Open Water

Verlassen in den Weiten des Ozeans entwickelt sich der vermeintliche Traumurlaub schnell zum Alptraum. Hier stellt sich automatisch die Frage nach den Grundwerten einer Beziehung. Doch das Paar hat sich nicht viel zu sagen. Was den schleichenden und stillen Horror der exzellenten Bilder unterstützt, fördert gleichzeitig die dramaturgischen Schwächen des Films ans Tageslicht.

Open Water

Im vergangenen Jahr donnerte mit Bad Boys II ein Film über die Leinwände dieser Welt, der neue Maßstäbe in Sachen Daueraction, Lärm und Schnittstakkato setzen sollte. Für Unersättliche gab es in der Heimkino-Auswertung noch eine „extended“ Version, die Phantasmagorie ins Epische zerrend. Wahrlich episch kam auch die Lord of the Rings-Trilogie (2001-2003) daher mit ihrer fabulös riesigen Crew und den noch viel extendeteren Versionen auf DVD.

Eine solche Entwicklung, vorangetrieben von Titanic (1997) und beschleunigt durch die Matrix-Trilogie (1999-2003) schreit förmlich nach einer Gegenbewegung. Bereits 1999 hatte die internationale Presse The Blair Witch Project als geniale Antwort auf die Blockbuster- und schließlich High Concept-Bewegung propagiert. Diese konzeptualisierten, speziell terminierten und marketingstrategisch auf ein Breitenpublikum ausgerichteten Filme fanden ausgerechnet ihren Ursprung in Steven Spielbergs Jaws (Der weiße Hai, 1974).

Zwanzig Jahre später gibt es nun wieder einen Kampf Mensch gegen Tier auf offenem Meer, allerdings sind die Protagonisten wesentlich schlechter ausgerüstet als seinerzeit Roy Scheider, Richard Dreyfuss und Robert Shaw. Ein junges Paar wird von seiner Reise- und Tauchgruppe schlichtweg in den Weiten des Meeres vergessen, einzig mit Taucherbrillen und einem Messer ausgerüstet. Dort warten Kälte, Strömung, Quallen und eben Haie als existentielle Bedrohung, ganz abgesehen von Hunger und Durst. Dass sich zwischen Susan (Blanchard Ryan) und Daniel (Daniel Travis) in dieser Situation einiges entlädt, ist selbstverständlich.

Open Water

Als sich die blutrote Sonne farbenprächtig über dem Meer senkt, ist dies natürlich als Vorahnung zu verstehen. Den beiden steht nichts Gutes bevor, zumal ihr Verschwinden noch nicht einmal bemerkt wurde.

Abgesehen von dieser Orgie in Rot hält Open Water Variationen von Blau für die Zuschauer bereit. Die beinahe hypnotischen Bilder des transzendierenden Wassers bilden trotz DigitalVideo-Kameratechnik das Rückgrat dieses schlichten Thrillers. Im Stile einer echten Low-Budget-Produktion ist das Ensemble genauso überschaubar wie der Handlungsraum. Wobei überschaubar gleichzeitig zynisch klingt, denn das Paar verzweifelt gerade an der Unüberschaubarkeit ihres Gefängnisses.

Der Film wandelt seine technische und finanzielle Schwäche zunächst in eine konzeptionelle Stärke: das Geschehen ist ganz reduziert auf den Überlebenskampf der beiden, die Schockmomente sind subtil und kommen ohne technische Effekte aus. Zudem ermöglichen die naturalistischen Aufnahmen einen hohen Grad an Authentizität. Doch die obligatorische Stärke der technisch beschränkten, auf innere statt auf äußere Prozesse setzenden Produktionen - Dialoge und innovative Dramaturgie nämlich, nutzt Open Water nicht für sich. Regisseur und Drehbuchautor Chris Kentis vertraut vollkommen den traumatisierenden, von ihm und seiner Frau gefilmten, zudem von ihm geschnittenen, Bildern.

Open Water

So gibt es kaum eine Entwicklung in der Beziehung zwischen den Protagonisten, was wohl in den spärlichen, wenig pointierten Dialogen begründet liegt. Überhaupt steigert sich die Dramaturgie bis zur elegant gefilmten Klimax nur geringfügig, denn schnell sind die Probleme und Hauptgefahrenquelle geortet. Fast wirkt es, als sollten die eingeblendeten Uhrzeiten fehlende Dramaturgie ersetzen.

Hätte sich Kentis hier auf erfahrene Dramaturgen und Autoren verlassen, hätte sein zweiter Film eine kunstvolle und philosophische Studie über menschliche Urängste, sprich, ein großes Werk werden können. So allerdings begnügt sich der in einzelnen Sequenzen durchaus von beängstigender Intensität geprägte Film mit seinem Status als Gegenbewegung.

Obwohl im Schatten von The Blair Witch Project stehend, hat Open Water alleine in den USA bereits mehr als das 200fache seiner Produktionskosten eingespielt und wird somit sicherlich Nachahmer auf den Plan rufen. Um jedoch als Gegengewicht zum postmodernen Hollywood-Effektkino bestehen zu können, fehlt ihm die Brillanz des klassischen und modernen amerikanischen Erzählkinos. Der innovativere und bessere Film bleibt Jaws allemal.

 

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