Out Of Nature

Ole Giæver findet das Unglück der Generation Y im Wald.

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Eigentlich geht es Martin gut: Er ist verheiratet, hat gemeinsam mit seiner Frau ein Kind, ein Häuschen in einer ruhigen Gegend und einen Job, bei dem er vor Einbruch der Dunkelheit Feierabend machen kann und die Wochenenden frei hat. Doch tatsächlich geht es Martin (Ole Giæver) gar nicht gut. Er hat ein großes Problem: Er ist Teil der Generation Y – jener, die in Frieden aufgewachsen ist und in der Jugend mit dem Internet, dem Ende des Kalten Krieges und so auch mit der unbegrenzten Reisefreiheit beschenkt wurde. Martin lebt in einer Welt unendlicher Möglichkeiten. Wenn etwas gut ist, ist es nicht gut genug, denn es könnte ja besser sein. Es muss also anderswo etwas Besseres geben: eine bessere Frau, einen besseren Job, ein besseres Leben. Die Generation Y verweilt nicht, sie sucht ständig und setzt bei jener Suche nach dem Besseren das Gute, das sie hat, auf’s Spiel. Insofern ist Martin ein ganz normaler Mittdreißiger: geplagt von Zweifeln an der eigenen Existenz, tyrannisiert vom Gefühl, eingeengt und um die eigenen Träume betrogen worden zu sein.

Forever young

Martin wäre gern jener Adler, der in der ersten Szene von Out of Nature (Mot naturen, 2014) frei über allem schwebt. Also bricht Martin für ein Wochenende aus seiner Existenz aus: raus in die archaische, einfachere Welt der Natur. Gelöst wie ein Kind springt er durch die norwegische Bergwelt, schläft unter freiem Himmel und denkt nach, hinterfragt sich und sein Leben. Wir hören seine Gedanken, seinen unzensierten stream-of-consciousness. Es geht viel um Sex und andere unerfüllte Wünsche – mal wieder allein sein, Zeit für sich haben, ein Buch lesen, Playstation spielen, Bier trinken, keine Verantwortung tragen. Nicht erwachsen werden also. „Forever young" von Alphaville erklingt dazu – eine etwas zu direkte Übersetzung von Martins Gedankenstrom, ähnlich platt, wie wenn er allein durch den Wald rennt und im Off „You’ll never walk alone“ aus der Fankurve des FC Liverpool ertönt. Martin weiß, dass er sich solche Wünsche nicht wünschen darf. Er fühlt sich schuldig, weil er nicht erwachsen genug ist, weil er nicht zufrieden ist. Er empfindet Reue, weil er sich als passiv, ja unbeteiligt am eigenen Familienleben wahrnimmt.

Doch keine Sorge: Ole Giævers Film über Martins Leiden an der eigenen Freiheit ist keine schwermütige Angelegenheit. Giæver zeigt, wie sein Protagonist sich im Wald auf Probe selbst begräbt, mit seiner Frau „Sexting“ betreibt und beim Masturbieren von einem Jäger und dessen Hund erwischt wird. Auch wenn Martin in einem Moorloch stecken bleibt oder mit nacktem Hintern durch den Wald rennt, dürften Slapstick-Freunde ihren Spaß haben. Allerdings wirken einige dieser humoristischen Szenen doch recht gestellt. Fast scheint es, als weiche Giæver der ernsthaften Durchleuchtung seines Themas mitunter aus. Auch im realen Leben umgeht man unangenehme Situationen schließlich gerne mit Ironie. Noch fragwürdiger ist jedoch ein anderer Ansatz, den Giæver einmal wählt: Da erklärt er Martins Gefühle mit einer klischeehaften, simplifizierenden Psychologisierung: distanzierten Vater gehabt, Bettnässer gewesen, schwere Kindheit, Punkt.

Leiden an der Freiheit

Out of Nature 02

Interessanter ist der Film, wenn er die Fantasievorstellungen seines Protagonisten visualisiert: wenn Martin tatsächlich für ein paar Augenblicke zum Adler wird, wenn er sich als jenen liebevollen Vater imaginiert, der er gern wäre, oder wenn er sich mit schwarzem Humor ausmalt, wie seine Frau stirbt und er dadurch glücklicher wird.

Überhaupt ist die Bildsprache von Out of Nature oft bemerkenswert: Da sind die kargen, rauen Landschaften der norwegischen Bergwelt. Es gibt eine wundervolle, fast schon satirische Sequenz, in der Giæver und Kameramann Øystein Mamen vorführen, wie leicht Romantik im Film geht: Einfach ein paar Close-ups in schummrigem Licht, dazu ein bisschen Kuschelpop, und fertig ist die Atmo. Ebenfalls amüsant: Ole Giævers Penis erhält fast genauso viel Screen Time wie die titelgebende Natur. Was einen anfänglich erfreut, weil die Kamera keine falsche Scham zeigt, wie man sie aus Mainstream-Produktionen kennt, wirkt nach und nach  ein wenig exhibitionistisch.

Natürlich ist das Wochenende irgendwann vorbei. Natürlich muss Martin in seine ungeliebte Existenz zurückkehren – zu Frau, Kind und Job. Und natürlich wird er nicht den Mut haben, etwas Drastisches zu tun. Denn schließlich ist er ja Teil der Generation Y – jener Generation, die von den unendlichen Möglichkeitem, die ihr offenstehen, schlichtweg paralysiert wird, weil die Wahl eben wirklich eine Qual ist. Wer wählt, trägt die Verantwortung für seine Wahl. Martin ist dazu verdammt, ständig wählen zu können, ja zu müssen.

Trailer zu „Out Of Nature“


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