Orgien der Lust

Sex unter provenzalischer Sonne: ein warmer, lebensfroher, sonnendurchfluteter Pornofilm aus den französischen 1970er Jahren.

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Das Landhaus, in dem der größte Teil dieses schönen Sommerfilms spielt, könnte auch ein Schauplatz in einem Film von Éric Rohmer sein, obwohl die Dinge, die dort getan und besprochen werden, einem anderen (verschütteten) Kinokosmos entstammen. Orgien der Lust (Couples en chaleur) ist ein Pornofilm, vor 35 Jahren – noch im Zeitalter von Zelluloid und Pornokinos – inszeniert vom französischen Filmemacher Jean Luret, der später als Regisseur zahlloser Dokumentarfilme über Mode große Popularität errang. Außerdem ist er ein Zeitkristall, der die hedonistische Entspanntheit des französischen Pornokinos der 1970er Jahre für die Ewigkeit bannt – ein warmer, leichter, lebensfroher, sonnenbeschienener Körperfilm.

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Man muss sich Orgien der Lust natürlich nähern mit der Überzeugung, dass der Pornografie an sich nicht zwingend etwas Obszönes, ethisch oder ästhetisch Minderwertiges anhaftet, denn dies ist kein Film, der die Grenzen seines Genres sprengen möchte. Im Gegensatz zu zahlreichen der besseren US-Pornospielfilme der mittleren und späten 1970er Jahre braucht Luret keine ambitionierte Filmerzählung und keine avantgardistischen Formexperimente. Narrativ ist Orgien der Lust so schlicht, wie es nur irgend geht: Die sogenannte Lino Jazz Band, aus drei (männlichen) Musikern bestehend, arbeitet am großen Durchbruch und fährt folgerichtig erstmal in die Ferien auf dem Lande, wo sie zwischen diversen erotischen Eskapaden in unterschiedlichsten Konstellationen auch immer einmal wieder, in Wohnzimmern oder auf Sommerwiesen, eine groovige Melodie zum Besten geben. In besagtem Wohnzimmer werden sie dann auch tatsächlich von einem begeisterten Produzenten entdeckt, der sie in Paris zu Superstars zu formen verspricht. Die abschließende Orgie, mit der die güldene Zukunft gefeiert wird, findet in einem Pariser Hotelzimmer statt.

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Es geht also, offensichtlich, nicht um das, was erzählt wird in Orgien der Lust. Dies ist vielmehr, wie so viele gute Pornofilme, ein Film der Performanz: Wie wird Sex hier gefilmt, müsste man sich also fragen, nicht: warum? Und dort eröffnet sich dann ein Areal, das die Qualitäten nicht nur dieses Einzelwerks, sondern überhaupt der schönsten unter den französischen Pornofilmen der 1970er Jahre luzide zum Ausdruck bringt. Die pornografische Grundutopie, die individuelles Glück an eine zentrale Verkürzung bindet – die Entkoppelung des Glücksversprechens einer befreiten, scham- und hemmungslosen Sexualität vom vermeintlichen Ballast der damit verschränkten emotionalen Sphären – prägt entschieden den bei aller Überdeutlichkeit doch auch auf verschrobene Weise zärtlichen Hedonismus von Lurets Inszenierung, und daraus resultiert so etwas wie eine militant humanistische Idee (konflikt-)freier Liebe. Dem Sex haftet hier stets etwas Verspieltes an, den bei jeder sich bietenden Gelegenheit und in wechselnden Konstellationen kopulierenden Protagonisten etwas unbeschwert Infantiles – eine naive, aber aufrichtige Vorstellung eines rein aus der Körperlichkeit gewonnenen Lebensglücks.

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Mit der Veröffentlichung von Orgien der Lust im Rahmen der DVD-Edition Candybox betritt der gleichnamige Verleih Neuland: Die Reihe, die ansonsten kleinere oder größere Perlen des internationalen (Softcore-)Sexploitationkinos versammelt, öffnet sich mit Lurets Film erstmals auf den Hardcore-Pornofilm hin, was ob der noch immer – oder vielleicht sogar: mehr denn je – praktizierten Segregation zwischen Pornografie und „seriösem“ Kino durchaus ein Wagnis darstellt. Die auf 1.000 Exemplare limitierte Edition kommt im Hinblick auf die Ausstattung zwar minimalistisch, aber auf liebe- und respektvolle, angemessene Weise schundig daher. Die DVD in der hübschen, an alte VHS-Tapes erinnernden Hartbox bietet den Film im französischen Originalton wie in der schmerzfreien, sprücheklopfenden deutschen Synchronfassung sowie, als einziges Extra, eine Reihe kurzer, unsynchronisierter Deleted Scenes in gruseliger Bild- und Tonqualität. Der Film selbst sieht bedeutend besser aus, bewahrt sich aber dennoch eine sehr passende Schrabbeligkeit, die man bei einer Ausgrabung wie dieser wahrlich nicht missen möchte.

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Als einziges wirklich beklagenswertes Manko schmerzt hier der Verzicht auf deutsche Untertitel zur Originalfassung, die dem französischunkundigen Zuschauer die Konfrontation mit der doch recht speziellen Synchronfassung ersparen würden. Freilich ist die Ergänzung von Untertiteln für pornografische Filme auch im Bereich aktueller, kommerzieller DVD-Veröffentlichungen im Gegensatz zum Spielfilmsegment nicht Standard, somit kann dem Verleih hier also nur bedingt der Verzicht darauf vorgeworfen werden. Im Rahmen einer solchen Edition, die ja diesen klassischen Pornofilm bewusst und dezidiert in den Rezeptionskontext des (exploitativen) Kinospielfilms hineinrückt, wäre das Anbieten deutscher Untertitel dennoch ein schöner Bonus gewesen. So bleibt nur wahlweise das Aufpolieren der eigenen, ein wenig brachliegenden Französischkenntnisse oder eben das ganz tiefe Eintauchen in die in ihrer schönen Schmierigkeit immerhin kulturell signifikante deutsche Sprachfassung, falls man 72 Minuten in das sommerliche, lustvolle Pornotopia von Orgien der Lust eintauchen möchte. Was hiermit, jedenfalls den aufgeschlosseneren Cinephilen unter den Lesern, durchaus empfohlen sei.

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