Ordnung – Kritik

Herbert schreit die Nachbarschaft wach und füttert Ziegen mit Zigaretten. Ordnung zeigt in bedrückendem Schwarzweiß Bilder einer Desintegration.

Ordnung 06

Gitterstäbe durchschneiden das Panorama Frankfurts mit der 1980 noch lückenhaften Skyline, darüber wird das Wort „Ordnung“ eingeblendet. Nach dem Establishing Shot, mit starrer Kamera von der Aussichtsplattform des Henninger-Turms gedreht, verschlägt es den Film in eine Gegend hinter den Gittern – und in eine Szene, von der man sofort weiß, dass man sie nie mehr vergisst: Ein einsamer Mann trottet die Fluchtlinie einer regennassen Straße entlang, bildet mit den Händen einen Trichter und schreit in unerbittlichen Intervallen an den Mauern des stillen Altbauviertels empor: „Aufsteeeeeeehen!“

Keine Taktung des Alltags

„Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, sollen aufstehen!“ In dem Jahr, in dem Ordnung erschien, gab der Protestschlager der niederländischen „bots“ jeder Friedensdemo aktivistischen Schwung. Von solchem Überschwang könnte Heinz Lievens monotone Stimme nicht weiter entfernt sein. Wie ein warnendes Fanal klingt sein Weckruf sonntagmorgens um sieben, und der prompt auf dem Balkon erscheinende Nachbar, der seine Schimpfkanonade auf Herbert loslässt, ist auch niemand, den man gerne aufstehen sieht. Ein besseres Leben aber, daran lässt Sohrab Shahid Saless’ Blick, unversöhnt mit den Verhältnissen und nachsichtig mit den Menschen, keinen Zweifel, wäre Herbert ebenso zu wünschen wie den Figuren, die die Ordnung, in die er sich nicht mehr fügen kann, aufrechterhalten.

Ordnung 07

Saless’ Filme sind bei all ihrer Formstrenge immer zugleich kristallklare Erzählungen, die jedes Bild unmissverständlich in ihren Dienst stellen. Und es sind auch, horribile dictu, durchaus „Themenfilme“ mit „Anliegen“ – allerdings solche, die dafür einen unmittelbar filmischen Ausdruck finden, der direkt an Herz, Hirn und an die Nieren geht. Und so genau Ordnung die Situation eines Arbeitslosen in der BRD anno 1980 festhält, so zeigt er doch in einem viel umfassenderen Sinne die Desintegration eines Individuums. Zwei Drittel seiner Spielzeit bleibt der Film dabei in einem Setting, in dem Saless die untragbaren Lebensumstände gesellschaftlich Verfemter immer wieder studiert: Von der unwohnlichen Wohnung in der großen Stadt zieht er einen Radius um eine mindestens ebenso unwohnliche Gegend, in der seine Figuren in den immer gleichen Kreisbahnen eingefangen sind. Was dem Protagonisten in Ordnung fehlt, ist eine Taktung des Alltags. Es gibt keine unerbittlich tickende Uhr wie in Reifezeit (1976), keine stoisch spotzende Fabrikmaschine wie in In der Fremde (1975), keine Türklingel des Grauens wie in Utopia (1983) – nur einen sinnentleerten Alltag, der dem arbeitslosen Bauingenieur mehr und mehr zerfällt.

In der Befremdung gefangen

Ordnung 02

Nicht nur den Job beim Eisenwarenhändler bricht Herbert mitten im ersten Verkaufsgespräch ab, es gibt keine Alltagssituation, die er nicht infrage stellt, ob es um das Verspeisen des Frühstückseies geht oder darum, ob man nach Verlassen der Wohnung die Tür abschließen soll. Bei einem Waldspaziergang verfüttert er an ein schwarzes Ziegenkitz eine Zigarette – um sich danach in Sorge zu verzehren, ob das Jungtier „verreckt“ sei, und die Auflösung einer anderen Kippe im Wasserglas zu studieren. Wie vergeblich die Versuche seiner Frau und seiner Freunde bleiben müssen, diesen Mann in ein geordnetes Leben zurückzuholen, wird mehr noch als in seinen lakonischen Kommentaren in Lievens stets befremdetem, in der Befremdung gefangenem Gesichtsausdruck deutlich. Noch beim Aufschrecken aus einem Albtraum, auf das Saless jäh schneidet, bleibt sein Schrei erstickt, die sonntägliche „Aufstehen!“-Runde ist der einzige Kanal für seine unterdrückte Wut. Doch so eindringlich der Film Herberts Überdruss zeigt, so wenig macht er sein Umfeld direkt verantwortlich. Wenn er die Eheleute in fremdelnder Vertrautheit in ihrer Wohnung zeigt, wird ebenso unzweifelhaft sichtbar, dass die Vorwürfe seiner Frau – er lasse sich von ihr durchfüttern und verwehre auch ihr die Teilhabe am schönen Leben – eben auch zutreffen.

Die Kamera ist Herberts befremdetem Blick stets nahe, ob er aus dem Fenster auf den Supermarkt an der Ecke schaut oder zwischen den Regalen den Verkäuferinnen zusieht. Bald beginnen auch Realitätsstatus und Kontinuität der Bilder zu wackeln, nach der Ankunft im Arbeitsamt wird das Gespräch mit dem Sachbearbeiter in einer auffälligen Ellipse ausgespart, die Begegnung mit dem alten Mann im Wald, den er nach dem Verbleib der Ziege fragt, etikettiert Herbert rückwirkend als Albtraum, und jäh und bezugslos werden kurze Szenen in den Plot montiert, in denen er einmal neben seiner Frau und einmal neben seiner behandelnden Ärztin Straßenbahn fährt.

Nicht mehr aufwachen

Ordnung 05

Das letzte Drittel des Films zeigt Herbert dann in einer Nervenklinik – hier ist Ordnung trotz einiger markanter Szenen nicht ganz so überzeugend, weil dieser Schauplatz weniger erforscht als gesetzt wird (für Saless’ Forschungsansatz braucht es mehr Zeit), der Film sich mit der Irrenanstalt als Zurichtungsapparat eines eher konventionellen Bildes bedient und  dadurch einen etwas plakativen Zug bekommt. Dennoch ist es ein hochgradig verstörender Moment, wenn der „Aufstehen“-Parcours auf dem Klinikflur zu „Auschwitz“ wird (auch weil man erst nicht weiß, ob man richtig hört). Aus heutiger Sicht mag diese Laut- und Sinnverschiebung wie ein etwas vermessener Kurzschluss wirken. Aber sie stellt eindrücklich aus, wie sehr Saless die vom Nachleben des NS noch durchtränkte BRD-Gesellschaft in seinen Filmen immer wieder umtreibt, die vom Kriegsende zeitlich nur so weit entfernt sind wie wir von ihnen.

Dass der Film kurz nach dem mit sedierenden Spritzen unterbundenen Ausbruch unerwartet mit Herberts Heilung schließt, ist dann ein mehr als bitteres Happy End. Das Gedicht, das er den Film über so verzweifelt zu schreiben versucht, wird zum Schluss vollendet: Es handelt von einem Mann, der schläft und nicht aufwacht.

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