Over Your Cities Grass Will Grow

Sophie Fiennes lässt den Künstler Anselm Kiefer zu Wort kommen – sprechen lässt sie sein Werk.

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Außer der Lust an der Provokation dürften der große deutsche Maler Anselm Kiefer und der slowenische Pop-Intellektuelle Slavoj Zizek nicht viel gemeinsam haben. Doch die Filmemacherin Sophie Fiennes scheint von beiden gleichermaßen fasziniert zu sein. Nach Zizek steht nun Kiefer im Mittelpunkt einer ihrer Dokumentationen. Während The Pervert’s Guide to Cinema (2007) noch dem Sprachduktus Zizeks angepasst war und uns zugleich durch die Filmgeschichte und die sprunghaften Gedankengänge eines Theoretikers trieb, ermuntert Over Your Cities Grass Will Grow zur Kontemplation eines Kunstwerks.

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Fiennes’ Film ist keine Biografie Kiefers, auch kein Porträt im engeren Sinne des Begriffs, sondern eine filmische Annäherung an sein gewaltiges Projekt „La Ribaute“. Zwischen 1993 und 2008 baut der Maler ein über 35 Hektar großes Gelände in Südfankreich in eine begehbare Kunst-Siedlung um, in ein faszinierendes Areal aus unterirdischen Tunneln, Betontürmen und alten Gebäuden, in dem Kiefers Gemälde und Skulpturen ihren Platz finden. Der Künstler lässt sich dabei nicht auf den Rahmen einer Leinwand beschränken, sondern stattet stets den ganzen Raum mit seiner Kunst aus, die aus einer Vielzahl von Materialien besteht – aus Farbe, aus Schlamm, aus Blei, aus kaputtem Glas. Wenn wir „La Ribaute“ nun im Kino sehen, zumal über eine digitale Projektion des auf HD gedrehten Over Your Cities Grass Will Grow, dann könnte der Kontrast zunächst kaum größer sein: das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reduzierbarkeit auf Einsen und Nullen.

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„La Ribaute“ über das Medium Film erlebbar machen, das ist freilich ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen, weil der Raum, der für dieses Erleben entscheidend ist, zum bloßen Bild wird. Kiefers Kunststadt kann nur über den eigenen Besuch erfahren werden, das wirkliche Begehen, das Wechselspiel zwischen dem Drinnen der Räume und dem Draußen der Wälder, nicht zuletzt über die Plastizität des Materials. Fiennes’ Kamera führt uns zwar behutsam durch diesen Ort, doch die Aneignung ist notwendigerweise nicht unsere persönliche, sondern eine von ihrer Regie vorgegebene. Wenn es um eine angemessene Repräsentation von Kiefers Kunst ginge, dann wären selbst die langsamen Kamerafahrten des Films noch zu hektisch und die dramatische Musik störend.

So ist es erfreulich, dass Fiennes keinen Film über, sondern mit Anselm Kiefer gedreht hat. Ihre Kamera filmt nicht einfach „La Ribaute“ ab, sondern tritt mit der Kunst in einen Dialog und schafft dabei etwas Neues. Kiefers raumsprengende Werke auf einen Rahmen einzugrenzen, mit Musik zu unterlegen, das ist keine Sünde mehr, sobald man Over Your Cities Grass Will Grow als ein eigenes Werk versteht. Anders als Kiefer, dessen Kunst an die Ränder strebt, die Berührung mit der umliegenden Natur sucht, verdichtet Fiennes mit den filmischen Mitteln von Bewegung und Klang Elemente dieser Kunst-Stadt und Aufnahmen Kiefers bei der Arbeit zu einer so stillen wie beeindruckenden Film-Collage.

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Auch die Struktur des Films strebt nach innen: Zunächst streifen wir durch die Siedlung, dann tritt der arbeitende Kiefer mit seinen Helfern ins Bild, die Kunst wird als Tätigkeit dargestellt. Im Mittelteil, und bevor sich die ersten beiden Schritte in umgekehrter Reihenfolge wiederholen, sehen wir Ausschnitte aus einem Interview, das Kiefer dem deutschen Journalisten Klaus Dermutz gibt. Im Zentrum des Films steht der kreative Geist, die Gedankenwelt des Künstlers, aus der das Werk entspringt – und damit eine Irritation. Denn Kiefer und Dermutz scheinen aneinander vorbeizureden. Letzterer versucht sich während des Interviews immer wieder als Interpret von Kiefers Arbeiten, trifft dabei aber meist auf einen Künstler, der alles etwas anders verstanden haben will. Und auch der Kinozuschauer wird in den Ausführungen Kiefers nicht unbedingt die eigenen Vorstellungen wiederfinden, die er sich zuvor von „La Ribaute“ gemacht hat. Das Werk für sich sprechen zu lassen, das mag mittlerweile nur noch eine Phrase sein. Doch in Fiennes’ eigenwilligem Aufbau ihres Films tritt die Substanz dieser Phrase hervor: dass Sprache, Interpretation und die Frage nach der Intention des Autors das Kunstwerk selbst letztlich verfehlen müssen.

Over Your Cities Grass Will Grow ist also kein Künstler-Porträt, sondern ein intermediales Spiel der produktiven Verfehlungen – der Materialität von „La Ribaute“ durch die Technik des Films, des Werks durch den Künstler, der Kunst durch die Sprache. In diesem Sinne erscheint der Film als Gegenstück zu The Pervert’s Guide to Cinema. Während Slavoj Zizek die verdrängten Bedeutungen der Filmklassiker sprachlich zu erfassen versucht, steht „La Ribaute“ hier für die Autonomie des Werks jenseits möglicher Bedeutungen. Das Unbewusste tritt als Modus der Rezeption auf, nicht mehr als das Rätsel hinter dem Kunstwerk. Over Your Cities Grass Will Grow ist damit anspruchsvoller und sperriger als der Vorgängerfilm – aber mindestens ebenso anregend. 

Trailer zu „Over Your Cities Grass Will Grow“


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