Out 1, noli me tangere

Die Wahrheit liegt im Spiel: Jacques Rivettes Meisterwerk Out 1: Noli me tangere ist dankenswerterweise auf DVD erschienen.

Out 1 noli me tangere 08

„Dieses Kino ist eines, das sich im Gehen, im Machen, auf der Reise erfindet, ein Kino der Balladeure, der Flaneure, derer, die gemeinsam aufbrechen, mit leichtem Gepäck, ohne vorher allzu genau zu wissen, wo sie ankommen.“ In dieser Tradition französischer Autorenfilmer, von der Anja Streiter in ihrem Buch über Jacques Doillon spricht, steht auch Jacques Rivette. Sein 13-Stunden-Film Out 1: Noli me tangere ist im besten Sinne ein Kino der Improvisation, der sichtbar lustvollen Inszenierung, des ziellosen Umherirrens der Figuren. Ein Schau-Spiel, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

1970 inszeniert Rivette das Mammutwerk. Nur einmal wird es als unfertige Arbeitskopie in Le Havre gezeigt und kann erst 1990 mithilfe des WDR fertiggestellt werden. Doch bis heute bleibt es nahezu unmöglich, die 13-Stunden- wie auch die Vier-Stunden-Fassung Out 1: Spectre (1972) im Kino oder im Fernsehen zu sehen (eine der ganz seltenen Gelegenheiten dazu bot im Herbst 2013 das Berliner Kino Arsenal).

Out 1 noli me tangere 05

Nach Rivette ist „Film zwangsläufig ein Hinterfragen der Wahrheit mit Mitteln, die zwangsläufig unwahr sind“. Für ihn liegt die Wahrheit eines Films in der Wahl des Theaters als Sujet, um die Theatralität der repräsentierten Welt sichtbar zu machen. So sollten für Out 1 alle Schauspieler ihre eigene Figur erschaffen, der sie dann im Spiel mit großer Distanz gegenübertreten. Das war offenbar die einzige Vorgabe. Die Rechnung dieser Provokation des Authentischen ging auf: Gerade weil, davon ist Rivette überzeugt, die Schauspieler ihre Figuren erfinden mussten, erzählten sie hundertmal mehr über sich selbst vor der Kamera, als wenn sie eine vorgegebene Figur hätten verkörpern oder sich selbst hätten spielen sollen.

Out 1 noli me tangere 09

Ausgangspunkt für Out 1 ist die Dokumentation. Im Reportagestil zeigt Rivette zwei Theatergruppen bei ihren Proben. Langatmig, ereignisarm, ermüdend. Sperrig. Bis mit den Auftritten von Colin (Jean-Pierre Léaud) und Frédérique (Juliet Berto) die Fiktion greift. Die beiden sind kleine Gauner, die mal mehr, mal weniger trickreich anderen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Colin werden drei Botschaften zugesteckt, die ihn auf die Fährte von Balzacs Histoire des Treize setzen. Frédérique wird später, unabhängig von Colin, dem sie nur einmal flüchtig begegnet, ebenfalls nach den 13 fahnden. Die beiden werfen den Erzählmotor an, brechen in die sich abschottenden Theaterwelten ein und bringen die Themen und Motive Rivettes zum Laufen: Verschwörung, Verfolgung, Geheimnis, Misstrauen und Identitätstausch. Und plötzlich verschiebt sich die Wahrnehmung, das Theaterspiel wirkt real, die Probenpause inszeniert. „Was ist hier Realität?“, fragt denn auch der Theaterregisseur Thomas (Michael Lonsdale). Die Antwort findet später die Schriftstellerin Sarah (Bernadette Lafont): „Alles bleibt Fiktion.“ Der (filmische) Blick verwandelt das Dokument in Fiktion.

Out 1 noli me tangere 02

Diese Auffassung gründet in den von Bazin angestoßenen Überlegungen zum Realismus im Film, die Rivette und seine Kollegen von der Nouvelle Vague in den 1950er Jahren weiterentwickeln und die später Deleuze zu seiner Theorie des Zeitbilds anregen wird. So unterschiedlich die persönlichen Erzählungen dieser Autorenfilmer zwangsläufig sind, so eint die Filme von Rivette, Truffaut, Rohmer, Godard, Chabrol doch immer ihr Verweis auf die bloße Möglichkeit einer Inszenierung der Realität, um im Eingeständnis dieser Lüge Wahrhaftigkeit aufscheinen zu lassen.

