Outrage

Abgeschnitten, verloren, aus dem Zusammenhang gerissen. 1950 widmet sich Ida Lupino einem Tabuthema und erzählt, wie eine Vergewaltigung das friedliche Leben einer jungen Frau zerstört.

Die 19-jährige Mala Powers in ihrer erste Rolle, als Ann Walton, hat ein liebes Nicole-Kidman-Bilderbuchmädchengesicht. Sie trägt eines dieser „Schulkind“-Damenkleider der 1950er Jahre, mit Puffärmeln, geschnürtem „Dirndl“-Blüschen und bravem, weitem Rock. Schmale, akzentuierte Augenbrauen verleihen ihr, wie anderen Frauen ihrer Zeit, einen comichaft erschrockenen Blick.

Es beginnt wie eine beschwingte Liebeskomödie. Auf einem sonnigen Fabrikgelände gibt der Imbissmann Frank Marini (Teddy Paris, bekannt aus u.a. Die Caine war ihr Schicksal (The Caine Mutiny; 1954)) einem Becher Kaffee Schwung über die Theke. Ann versucht, mit ihrer Bestellung durchzukommen: Kuchen für zwei. Welcher Mann so eine hübsche, kleine Frau für sich bezahlen lasse, murrt Frank Marini. Anns Verlobter Jim (der charmante Science-Fiction-B-Film-Star Robert Clarke) wartet derweil in seiner Mittagspause schon im Park auf sie. Jim hat endlich seine Gehaltserhöhung bekommen; Ann kann kündigen, sie wollen heiraten. Am Abend sollen es auch ihre Eltern erfahren; Jim denkt nervös an den zukünftigen Schwiegervater, seinen Ex-Professor, der die behütete Tochter nicht gern loslässt. Das Paar fühlt sich gestört, weil eine alte Dame neben ihnen mithört. Doch ihr gefällt nur der vertraute und verliebte Stil der beiden. Anns Umfeld erlaubt es ihr sowieso, gelöst und sie selbst zu sein. Auch an ihrer Arbeitsstelle, dem Büro der Fabrik, ist der Umgang herzlich, lustig, flirtend.

 

Die Seitenblicke der Dame im Park sind nicht die einzigen indiskreten Blicke auf Anns Sexualität. Ohne es zu wissen, ist Ann auch im Visier des Imbissmannes. Marini wird beherrscht von einem aggressiven Trieb, der andere nicht achtet. Als Ann Feierabend hat, macht er sein Büdchen zu und verfolgt sie.

Das zu der späten Zeit menschenleere Fabrikgelände kommt Ann in ihrer Angst grenzenlos und ohne Ausweg vor. Die lauten Zirkusplakate mit den Clowns an einer Wand. Sie ist ganz dumm vor Panik, viel hilfloser und ungeschickter, als sie es sein müsste. Heute rät man Frauen, sich nicht in so ein absurdes Verhalten drängen zu lassen, sondern klug und wehrhaft zu reagieren. Aber man hat keine Erfahrung im Vergewaltigtwerden; man wundert sich, was man dann fühlt und macht. Als ich mal in der Situation war, hätten meine Freunde und Verwandten den Kopf geschüttelt.

Die Vergewaltigung sieht man nicht. Allein das Thema war wahrscheinlich Wagnis und Tabu genug zur Entstehungszeit dieses Films.

 

Sie weint wie ein Kind. Ihr ist etwas zugestoßen, das nun ihr einsames Erlebnis ist. Die anderen sind voll aufrichtiger Anteilnahme, jedoch unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Ann ansprechen? Die Sache feinfühlig, vielleicht mit einer kleinen, wissenden Bemerkung übergehen? Jeder, auch im Büro, macht es ein bisschen anders. Doch es scheint alles falsch. Ann fühlt sich abgeschnitten, verloren, aus dem Zusammenhang gerissen. Abläufe wie die Fragen des Kommissars, das mechanische Unterlagenstempeln und das nervöse Fingerklopfen der Kollegen im Büro werden zu einem sich von der Wirklichkeit ablösenden, peinigenden Geisterrhythmus. Sie sagt mysteriös, sie sei jetzt anders als die anderen. Vielleicht, weil ihr Blick plötzlich die Seiten gewechselt hat. Marinis sexuelle Abgründe, seine mitleidlose Gewalttätigkeit – diese Dinge gehörten bisher nicht zu ihrer persönlichen Welt; sie war nur Leserin solcher Nachrichten in der Zeitung. Nun hat dieser Mann sie in sein Spiel gezwungen. Das ist nicht mehr ihr Leben. Es wurde umdefiniert; sie ist zu seinem „Schmutz“ geworden und muss beim Stichwort „Sex“ wahrscheinlich nun (und nur) an ihn denken.

Sie schickt Jim weg und läuft fort. Vielleicht quält sie sich mit der Frage, ob sie durch ihr Verhalten mitverantwortlich war. Vielleicht kann sie auch Jim nicht mehr von Marini trennen. All diese Männer, die in sie dringen, Sex und Macht über sie wollen, sich ihr aufzwingen.

