Os residentes – The Residents

Revolution als Reenactment. Mit einem konfusen theoretischen Überbau und einer hippen Ästhetik macht sich der brasilianische Regisseur Tiago Mata Machado daran, die Welt zu verbessern.

Os residentes - The Residents 1

Enttäuscht von der Welt im 21. Jahrhundert, zieht sich eine kleine Gruppe von Menschen in ein Abrisshaus mitten in einer brasilianischen Großstadt zurück. In den leerstehenden Wohnräumen, zwischen Schutt und Geröll, versucht die Gemeinschaft sich Frei- und Spielräume für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen. Beeinflusst von den künstlerischen Avantgarden und revolutionären Denkern des 20. Jahrhunderts, entwickelt sich ein Mikrokosmos aus politischer Agitation und Performancekunst, der jedoch schon bald zu einer Farce verkommt: Die Bewohner erkennen, dass ihr Projekt nicht mehr als eine Parodie dessen, was sie ablehnen, ist und treten in einen Kunststreik. Die Gruppe löst sich auf und verlässt das Haus, das nun zum Abriss freigegeben ist und dem Erdboden gleichgemacht wird.

So oder ähnlich könnte eine Rekonstruktion des Plots von Os residentes – The Residents des brasilianischen Regisseurs und Videokünstlers Tiago Mata Machado aussehen. Aber wie der amerikanische Sprachkritiker Alfred Korzybski bemerkte: „A map is not the territory.“ Und so kann es durchaus hilfreich sein, eine Inhaltsangabe von Os residentes beim Anschauen im Hinterkopf zu haben – auf die unkonventionelle Seherfahrung, die der Film bietet, bereitet diese Versprachlichung aber nur unzureichend vor. Machado inszeniert seine Kunst- und Kapitalismuskritik fernab von üblichen Erzählmustern als lose Aneinanderreihung von Situationen, Performances und Standbildern, deren Beziehung zueinander bisweilen nur schwer auszumachen ist. Statt einem roten Faden zu folgen, entwirft der Film eine Textur aus Bild- und Tonmaterial. Vom pantomimischen Granatenwurf über einen überlangen und minimalistisch inszenierten Beziehungsstreit bis hin zum als Schnauzbart zweckentfremdeten weiblichen Schamhaar reicht das Repertoire an Szenen- und Bildeinfällen, die Os residentes bereithält. Dazu knistern alte Schlager von der Schallplatte, Indie-Beats überdecken Dialoge, und politische Slogans werden gesampelt.

Os residentes - The Residents 2

Der Wille zur Kunst ist in jeder Einstellung spürbar und Os residentes ohne Weiteres als Videoinstallation im Museum vorstellbar. Denn auch wenn sich so mancher bei den Revoluzzern im Retro-Look an Godards La Chinoise (1967) erinnert fühlen mag, ist der Bezugspunkt von Machada weniger das Kino und der populäre Film als die zeitgenössische Kunst. Diese und ihr komplexes Verhältnis zur eigenen Kommerzialisierung ist daher auch durchgängiges Thema des Films und wird mit allerlei Anleihen aus Kunstkritik und Kunstgeschichte abgehandelt. Wer mit den Diskursen um das Scheitern der Avantgarden, Situationismus und Neoismus nicht vertraut ist, dem bleibt da oft nur verständnisloses Starren auf die filmischen Fragmente. Nicht nur die Theoriebedürftigkeit erschwert den Zugang zu Machadas Werk, auch gelingt es dem Filmemacher nicht, eine eindeutige Position zu beziehen. Macht er nun Kunst, Anti-Kunst oder gar Meta-Kunst? Ob es sich bei Os residentes um die ironische Inszenierung einer künstlerischen (Neo-)Avantgarde oder um deren ernsthafte Dokumentation mit dem Blick eines Ethnografen handelt, lässt sich aus dem Film nicht erschließen.

Ein manifestartiger Text Manchadas im Presseheft (eine weitere map, die den Zuschauern als Orientierungshilfe dienen soll, zumindest den Pressemenschen und Googlenden) hilft hier auch nicht weiter, sondern verstärkt noch den Eindruck, dass es sich bei Os residentes um eine prätentiöse Nabelschau handelt. Kunstgeschichte und Philosophie verkommen hier zu akademischem Namedropping, und in Halbsätzen vermischen sich Theorien und Begriffe zu einer esoterischen Privatideologie. Im Film äußert sich diese Esoterik, die man etwas wohlwollender auch Poesie oder Skurrilität nennen könnte, in einer absoluten Selbstreferenzialität, die noch die eigene Selbstreferenzialität selbstreferenziell verwurstet. So dreht sich jede Sequenz und jede Szene nur um sich selbst, bis sie schließlich in sich zusammenfällt und verpufft. Für den Zuschauer heißt das dann konkret beispielsweise, einem Mann zuzusehen, der minutenlang mit dem Fahrrad im Kreis fährt, bis er schließlich umkippt. Da wundert es auch nicht, dass ein Großteil der Zuschauer bei der Aufführung auf der Berlinale bereits nach einer halben Stunde aus dem Kino geflüchtet sein soll. Ein Spiel ohne Folgen, außer für sich selbst.

Os residentes - The Residents 3

So bleibt Os residentes eine reine Stilübung, die von subkulturellen und avantgardistischen Ästhetiken zehrt. Dem eigenen Anspruch, zu irritieren und herauszufordern (oder wie Machada schreibt: einen Mehrwert zu generieren, „der etwas mit Lebensintensität zu tun hat“ und „im ,Lebensfluss‘ des nietzscheanisch-rimbaudschen ,Übermenschen‘“ besteht), aber kann der Film schwerlich nachkommen. Die einzige Unruhe, die Os residentes stiftet, wird wohl die des Publikums beim vorzeitigen Verlassen des Kinosaals bleiben.

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