Jacques Rivette, der laut Truffaut einmal gesagt haben soll, er wolle aufrichtig sein und dem Zuschauer die „Fehler“ seiner Filme nicht vorenthalten, präsentiert auch mit Out 1 einen Film mit Werkstattcharakter. Über den Schauspieler und dessen Improvisation begibt sich Rivette auf die Suche nach einer Wahrhaftigkeit im Sichtbarmachen dessen, was für ihn das Kino ausmacht, „jenes Band zwischen etwas Äußerlichem und etwas ganz Verborgenem, das eine unvorhergesehene Geste entschleiert, ohne es zu erklären“.

Out 1 noli me tangere 01

Dass das gelingt und 13 Stunden zu fesseln vermag, verdankt Out 1 vor allem seinen Akteuren. Im Glauben, frei ihre Figuren zu entwerfen, werden sie im Verlauf der improvisierten Plansequenzen immer wieder überrascht durch verbale Einfälle, Mimik und Gestik ihrer Mitspieler sowie durch persönliche und angeeignete Eigenheiten ihrer selbst, die dem Spiel sichtbar ihre Signatur aufdrücken. So erinnert Jean-Pierre Léauds Colin in seinem heiligen Ernst, seiner Dreistigkeit und Albernheit frappierend an Antoine Doinel und damit an den unter François Truffaut entstandenen fünfteiligen Zyklus (1958–1979), in dem Truffaut Autobiografisches behandelt, der aber ebenso geprägt ist von der Improvisation Léauds. So tritt auch Éric Rohmer nicht von ungefähr als Balzac-Experte auf mit seinem aus Dokumentationen bekannten, zuweilen spöttischen Schnellsprech (umso kostbarer, da Rohmer im Bonusmaterial Auskunft über seine Rolle in Out 1 gibt, und zwar auf Deutsch: demütig langsam, doch gewohnt eloquent). So distanziert sich schließlich der Schauspieler gerade durch das Verkörpern seiner selbst erschaffenen Figur von dieser im unwillkürlichen Verweis auf sich selbst. Dieser Authentizitätseffekt, ausgelöst durch ein Herauskitzeln des Zufalls im Improvisationsspiel, greift dann, wenn er kurzzeitig und unerwartet einem stilistischen Bruch der Fiktion gleichkommt.

Out 1 noli me tangere 06

Authentisch wirken zudem die aus der Improvisation resultierenden dramaturgischen Holprigkeiten, die den aufmerksamen Zuschauer erfreuen, sein Sehen herausfordern und schärfen. Das Filmexperiment um den narrativen MacGuffin der 13 wird unterstützt durch einen scheinbaren Rohschnitt und ein Spiel mit dem Ton und den Bildern, die als filmstilistische Parameter allesamt auf ein undarstellbares Außerhalb des Films verweisen – etwa durch Szenenwiederholung mit Perspektivwechsel, über-/untertriebene Geräusche, unwirkliche Stille, Parallelaktionen innerhalb von Plansequenzen, Betreten der Szenerie im Durchschreiten eines Vorhangs, scheinbar dokumentarische Zwischenschnitte auf Pariser Straßenkreuzungen. Und einmal wird das Meeresrauschen langsam unhörbar, als Lili (Michèle Moretti) aus dem Bildrahmen tritt, derweil die Kamera weiter aufs Meer gerichtet bleibt. Allein die Fiktion hält die Realität lebendig.

Zur DVD-Edition zählen auch die vierstündige Fassung Out 1: Spectre (Montage: Denise de Casabianca) und Bonusmaterial wie die Dokumentation Die Geheimnisse von Paris (Wilfried Reichart, WDR 1972) mit Rivette, Rohmer, Doniol-Valcroze u.a. im Interview zu Out 1.

Trailer zu „Out 1, noli me tangere“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.