Auge um Auge

Aus dem Ofen in die Hügel: Auge um Auge schaut mit einem selektiven Blick auf zwischenmännliche Gewalt.

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Es ist verwirrend, wenn Christian Bale lächelt. Vom Kinn aufwärts verschieben sich da seine Gesichtszüge halbmondförmig, während sie um die Augenpartie stählern bleiben. Das lässt die Mimik irgendwie widersprüchlich oder, genauer gesagt, kalkuliert wirken. Als wäre das nicht Teil seines Gefühlsregister, als müsse er sich ziemlich anstrengen. Wie passend daher, dass er im Laufe von Scott Coopers Auge um Auge (Out of the furnace) allmählich zu lächeln verlernt.

Working Class Hero abseits der Genderlinien

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Zu Beginn lacht er oft, grinst an gegen die um sich greifende Tristesse. Seine Figur des bodenständigen Stahlarbeiters Russel Blaze (schöner Nachname für einen, der im Feuer der Hochöfen zuhause ist) ist das weiche, umsorgende Zentrum in einer den wirtschaftlichen Gezeiten ausgelieferten Welt. In der Beziehung zu seinem bettlägerigen Vater (Bingo O'Malley) und dem chronisch verschuldeten, wettsüchtigen Bruder (Casey Affleck) wird er von Brad Ingelsbys und Coopers Drehbuch immer wieder in Situationen gebracht, die in der Filmgeschichte traditionell weiblich konnotiert waren: ein kühlendes Tuch auf die väterliche Stirn legen, den betrunkenen und geprügelten Bruder zornig auf dem Sessel im halbdunklen Wohnzimmer erwarten. Blaze ist trotzdem oder gerade deshalb working class hero, Archetyp einer vergangenen Ära: männlich nur in seiner physischen Stärke, feminin in seinen Werten (Familie, Treue) und seinem Auftreten. Eine gute, eine starke, eine wichtige Figurenentscheidung ist das, weil sie sich angenehm abseits der noch immer vorherrschenden Gender-Codes bewegt und weil Bale sie mit seinen weich ausgepolsterten Stimmungsreaktionen und seinem glaubwürdig qualvollen Lächeln auch fein spielt. Aber seine Figur ist von den Beziehungen abhängig, die sie pflegt, und von dem sozialen Umfeld, das sie erhält. Und dieses Umfeld liegt im Sterben.

Eine Welt aus Kleinigkeiten

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North Braddock, Pennsylvania, elf Meilen vor Pittsburgh – laut Wikipedia der „Birth Place of Steel“ nahe der „City of Steel“. Bilder einer verfallenden Stadt, aus dem Autofenster geschossen, jemand kehrt nach langjähriger Haft heim. Die Stadt ist ärmer geworden, und wie so oft auch schwärzer, weil Einkommensgruppen in den USA noch immer die Spuren der ehemaligen Segregation tragen.  Und über allem atmen die Edgar Thompson Steel Works ihre letzten Rauchwolken in den Himmel. Aber diese Bilder werden niemals – eine interessante, selten getroffene Entscheidung – in einen rassistisch gezeichneten Diskurs geführt. Auge um Auge verweigert beinahe ostentativ jede Rede über Hautfarben, nicht einmal als Zote ist sie erlaubt, wie sie zur Inszenierung der rauen, aber herzlichen Arbeiterklassenmilieus, in dem seit jeher Menschen jedweder Provenienz ein Schicksal teilen, ja häufig eingesetzt wird.

Casey Affleck als PTSD-geplagter Irakveteran mit seinen Tribal-Tatoos und der in den Nacken gesetzten Oakley profitiert, wie der gesamte Film, von den für kleinste Details geschärften Blick Coopers und einem für den Blue-Collar-Jargon sensiblen Drehbuch. Immer wieder sind es kurze, wie aus dem Handgelenk geschüttelte Einstellungen, Bilder, die zwischen den Erzählblöcken eingeschoben werden und nichts vermitteln als Ort und Atmosphäre, die Auge um Auge zu einem Film kleiner Entdeckungen machen. Wie Christian Bales Hand an einem Gefängnisarmband nestelt, worauf Casey Afflecks Fingernägel wie zur Antwort und wie schon abertausende zuvor den ausgeblichenen Lack vom Besuchertisch kratzen, das singt mehr Häftlingsblues als jede altbekannte Dramaszene zwischen durchlöcherten Plexiglasscheiben und Telefonhörern aus Hartplastik.

