - zwanghaft, verängstigt und verloren. Grandios mimt Philip Seymour Hoffman seine bevorzugte Figur, den unscheinbaren Antihelden, den verschwiegenen Außenseiter. Der Independent-Star glänzte schon als großartiger Nebendarsteller in Spike Lees 25th Hour (2002), in P. T. Andersons Boogie Nights (1997) und Magnolia (1999). In Owning Mahowny sammelt der Seelenpfleger vom Magnolia Boulevard seinen privaten Scherbenhaufen zusammen. Philip Seymour Hoffman ist der charismatische Jackpot dieser Produktion, der Reiz dieses Films. Er verschmilzt mit der mechanischen Zurückgenommenheit der Figur. Mahowny widersteht den Verführungen des Casinos, den Prostituierten, dem Champagner und dem ihm gleichgültigen Luxus. Erst als alles verspielt ist, greift er zu kalten spare ribs, lacht über sich selbst und die Ironie des Schicksals. Einsam, gescheitert. Ein kleiner Moment des emotionalen Ausbruchs. So intensiv, beeindruckend und entrückt, dass diese komplexbeladene Figur Sympathien und sogar Mitleid hervorruft.

Owning Mahowny

Owning Mahowny (2003) basiert auf dem Bestseller Stung von Gary Stephen Ross, der die wahre Geschichte von veruntreuten Geldern in Millionenhöhe erzählt, dem größten Bankbetrug eines Einzeltäters in Kanada. Dem Produzentengespann um Andras Hamori und Seaton McLean ist mit dem Einsatz eines Minimal-Budgets von 10 Millionen US-Dollar ein Glückswurf gelungen, die sensible Charakterstudie einer verlorenen Spielerseele. Jazzig-coole Rhythmen des Soundtracks untermalen die nüchterne Atmosphäre und die Aura des Protagonisten. Ein tragisch-kühles Streiflicht der Psychologie des Glücksspiels, distanziert und doch sehr ergreifend.

Eine filmische Klammer führt den Zuschauer wieder an die rauschenden Niagarafälle, zeigt Dan an jenem Ort, an dem er nie zuvor war. Jetzt ist er angekommen, in den Armen seiner Freundin. Gestürzt durch die Sucht am Spiel, am Anfang eines neuen Lebens.

 

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