Otto; or, up with Dead People

Bruce LaBruce hat einen ambitionierten und variantenreichen schwulen Zombiefilm mit pornographischen Elementen und viel Raum für Interpretationen gemacht.

Otto; or, up with Dead People

„There unlived a zombie“, beginnt eine Erzählerin den Film, während sich ein Arm in Schwarzweiß aus der Erde herausstreckt; darüber benennt ein großer, weißer Grabstein den wieder erwachten Toten: „Otto“. Bald darauf sieht man Otto (Jey Crisfar), nun in Farbe, durch flache Landschaften Ostdeutschlands torkeln; totgefahrene Tiere am Straßenrand dienen ihm als Nahrung. Aus dem Off berichtet er von seiner Wanderung und wie er dorthin gezogen werde, wo die Menschen sich versammeln: nach Berlin.

Es ist ein gänzlich untypischer Zombiefilm, den der kanadische Bruce LaBruce mit Otto; or, up with Dead People vorlegt. Eine veritable Überraschung ist das nicht bei einem Regisseur, der sich bekanntermaßen nicht nur um filmische Konventionen nicht allzu viel schert, sondern seine Filme auch gerne als Provokation und politisches Statement betreibt.

Politisch ist der Film, den Regisseurin Medea Yarn (Katharina Klewinghaus) drehen möchte, ein Film über schwule Zombies, die sich gegen die Mehrheitsgesellschaft erheben wollen. Denn der seien die Zombies unheimlich – vielleicht weil sie, so Medea in einem Voice-Over, ihr eigenes schlafwandlerisches, konformistisches Verhalten in ihnen gespiegelt sähen.

Otto; or, up with Dead People

Natürlich verweist LaBruce damit auf die Historie des Zombiefilms und speziell auf George A. Romeros Zombie (Dawn of the Dead, 1978), der wegen seiner schweigend durch ein Einkaufszentrum schwankenden Untoten gerne als Kritik am modernen Kapitalismus interpretiert wurde. Auf eindeutige Bedeutungszuweisungen mag sich LaBruce aber doch nicht festlegen – sind nicht, fragt Medea an anderer Stelle im Film, die Zombies nur leere Signifikanten, auf die wir unsere Vorstellungen projizieren können?

Es ist ein hübsch komplexes Spiel mit Bedeutungen und Bedeutungsebenen, das Otto; or, up with Dead People betreibt, und die verschiedenen Ebenen kommen auch filmisch zum Einsatz. Da sind die stets in Schwarzweiß gehaltenen Bilder aus Medeas Film-im-Film (der den Titel „Up with Dead People“ trägt), während der restliche Film fast durchweg in Farbe gehalten ist. Und weil gelegentlich Medea Yarn frontal in die Kamera spricht und über die Arbeit an ihrem Film berichtet, wirkt es stellenweise, als sei der Film ein Making-Of ihres Projektes.

Zugleich verwischen die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Filmebenen; ab und an verschwindet übergangslos die Farbe aus dem Film, und wenn Medeas Freundin Hella Bent (Susanne Sachsse) die Szenerie betritt, legt sich um ihren Körper eine schwarzweiße Aura. Die Dame ist Stummfilmstar und kann deshalb nur mittels eingeblendeter Texttafeln sprechen, ihre Auftritte sind von Klaviermusik begleitet. Bei Taxifahrten führt das zu gewissen Verständigungsproblemen mit den Fahrern: „They never seem to hear me“, beklagt sie sich.

Otto; or, up with Dead People

Obwohl das Medium Film selbst kein zentrales Thema von Otto; or, up with Dead People ist, verfremdet LaBruce sein Filmmaterial in nachgerade Brechtscher Manier so weit, bis aller Anschein von Authentizität getilgt ist; seien es die Perspektivwechsel, der harte deutsche Akzent, mit dem seine Protagonisten ihre englischen Texte proklamieren oder die gelegentlich eingestreuten homoerotischen, zuweilen auch pornographischen Momente – alles arbeitet darauf hin, Brüche zu erzeugen und Seherwartungen zu konterkarieren.

Schon in The Raspberry Reich (2004) hatte der schwule Filmemacher LaBruce die RAF mit Homosexualität zusammengedacht. Für Medea Yarn sind Zombies wie Schwule gleichermaßen Außenseiter der Gesellschaft; in der Rahmenerzählung zu ihrem Film-im-Film werden die Zombies als „pink peril“ wahrgenommen, als „pinke Gefahr“ für die Gesellschaft. Zombiefizierung wird so zu einer „gay epidemic“ – darin hallen nicht nur die Vorstellungen wider, Homosexualität sei womöglich „ansteckend“, drohe also einen vermeintlich gesunden Gesellschaftskörper zu „infizieren“, sondern natürlich auch AIDS, das lange Zeit als eine Krankheit wahrgenommen wurde, die ausschließlich schwule Männer betreffe.

Otto; or, up with Dead People

Die frisch gebissenen Wunden, die sich ein Schwulenpärchen zugefügt hat, werden dann schon einmal zur Penetration genutzt. Ob das aber immer nur positiv gewendet ist, muss offen bleiben: Die schwule Orgie, die die finalen Szenen in Medeas Film ausmacht – im Hintergrund haben die Zombies den hier mehr als doppeldeutigen Slogan „Rise!“ an die Wand gesprayt –, wird mit Bildern aus der industriellen Fleischverarbeitung zusammengeschnitten. Ist das nun ein spielerischer Bezug auf Jörg Buttgereits berüchtigten Nekromantik (1987), ein weiterer Akt der Verfremdung oder doch ein kritischer Blick auf vermeintlich promiske schwule Subkulturen?

Gesicherte Antworten wird man hier nicht finden; selbst Otto bildet sich vielleicht nur ein, ein Zombie zu sein. LaBruce stellt Fragen und verunsichert feste Vorstellungen; sein Film wirkt deshalb manchmal wie ein leerer Signifikant auf der schwankenden Suche nach einer Bedeutung.

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