Our Homeland

Stumme Schreie in einer hoffnungslosen Situation. Yang Yonghi arbeitet ein weiteres Mal ihre nordkoreanische Familiengeschichte auf, diesmal mit einem Spielfilm.

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Es ist eine seltsame Situation. Nach 25 Jahren stehen sich Sonho (Arata) und seine Familie zum ersten Mal wieder gegenüber. Man fremdelt, führt Smalltalk und versucht sich langsam zu einem Normalzustand vorzutasten. Doch normal, so viel sei schon verraten, wird es in Yang Yonghis Our Homeland (Kazoku no kuni) nie werden. Familie und verlorener Sohn bleiben sich immer ein wenig fremd, und ganz plötzlich ist dann auch der Besuch schon wieder vorbei.

Um zu verstehen, was hier eigentlich schiefgelaufen ist, muss man die Vorgeschichte kennen. Sonhos Familie stammt eigentlich aus Korea, siedelte aber vor der Geburt der Kinder nach Japan über. Doch dort war man als Koreaner ständigen Diskriminierungen ausgesetzt. So entschied der Vater, ein verbissener Kommunist, dass es sein Sohn einmal besser haben sollte. Mit 16 Jahren wurde Sonho schließlich nach Nordkorea geschickt – in ein relativ junges Land, das sich gut als Projektionsfläche für die Träume von Einwanderern eignete. Dass dieser Sehnsuchtsort zum diktatorischen Regime werden sollte, konnte damals wohl niemand ahnen. Ein Gehirntumor und die mangelhafte medizinische Versorgung in seiner neuen Heimat führen schließlich dazu, dass Sonho für drei Monate zurück nach Japan darf.

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Wie in ihren beiden Dokumentarfilmen Dear Pyongyang (2005) und Sona, the Other Myself (2009) setzt sich Yang Yonghi in ihrem Spielfilmdebüt auf kritische Weise mit ihren nordkoreanischen Wurzeln auseinander. Mit ihrem Vater, der blind der Ideologie in Pjöngjang folgt, einer resignierten Mutter und ihren Brüdern, die in der Isolation des Regimes gefangen bleiben. Sie selbst hat sich mit der Figur der Rei (Ando Sakura) ein Alter Ego geschaffen: eine freiheitsliebende Schwester, die ihren Bruder über alles liebt und einfach nicht versteht, wie er sich mit der Ungerechtigkeit in seiner Wahlheimat arrangieren kann.

Aus der autobiografisch gefärbten Geschichte macht Yang einen wütenden Film. Wütend, weil es auf dieser Welt Länder gibt, die gegen das Wohl ihrer Bürger handeln, sie einsperren, von ihren Familien trennen und ein Klima der Angst schaffen. Solche Anklagen sieht man im Weltkino immer wieder. Our Homeland zeichnet aber aus, dass er stets den richtigen Ton trifft, sich nie in Kitsch oder Sentimentalitäten suhlt, sondern eine ausweglose Situation in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit erfasst.

In verblichenen Videobildern, mit zurückgenommener Formsprache und vereinzelter Klaviermusik widmet sich Yang zunächst ganz dem Prozess des Aneinandergewöhnens. Da gibt es die Familie, aber auch ehemalige Schulkameraden, allesamt Kinder von koreanischen Flüchtlingen, deren Wiedersehen mit Sonho von einer bedrückenden Stimmung überschattet wird. Es sind die äußeren Umstände, die es Sonho unmöglich machen, sich gegenüber seinen Freunden von früher zu öffnen. Er darf kein japanisches Fernsehen schauen, keine japanischen Lieder singen oder sich gar kritisch über das Regime äußern. Jede für uns normale Geste wird zum subversiven Akt, der Sonhos Familie in Nordkorea große Schwierigkeiten bereiten kann.

Man spürt diese ständige Angst. Nicht zuletzt, weil dem Gast ein Aufpasser zur Seite gestellt wird: ein humorloser Vertreter des Regimes, der seinen Schützling rund um die Uhr beobachtet. Dass Yang sich gegen ein System ausspricht und nicht gegen Individuen, zeigt sich daran, dass sie nie der Versuchung erliegt, diese Figur zu denunzieren. Wenn sie ihn in seinem Hotelzimmer beobachtet, wie er heimlich den Pornokanal schaut oder nach einem folgenschweren Anruf offensichtlich nicht mit den Anweisungen seiner Regierung zufrieden ist, gesteht Yang auch ihm eine tragische Dimension zu.

Our Homeland ist ein sehr bewegender und trauriger Film, der seinen Figuren zwischendurch zärtliche Momente der Freude gönnt, letztlich aber niemandem etwas vormacht: Für die Zukunft gibt es keine Hoffnung. Man hätte so einen Stoff mit großem Getöse inszenieren können, doch unter Yangs feinfühliger Regie entsteht eine leise Familientragödie. Oft sehen die Figuren aus, als ertrügen sie den Schmerz nicht mehr und müssten ihn jeden Augenblick aus sich herauslassen. Doch bis auf wenige Ausnahmen bleiben ihre Schreie stumm.

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