 

Ironischerweise ist ihre neue Arbeitsstelle als runaway auch eine Fabrik. Wieder menschenleere Gänge aus Kartons, Containern und Maschinen. Und wieder, wie zu Hause, familiäre Leute. Die rührende und wohltuende Harmlosigkeit der alltäglichen Scherze, der kleinen Feste, des Kaffeeanbietens. Nur mit dem Unterschied, dass hier keiner etwas weiß. Niemand hat bei ihrem Anblick die Tat im Kopf. Es ist wie früher, als sie noch selbst bestimmte, wer sie ist und was man mit ihr machen darf.

Der wichtigste Mensch für sie wird in dieser kleinen Stadt ein junger Geistlicher. Reverend Bruce Ferguson (Tod Andrews) ist ein unendlich verständnisvoller und unegoistischer Mann, der sich der Bedrohlichkeit seines Geschlechts für Ann bewusst ist und sich unaufgefordert zurückhält. Er und Jim, die beiden liebevollen Männer in Anns Nähe, sind wie zwei Scheitelpunkte einer Ellipse, die Ann vom Anfang bis zum Ende von Outrage durchläuft, als wäre sie immer noch auf dem Fabrikgelände und suchte Schutz vor jenem dritten, bösen Mann.

 

Ein vierter Mann, ein angetrunkener Verehrer, lässt sich auf einem Fest nicht abweisen. Er steigt Ann nach, isoliert sie. Fasst in ihr Haar und sagt, sie solle es doch offen tragen, mit ihm tanzen, sich nicht sträuben. Er meint das harmlos. Doch er trifft auf eine Traumatisierte, deren Gegenwille massiv missachtet wurde. Ann glaubt, die zweite Vergewaltigung stehe an, und diesmal wehrt sie sich.

Obwohl sie ihn fast tötet, wird dieser Mann, der sie versteht, später die Anklage zurückziehen. Verbrechen entstehen aus einer bestimmten seelischen Lage. Wir sind alle aufs Verzeihen angewiesen. Für diese Einsicht wirbt auch Reverend Ferguson in einer leidenschaftlichen Rede. So habe jemand wie Marini die Hälfte seines Lebens im Gefängnis zugebracht, ohne dass sich ein Psychiater um seine Veranlagung als Krankheit gekümmert habe. „Meine Generation hat zu viele Neurosen erzeugt“, sagt Ferguson, „zu viele geistig verwirrte Menschen. Wir brauchen mehr Kliniken.“

 

Solche hochherzigen Statements in amerikanischen Filmen haben mich als Kind sehr angesprochen. Mich berührte der Appell an die Mitmenschlichkeit; mir kam das selten vor und richtig. Heute erscheinen mir diese Filme naiver. Ich sehe den christlichen Einfluss und die Heftchenhaftigkeit. Aber es rührt mich, wie der Film Hass und Anklage aus sich verbannt, die Menschen ansieht wie in einen Garten gepflanzte Blumen, sie weich fühlen lässt, ihre Herzen groß, einander zugetan. Er spricht wie jemand, der dieses „Liebsein“ selber dringend braucht zum Leben.

„So lovely! And I made it sound so awful!“, sagt Ann demütig, als sie ein Klavierstück beendet hat. „Ich konnte es aber erkennen“, sagt der Reverend freundlich. Vielleicht vertritt er Gott in diesem Film (vielleicht ein bisschen auch die Filmkritiker). Ann sitzt ihm ergeben zu Füßen wie ein zugelaufenes Kleines. Sie will nicht mehr nach Hause, zu den mit ihrem Unglück verbundenen Plätzen und Leuten, auch wenn sie unschuldig sind. Ferguson gesteht ihr seine Liebe. Aber er sagt auch, sie müsse sich ihrer Vergangenheit und ihrem Leben stellen; ihr Verlobter warte auf sie.

 

Es ist eine Taschentuchszene, eine herzzerreißende, großmütige Verzichts- und Abschiedsrede. „Wir werden uns wiedersehen. Für wahre Freunde ist das eine sehr kleine Welt. Sag Jim von mir, er ist ein glücklicher Mann.“ Ann sieht ihn schmelzend an, voller Dankbarkeit und Vertrauen. Die groß aufgenommenen, hingegebenen Frauengesichter in Melodramen. Offene Bücher. Blüten, die sich dem Licht zuwenden.

Als Ann von ihm wegfährt, blickt Ferguson in die Runde – zu ihrem Bus, zum Himmel, seinem Weg zurück. Er nickt, einsichtig, weil alles stimmt und aufgeht. Weise für alle, wenn auch nicht wunschgemäß für ihn persönlich.

Ein kleiner, knapper Film ist das. Viel drin, und gut geschnitten, gut vernäht. Man glaubt, ihm anzusehen, dass er klug rechnen musste, aber er sitzt genau, wie eins der Schneiderkostüme, die die Frauen des Film noir trugen. Hat sich das genretypische Menschenbild in ihm – dass Psyche etwas potenziell Unheimliches, schwer Erklärliches, tief Faszinierendes und Menschliches sei – seit jener Zeit geändert? Ich glaube manchmal, die Bedeutung der „Seele“ ist heute vergleichsweise geschrumpft; man sieht sie nicht mehr so zentral und ist genervter von ihrer Irrationalität und ihren Dysfunktionen. Aber es ist schwierig, über die Zeit, in der man selber steckt, so etwas zu sagen.

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