Ossi’s Eleven
Eine Gang aus verkrachten Existenzen will in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die gute alte D-Mark zurückholen. Oliver Mielkes tragikomische Farce ist längst nicht so schlecht, wie der Titel vermuten lässt.
Der Titel lässt das Schlimmste befürchten, ein erster Blick auf den Plot scheint dies zu bestätigen: Ossi’s Eleven (ja, mit Apostroph) ist eine in Ostdeutschland angesiedelte Parodie auf Ocean’s Eleven (2001). Dass das Gros der Beteiligten dabei aus dem Westen kommt und der frühere „bullyparade“-Produzent Oliver Mielke Regie führte, könnte erst recht die Erwartung auf eine Klamotte mit flachen Ossi-Witzen wecken. Was bedauerlich ist, denn damit hat der Film praktisch gar nichts zu tun. Nach eigenen Worten dienten dem Regisseur vor allem britische Sozialkomödien als Vorbild. Tatsächlich ist Ossi’s Eleven ein eher behutsam inszenierter, stellenweise recht melancholischer Film, der gewiss nicht rundum geglückt ist, der aber seine Figuren erstaunlich ernst nimmt. Die Ocean’s-Eleven-Folie dient nicht dazu, sich über sie lustig zu machen, der Vergleich mit dem erfolgsverwöhnten All-Star-Gangsterteam lässt eher das Tragische ihres aussichtslosen Unterfangens hervortreten – und gibt der Sache zugleich Schwung.
Wie sein Bruder im Geiste aus Soderberghs Film plant Oswald „Ossi“ Schneider (Tim Wilde), kaum aus dem Knast entlassen, einen neuen Coup. Statt in Las Vegas befinden wir uns jedoch in einer ländlichen Plattenbausiedlung, die Spielhöllenkette, die er zunächst ausrauben will, ist während seiner Haft längst pleite gegangen, und statt mit allen Wassern gewaschenen Hochglanzganoven steht dem Gangsterchef in spe nur ein Haufen verkrachter Existenzen zur Verfügung. Die elf Gangster, zu denen das Vorbild verpflichtet, sind dabei für neunzig Filmminuten eindeutig zu viel. Einige von ihnen, etwa Ossis zotenreißender Kumpel Karl (Stefan Jürgens) oder der grantelnde Bayer Georg (Andreas Giebel), sind etwas schablonenhaft geraten, einige andere werden nur flüchtig angedeutet. Doch immerhin, gut die Hälfte von ihnen versteht der Film mit nur wenigen Szenen recht eindringlich zu porträtieren – etwa Konrad (Manfred Möck), einen verhuschten ehemaligen Stasimann, der von allen gemieden wird und sich am liebsten mit kryptischen Briefen verständigt, oder den Imbissbudenbesitzer Bruno (Michael Brandner; von fern an Axel Prahls Rolle in Halbe Treppe (2002) erinnernd), der wie sein Bruder Axel zu DDR-Zeiten Hochleistungssportler war und sich wegen eines dunklen Geheimnisses in seiner Vergangenheit das Leben nehmen will. Sein verunglücktes Date mit Lea (Jule Ronstedt), die ihn in letzter Sekunde rettet, gehört zu den schönsten Szenen des Films.
Nicht bei jeder Figur erschließt sich so richtig, wozu sie bei dem Überfall eigentlich gebraucht wird. Aber im Grunde ist die Teilnahme für die meisten ohnehin nur ein Vorwand, um ein paar Freunde zu finden – eine Notgemeinschaft vereinsamter Randexistenzen, die nicht mehr viel zu verlieren haben. In diesem Sinne verläuft der Plan auch erfolgreich. Als gegen Ende gefragt wird, wer alles von dem Überfall gewusst hat, treten sämtliche Anwohner der Siedlung auf ihren Balkon. Eine Solidaritätskundgebung, eine Schlüsselszene des Films. Dazu passt, dass Kameramann Thomas Wittmann die Plattenbauten statt in tristem Grau in warmen, freundlichen Farben gefilmt hat: Der Film verschiebt seinen Schauplatz ein kleines Stück ins Märchenhafte, aber nicht so weit, dass sich die ostdeutsche Realität – die Landflucht, die Arbeitslosigkeit, die soziale Isolation – darüber beim Zuschauen ausblenden ließe.
Worum geht es bei dem Coup eigentlich? Ossi und seine Gang wollen eine Eisengießerei überfallen, um eine Riesenladung alter D-Mark-Münzen vor dem Recycling-Tod zu retten. Schließlich kann man die noch immer in Euros umtauschen – diese rationale Begründung scheint aber fast nebensächlich gegen die offenbar mythische Strahlkraft, die die gute alte Mark noch immer hat. Ein Symbol für vermeintlich bessere Zeiten, an denen wohl keiner aus der Gang je teilhatte. Eigentlich eine ziemlich traurige Angelegenheit.
Filmkritik von Maurice Lahde
Veröffentlicht am 22.02.2008
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Film-Angaben
Titel: Ossi’s Eleven
Deutschland 2008
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: Oliver Mielke
Drehbuch: Philip Kaetner, Oliver Mielke
Produktion: Oliver Mielke
Darsteller: Tim Wilde, Stefan Jürgens, Andreas Giebel, Manfred Möck, Helmfried von Lüttichau, Götz Otto, Michael Brandner, Sascha Schmitz, Michael Habeck, Jule Ronstedt, Karoline Eichhorn
Kinostart: 28.02.2008
DVD-Angaben
Titel: Ossi´s Eleven
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 89 Minuten
Extras: Making Of; B-Roll; Trailer
Verleih ab: 24.09.2008
Verkauf ab: 27.10.2008
Copyright Ossi’s Eleven
Fotos: © Universum
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