Only Lovers Left Alive

Jim Jarmusch sitzt fest. Sein neuester Film ist ein verzweifelter Versuch, sich wieder auf den Weg zu machen.

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Protagonisten als Alter Ego ihrer Autoren zu interpretieren, das ist auch im Kino eine oft langweilige Veranstaltung. Selbst wenn der Regisseur Jim Jarmusch heißt, sollte man dieser Versuchung widerstehen. Aber Only Lovers Left Alive reibt uns seine Meta-Ebenen so dermaßen unter die Nase, dass man nicht anders kann, als den Vampir und Gitarristen Adam zu seinem Schöpfer in Bezug zu setzen. Dass Jarmusch eigentlich lieber Musiker geworden wäre, ihm aber das Talent fehlte, dass er sich seine eigenen Filme nicht wieder ansieht, das sind Parallelen zu Adam, die als Insider-Gags daherkommen. Aber die Identifikation des Regisseurs mit seiner depressiven Hauptfigur ist in erster Linie eine der Stimmung. Wenn Adam in einer frühen Szene eine Sammlung alter Gitarren begutachtet, die er alle ausprobiert und schließlich doch wieder weglegt, ahnen wir: Der ausgebrannte Musiker ist eben auch der Regisseur, dessen alte Instrumente mittlerweile schief klingen, der nach neuen Tönen für einen neuen Film sucht.

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Ohne auf bestimmte Themen oder einen immer gleichen Stil reduzierbar zu sein, bilden Jarmuschs Filme doch einen eigenen Kosmos – der aber nicht abgeschlossen ist, sondern ständig von Bewegungen durchströmt wird und sich so ausbreitet. Sein Kino ist eines des Transits, bevölkert von ruhelosen Figuren, die nicht zulassen, dass man die Linien, die sie ziehen, auf Punkte reduziert oder in einen Kreis sperrt. In Only Lovers Left Alive erlaubt dagegen schon die erste Einstellung keine Linien mehr. Sie nähert sich von oben den beiden sich seit Jahrhunderten liebenden Vampirfiguren Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton), die durch die Distanz zwischen Detroit und Tangier getrennt sind. Derart zugemüllte Räume wie ihre Zimmer, mit Büchern, Instrumenten, Aschenbechern, hat man in Jarmuschs narrativ wie ästhetisch eher minimalistischen Filmen selten gesehen. Es ist überdeutlich: Diese ewig lebenden Vampire wandern nicht ruhelos durchs Leben, sie ziehen keine Linien mehr, sondern sind das, was frühere Jarmusch-Figuren nie waren: angekommen.

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Kreise und überfüllte Einstellungen statt Linien und Reduktion: Jarmusch selbst scheint angekommen, und sein neuester Film ist eine Wehklage über diesen Zustand. Der Wunsch nach Neuem war auch in seinen letzten Filmen Broken Flowers (2005) und The Limits of Control (2009) zu spüren, in denen die Linien bereits von kreisförmigen Strukturen umgeben waren. In Only Lovers Left Alive ist es Eve, die es noch einmal versucht und sich auf den Weg nach Detroit macht, um sich mit ihrem Geliebten zu vereinen. Doch in Amerika, das war bereits in dem in Spanien angesiedelten The Limits of Control deutlich, ist nicht mehr viel zu holen, und so scheint Hoffnung erst angebracht, als sich Tom selbst entschließt, nach Tangier zu reisen. Als er überlegt, welches Instrument er mitnehmen soll, weist Eve ihn darauf hin, dass es in der Fremde ganz wunderbare, neue Instrumente gibt – und hier wird der Kern der Schaffenskrise deutlich, die Jarmusch in seinem Film so ganz nebenbei reflektiert.

Denn es ist diese Fremdheit, die Jarmusch in seinem Kino wie in der Welt abhanden gekommen ist. Anders als seine Vampire, die zunehmend Schwierigkeiten haben, in der modernen Welt noch „reines“ Blut zu finden, war Movens von Jarmuschs Filmen eine produktive Ent- und Verfremdung durch Kontakt mit anderen Sprachen und Denkweisen – manchmal schematisch wie im Multikulti-Episodenfilm Night on Earth, häufig aber hintergründig: Die Begegnung des Dead Man (1995) mit dem Indianer Nobody, die absurden Dialoge zwischen dem afro-amerikanischen Ghost Dog (2000) und seinem nur französisch sprechenden besten Freund: Gelungene Kommunikation hat Jarmusch stets weniger interessiert als die eigene Veränderung im Angesicht des Fremden und Unverständlichen.

Doch diese produktive Fremdheit, die neue Linien erschließt und Impulse schafft, sich mal wieder auf den Weg zu machen, scheint in einer globalisierten Welt unmöglich: Als Adam in Tangier durch die Gassen streift und einen französischen Satz hört, dreht er sich interessiert um, aber als sich der Fremde als Drogendealer entpuppt, der den Satz direkt in einwandfreiem Englisch wiederholt, schreit er ihn böse an. Keine Fremdheit mehr, das ist ein Problem für die Ausweitung des Jarmusch-Kosmos: Wie noch Reduktion finden, wenn auf YouTube die ganze Welt verfügbar ist, wie noch Entfremdung feiern, wenn interkulturelle Kommunikation längst studiert werden kann.

