Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen

Wie lässt sich die „Flüchtlingskrise“ bebildern? Auf der Suche nach einer Haltung folgt Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen zwei sehr unterschiedlichen Frauen nach Griechenland – und übt sich in produktiver Verweigerung.

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Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen beginnt mit vertraut wirkenden Bildern. Ein Demonstrationszug durchquert Berlin, zieht vor das Regierungsviertel. Plötzlich bekommt das Bild Risse, Einblendungen, es verschwimmt. Ein Boot auf der Spree, es ist Sommer. Die Journalistin Lena (Nina Kronjäger) stellt Fragen, ihr männliches Gegenüber weicht aus, redet sich raus. Auf der Party einer Männergruppe auf dem vorderen Teil des Bootes wird sie sexistisch bedrängt. Das Gesicht der Journalistin: emotionslos. Dann ergraut das Bild, kühlt sich ab. Griechenland im Winter. Die Journalistin ohne Namen beginnt eine Reise. Ihr Ziel: eine Recherche am offenen Herzen der europäischen „Flüchtlingskrise“. Dort hingehen, wo das Leid offen zutage liegt. Griechenland. Die Journalistin sucht die Camps, in denen sie angeblich leben, die zahllosen Geflüchteten, auf Wanderung ins gelobte Land Europa. Doch selbst nach langen Autofahrten durch die nordgriechische Provinz findet sie nichts – nur Zäune, Ödnis, winterliche Leere und Unbehaustheit. Plötzlich läuft ihr eine junge, blonde Frau vors Auto. Es ist eine verirrte Berliner Aktivistin namens Amy (Anna Schmidt), die auf eigene Faust nach Griechenland gereist ist, um zu helfen.

Sich sträubende Teilnahmslosigkeit

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Marita Nehers und Tatjana Turanskyjs Film ist eine Suche nach einer Haltung, nach einer möglichen wie unmöglichen Bebilderung des europäischen Grenz- und Migrationsregimes. Was ist das überhaupt? Dieser Frage geht der Film aus der Perspektive zweier verschiedener Frauen nach. Anfangs pflegen beide dezent gegenseitiges Desinteresse. In kargen Dialogen tauschen sie ihre initiale humanitäre Motivation aus, Mimik und Sprache bleiben ausdruckslos. Die Strenge der Inszenierung überträgt ein angespanntes Gefühl; eine sich selbst sträubende Teilnahmslosigkeit entsteht, die die Form des Films prägt. Es gibt keine Close-ups, kein Verhalten im eigentlichen Sinne, das die beiden Protagonistinnen auszeichnen würde. Stattdessen schiefe, seitliche Kameraperspektiven, als wollte sich das Bild einer übergeordneten Perspektive, einer These immer wieder verweigern.

Anything-goes-Aktivismus

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Dabei gibt es eine offenkundige Beteuerung der beiden: Sie wähnen sich im unbedingten Einsatz für die gute Sache. Für das Duo gerät die Reise nach Griechenland vor allem zu einer Bewährungsprobe der eigenen Identität, einer Prüfung des Glaubens an die eigene Rechtschaffenheit. Denn mit der Zeit lernen die Frauen sich kennen. Beide fühlen sich fehl am Platz, ihre Erwartungen werden enttäuscht. Nach und nach beginnen sie sich gegenseitig dafür die Schuld zu geben. Die Selfmade-Journalistin Lena regt sich über die Aktivistin Amy auf, die mietfrei in der Altbauwohnung ihrer Eltern lebt und trotzdem bei Airbnb untervermietet, während sie sich in Griechenland mildtätig zeigt. Die Aktivistin wiederum kann mit der spröde-sachlichen Art der Journalistin nichts anfangen, die so tut, als wäre die Geflüchtetenkrise eine kaputte Maschinerie, die es nur zu reparieren gelte. Letztlich wird sie damit ebenso entlarvt wie Amy mit ihrem spielerischen, naiv-studentischen Anything-goes-Aktivismus. Sichtbar wird dadurch vor allem die Erkenntnis eines Scheiterns. Als würden die inneren Widersprüche Europas an dieser Zweierkonstellation exemplarisch sichtbar. Der humanitäre Habitus als Auslaufmodell – Neher und Turanskyj scheuen sich nicht davor, sich diesem Statement zu nähern.

Verfilmte Gewissensfrage

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Der eigentlich beabsichtigte Kontakt mit den Betroffenen der Krise, er kommt bis zum Ende nicht zustande. Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen ist eine verfilmte Gewissensfrage: Wie lässt sich eine emanzipatorische Haltung zum Thema Flucht aufbauen? Anstatt sich dem Wahn hinzugeben, es gebe die richtigen Worte und Bilder, üben sich die beiden Regisseurinnen lieber in produktiver Verweigerung, um der überbordenden Komplexität des Sujets aus ihrer Sicht gerecht zu werden. Lieber zögern, zaudern und sich selbst belasten, als vorschnell zu urteilen und etwas ins Bild zu setzen, so könnte das Credo lauten. Die Angst vor dem Klischee ist mächtig, und Turanskyjs und Nehers Experiment ist vielleicht einer der radikalsten filmischen Versuche zum Thema, etwas zu zeigen, ohne zu bezeichnen. Ähnlich Philip Scheffners Havarie (2016), der mit einer ganz anderen Ästhetik eine vergleichbare Position bezieht. Die Kälte und Sperrigkeit des Films ist Ausdruck einer Haltung, einer Ohnmacht des wahrhaftigen politischen Verhaltens, das nicht erst seit gestern in eine Krise geraten ist. Der Titel schlägt insofern eine Alternative zum Bekenntnis- und Positionierungszwang vor und thematisiert bewusst den Moment des Innehaltens, des Vertagens, der Unsicherheit. Alles Haltungen, die mit allgegenwärtiger medialer Nervosität und vorschnellem Aktionismus nicht überein zu bringen sind.

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