Die Bösen sind keine Arbeiter

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Anfänglich verbreitert sich die Erzählung beinahe episch – Jahre ziehen ins Land, es gibt schwere Schicksalsschläge, Todesfälle, Verbrechen, Schulden –, doch nach der halben Laufzeit macht der Film eine Vollbremsung. Wir spoilern jetzt mal nicht zu viel, aber Casey Afflecks Schulden und sein von Kriegserinnerungen heimgesuchtes Temperament führen in Kombination mit Bare-Knuckle-Kämpfen in den umliegenden Bergen zu keinem guten Ergebnis. Damit wechselt der Film von der soziopolitisch unterfütterten Darstellung in die psychologische Interpretation: Nicht mehr was die ehrlichen, aber gesamtgesellschaftlich auf der Verliererseite stehenden Helden durchleiden, steht im Vordergrund, sondern was das mit ihrem Innersten macht. Die Hochöfen sind erloschen, in den Werkshallen wird jetzt gekämpft.

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Aber weil amorphe globale Wirtschaftszyklen nicht gut als Bösewichte herhalten, geht das Blame Game weiter. Die Hillbillys aus den Appalachen ziehen dabei den schwarzen Peter und müssen die rein negativ definierten (gesetzlos, sexistisch, drogensüchtig) Feinde abgeben. Bei ihrer Darstellung wird nichts relativiert, keine der den hart arbeitenden und tief leidenden Stahlarbeiterkindern gegönnten Schattierungen sind hier erlaubt. Da muss man ins Grübeln kommen, denn ohne viel Ahnung von Geschichte und Kultur der Hügelbewohner zu haben, wage ich zu spekulieren, dass ihre unerbittliche Eigengesetzlichkeit ebenso handfesten sozioökonomischen Ursachen geschuldet sein mag wie die vom Film komplex hinterfragten Selbstzerfleischungen der absterbenden Working Class. Aber die Hillbillys als jener fürs amerikanische Selbstverständnis stets notwendige Rest von Zivilisationsverweigerung haben ja derzeit filmisch Konjunktur, man denke an Winter's Bone (Debra Granik, 2010) und die Serie Justified (Graham Jost). Allerdings gibt es in Auge um Auge keinen  charismatischen Boyd Crowder, der es mit seiner „I am not a gangster, I am an outlaw“-Attitüde für nobler erachtet, Gesetze zu negieren als zu brechen. Hier bleibt von ihm nur eines übrig: Diese Menschen sind keine Arbeiter.

Keine Gnade für die Hügelbewohner

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Stattdessen stimmt  Woody Harrleson als brutaler Oberbösewicht den Brunftschrei des total enthemmten, triebhörigen Lustmannes an. Moonshine-Liquor aus dem Einmachglas, Goldohrring und Hamsterzähne: Die Standardprops für den Backcountry-Proleten sind da versammelt. Aber die als Inzuchtsippe geführten Hillbillys werden eben nicht mit zärtlichen dokumentarischen Blicken bedacht, in ihrer Welt findet Cooper keine en passant geschossenen, mitteilsamen Details. Sie erfüllen einfach eine Funktion in Auge um Auge, nämlich die des mythischen Gegenübers, des urmännlichen Rufes nach Vergeltung und Blut. Kurzum: Sie sind eine pure Genreerfindung. Ihrem Ruf folgt Christian Bales Figur, raus aus den langsam erkaltenden Hochöfen, weg von den eigensinnigen Girlfriends, fort von Irak und rein in die subtropisch dampfenden Mittelgebirgswälder, zum Kampf Mann gegen Mann. Dahin, wo alles beim Alten weil ewig verlässlich bleibt, wo die Filmform über das Leben diktiert und wo es nichts mehr zu lächeln gibt.

Trailer zu „Auge um Auge“


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