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Das Schöne ist, dass der Regisseur nicht unser Mitleid will, dass die Selbstreflexion höchstens Nebenwirkung eines in einer wunderbar nächtlichen Atmosphäre gehaltenen Vampirfilms ist, voller kleiner, feiner Absurditäten des modernen Blutsaugerdaseins. Und selbst seine Krise beutet Jarmusch noch zu einer Feier von trockenen, aber wirkungsvollen Gags und beliebigen Anspielungen auf die Kulturgeschichte aus, die so hingeklatscht werden wie die eröffnenden Credits in ihren blutroten WordArt-Lettern. Schon diese billig-gruselige Schrift sagt alles über die produktive Verweigerungshaltung dieses Films.

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Die Suche nach Linien und Verfremdung in einer Welt, die um sich selbst kreist und die alles erschlossen zu haben scheint, das ist das große Thema von Only Lovers Left Alive. Die Vergangenheit wird zitiert als Erinnerung der ewigen Vampire, aber sie hat keine Kraft mehr, Neues zu erschaffen. Als Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska), in der das Leben noch tobt, begeistert von einem Underground-Club erzählt, in dem Adams Musik gespielt wird, winkt dieser nur ab. Ein Künstler, dem seine Kunst der Verfremdung selbst fremd geworden ist, vielleicht auch ein Regisseur, für den das eigene Werk und wohl auch das eigene Image keine Quellen der Inspiration mehr sind, sondern nur Gerümpel. Insofern ist der neueste Film von Jim Jarmusch eine vielleicht notwendige Entrümpelung, der Versuch, das Image einmal mehr zu verrücken, neue Linien zu ziehen, sich wieder auf den Weg zu machen.

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Kommentare


Madrigale

Der Schauspieler, der Adam spielt heißt Tom Hiddleston, nicht Tom Middleton.


Michael

Vielen Dank für den Hinweis. Ist korrigiert.


Raphael

Waren die eröffnenden Credits nicht blutrot statt neongrün?


Till

Danke für den Hinweis, ich würde in der Tat nicht ausschließen, dass die Verknüpfung von billig und neongrün nicht im Film selbst, sondern während des späteren Navigierens durch den Kritikerkopf gemacht wurde. Werde bei einer zweiten Sichtung mal genauer drauf achten. ;)


Dominic

Naja, der Hauptteil der Rezension bezieht sich auf den Regisseur oder andere Fileme dieses oder anderer Regisseure - aber was ist mit dem Film selber?!

In Kürze: Der Film zeigt die lakonische Art zweier sehr lange existierender Wesen in einer Form, die an Eindringlichkeit und Kunstfertigkeit wirklich vorbildlich ist. Der Film selber ist betont lakonisch gehalten, langatmig, aber nicht langweilig und zeigt eine erwachsenere Facette des Vampirismus als bspw. die Twilight-Reihe.

Mir hat dieser Film sehr gut gefallen und die (angenommenen?) persönlichen Probleme des Regisseurs sind bestenfalls zweitrangig...


Frédéric

Ich reagiere oft recht allergisch auf Absichtsunterstellungen, finde sie aber gerade hier interessant, weil sie im Werk selbst und nicht in der Biografie gesucht werden. Dass der Film eher in den Vergleichen durchscheint, ist vor allem deswegen zu verschmerzen, weil er für mich fast ausschließlich atmosphärisch funktioniert hat und mir da zu starke Beleuchtung ohnehin missfallen hätte. Zugegebenermaßen ist "Only Lovers Left Alive" einer meiner liebsten Jarmuschs, mit dem ich sonst oft größere Schwierigkeiten habe. Vielleicht mag ich ihn lieber in der Krise, wenn er nicht so wirkt, als sei er "on top of his game".


Raphael

@Frédéric: Oh ja! Jarmusch in der Krise: Ich hätte jederzeit mehr Lust "Only Lovers Left Alive", "Limits of Control" und "Coffee & Cigarettes" wiederzusehen als "Broken Flowers", "Night on Earth" oder "Ghost Dog"... Über "Dead Man" ließe sich streiten, aber Bock hab ich nicht drauf.


Jost Budde

schade. ich habe einen anderen lovers left alive film erlebt. eingesogen in die wunderbare jarmusch bilderwelt, getragen von musik, detroit, tanger und der gelassenheit der geschichte. ein traumhafter film. ähnlich traumhaft wie "South" von Fillei/Krenn, die 15 Jahre brauchten um ihren traum zu finanzieren/drehen.
Beide Filme sind für mich unbedingt sehenswerte Meisterwerke






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