Overgames

Wenn Namedropping Film wird: Lutz Dammbeck kramt eifrig im Fundus der Ideengeschichte und fördert allerlei Spannendes zutage. Was war aber nochmal die Frage?

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Es beginnt – so die eigene Geschichtsschreibung des Films – im Jahr 2005, als Regisseur Lutz Dammbeck zufällig auf eine Talkshow stößt, in der Anne Will mit Größen des deutschen Unterhaltungsgewerbes spricht. Zur allgemeinen Erheiterung eröffnet Joachim Fuchsberger, dass seine in den 1960ern begonnene Spielshow „Nur nicht nervös werden“ aus dem amerikanischen Fernsehen stammt und ein Potpourri von Spielen ist, die in der Psychiatrie entwickelt wurden. Auf die Frage, wie viele Patienten da zugeschaut haben, platzt es amüsiert aus ihm heraus: „Eine Nation! Eine verrückte Nation! Eine psychisch gestörte Nation!“ Der Floh ist ins Ohr gesetzt, der Film hat seinen Plot gefunden: Warum waren die Deutschen eine „verrückte“, eine „psychisch gestörte Nation“? Die groß angelegte Suche beginnt.

Größenwahnsinniges Brainstorming

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Wir werden nicht erfahren, was Joachim Fuchsberger genau meinte und ob seine Diagnose auch nur im Entferntesten etwas mit der Diagnose zu tun hat, die der US-amerikanische Psychiater und Gehirnforscher Richard Brickner 1943 in einem Buch mit dem Titel Is Germany incurable? Stellt. Aber das ist symptomatisch für Overgames: Der Film geht assoziativ vor. Mal lässt man sich vergnügt auf das bunte Allerlei ein und hat, ehe man es merkt, auf kaum rekonstruierbare Weise den Bogen geschlagen von den Ausdrucksformen indigener Völker auf Bali zum Kult des höchsten Wesens unter Robespierre. Unweigerlich aber drängt sich die Frage auf, ob Assoziation als strukturierendes Prinzip der Erkenntnis hier nicht im Weg steht. Das reine Spiel mit den Assoziationen, das diese nicht reflektiert, entbindet von der Pflicht zu begründen und zu studieren, was da eigentlich unter einen Film gebracht wird, inwiefern etwas tatsächlich miteinander zusammenhängt – und was nicht. Nun ist das per se nichts, was man einem Film vorwerfen muss, wenn er das Auseinandernehmen an den Zuschauer delegiert oder gar darauf verzichtet, weil er anderes im Blick hat. Aber das ist eben nicht der Duktus, in dem dieser Film daherkommt: Overgames will verstehen.

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Das Forschungsvorhaben mutet dabei nach verschwörungsfreudigem Mischmasch und faustischem Größenwahn an. Dammbeck nimmt sich vor, drei Geschichten nachzugehen, um zu prüfen, ob sie sich in einer auflösen lassen. Da ist zunächst eine „kleinere“, wie er selbst sagt, nämlich die von Joachim Fuchsberger angeregte Frage, ob tatsächlich Spiele aus der Psychiatrie in Gameshows verwendet wurden. Dann die „etwas größere Frage“, ob es dabei einen Zusammenhang gibt zur Therapie, die Richard Brickner entwickelt, als Heilung jener kollektiven Paranoia, die er den Deutschen diagnostiziert und die bei ihm als Erklärung für den Nationalsozialismus herhält  (zumindest wird er im Film so paraphrasiert) – Re-education, Umerziehung. Und schließlich soll es um eine große Geschichte gehen, um eine „permanente Revolution“, die seit ihrer Geburt um 1740 in England in wechselnden Kostümen die Menschheit heimsucht und mit der Hoffnung auf die Schaffung eines neuen Menschen verbunden ist. Jede einzelne Frage ist für sich genommen schon erschlagend; der Wucht ihrer Zusammenführung kann man sich kaum entziehen.

Bali neben Nazis

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Denn was Lutz Dammbeck da schafft ist ein Kraftakt, ein Film schier enzyklopädischen Ausmaßes, fast drei Stunden geballtes Wissen, verteilt auf all den Feldern und Disziplinen, die an der Schaffung eines neuen Menschen oder, bescheidener, an der Formung und Verformung des bestehenden wirken. Dabei lehrt der Regisseur nicht ex cathedra, sondern inszeniert sich selbst auf der Suche nach Erkenntnis: Immer wieder sieht man ihn, wie er an einem von Büchern übersäten Schreibtisch liest; immer wieder kann man ihm über die Schulter kiebitzen und unzählige Dateien auf seinem Laptopbildschirm erhaschen. Man folgt ihm auf Reisen, zu Interviews, Bibliotheken, Archiven. Wie um die These der Verwobenheit seiner drei Leitfragen zu illustrieren, werden Bilder auf Bilder gelegt, Bücher auf Bildern aufgeschlagen, bereits leinwandfüllend gezeigte Bilder auf Bildschirme reduziert, häufig auf dem winzigen Klappbildschirm einer Kamera. Overgames stellt Aufnahmen anthropologischer Feldforschung auf Bali neben Naziaufmärsche, amerikanische Gameshows neben Aufnahmen aus der psychiatrischen Behandlung – so zumindest die Vermutung, denn einiges bleibt unkommentiert. Dazu verhängnisvolle Musik. Sind Gameshows Labore zur Umerziehung des Menschen?

Ist doch klar

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Weil der Titel des Films einem förmlich die Hand zur Metaebene reicht, sollte man sich weniger fragen, was der Film uns sagen will als fragen, was er mit uns macht. Denn schließlich ist dieser Film irgendwie auch sein eigener Gegenstand. „Irgendwie“, denn bei aller Redseligkeit ist Overgames erstaunlich diffus, in trauter Eintracht mit dem unguten Gefühl, dass verborgene Mächte am Werk sein sind, wenn wir uns vor einer stupiden Sendung zu entspannen glauben (eine These, für die es dann übrigens doch keinen Beleg gibt, was allerdings im enzyklopädischen Eifer untergeht). Manchmal scheint es so, als würde sich Overgames lediglich der Wirkung bedienen: Hier ein Kameraschwenk über Noam Chomskys Konsensfabrik, da ein Kameraschwenk über ein Buch von Jacques Derrida. Ist doch klar, was gemeint ist. Und bei diesen geistigen Höhenflügen kann man sich natürlich nicht von einfachen Fragen aufhalten lassen. Etwa: Wenn die Spiele aus der Psychiatrie kommen, dann wirken sie doch auf diejenigen, die sie spielen, und nicht auf diejenigen, die den Spielenden zuschauen? Oder schwappt der therapeutische Effekt über? Overgames hat zumindest ein großes Verdienst: Die Wissenslust schwappt über.

Trailer zu „Overgames“


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