Only God Forgives

Kino ist kein Schwanzvergleich.

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Spätestens seit dem Hype um Drive (2011) gilt Nicolas Winding Refn als Mann der Stunde im Genrekino. Obwohl er zuvor stilistisch und stofflich durchaus unterschiedliche Filme gedreht hat, kristallisiert sich immer mehr als ein typischer Zug seiner Handschrift heraus, archetypische Genre-Konstellationen auf ihr Gerüst und die Gewalt zu kondensieren, um sie anschließend mit hypnotischen audiovisuellen Mitteln zu überhöhen. Only God Forgives ist eine Weiterentwicklung, eine noch stärker verdichtete Interpretation, diesmal einer Familien-Rachestory. Es ist ein Werk, das mit der trancehaften Wirkung des dröhnenden Cliff-Martinez-Soundtracks rechnen kann und sich hinein in ein Labyrinth der Ausweglosigkeit begibt. Refns zweite Zusammenarbeit mit Ryan Gosling kennt kein Vorwärts mehr, keinen Stillstand als Unterbrechung einer Fahrtbewegung, wie es das bereits minimalistische, im Vergleich aber üppig ausformulierte Drehbuch von Drive vorgab. Diesmal stammt der Stoff wieder aus der Feder des Regisseurs, der erstmals seit 2005 – dem 3. Teil von Pusher – erneut alleine für das Skript verantwortlich zeichnet.

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Im Kino wird ein paar Mal herzhaft gelacht, denn Refn hat Abziehbilder geschaffen, und wenn diese anfangen zu reden, dann wird es schnell ulkig. Das gehört natürlich zu den Brechungen, die Only God Forgives sucht und braucht, um Öffnungen in seinem hermetischen Netz der kunstvollen Distinktion zu schaffen. Ohnehin ist der Film zugleich seltsam zugänglich und manisch enthoben: Er kultiviert die Unnahbarkeit, schlachtet seine Bilder als mystische Flächen aus und frönt ständig der Gefallsucht. Refn interessiert sich fürs Offensichtliche, fürs Stylische und das Verstörende. Was man leicht als tölpelhafte Simplizität missverstehen kann. Das ist umso irriger, als sein Ansatz nichts Autoritäres hat, das macht nur der Hype mit unserem Blick. Auch als Provokationsobjekt eignet sich Only God Forgives kaum, vielmehr entspringt er einem Gestus der Selbstbefriedigung und des Fetisches, der diesmal in düsteren, oft steil und rot beleuchteten Räumen in Thailand austariert wird.

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Über die Story definiert sich das Kino von Refn am allerwenigsten, und doch bietet auch sie Material für Auseinandersetzungen. Gerade weil die Figuren zunächst sehr eindeutig stereotypisiert und visuell wie narrativ entsprechend herausgestellt werden, drängen sich die Deutungen auf. Weniger noch als beim Landsmann Lars von Trier allerdings auf der Ebene der oft herangetragenen Genderdiskurse, das wäre eine allzu äußere, weil erzwungene Sicht, eher schon als werkimmanente Variationsbewegungen. Früher verhieß Gewalt noch Erlösung, für den Ryan Gosling von Only God Forgives aber in der Rolle eines Drogendealers und Besitzers einer Thai-Box-Bude ist Machtbehauptung durch Fäuste und Schusswaffen kein Zweck, sondern höchstens Mittel im Arbeitsalltag. In den Strudel der Gewalt will ihn die Mutter (Kristin Scott Thomas), Matriarchin aus der Ferne des illegalen Geschäfts, schicken. Denn der Bruder wurde als Reaktion auf die Vergewaltigung einer Minderjährigen ermordet. Dafür muss er bis zum Äußersten gerächt werden. Wenn der Schwanzvergleich ins Spiel kommt, die Mutter ihre Position durch die Erniedrigung des überlebenden Sohnes beweist, dann ist das kein Indiz für einen immer schon vermuteten Penisneid von Actionregisseuren. Nein, eben dieser Regisseur führt die Spekulationen über seine Intentionen ad absurdum.

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Dialoge und Story fungieren vornehmlich als Nebelwerfer, als Intermezzi und als Futter für die nach Interpretationen gierige Meute. Denn selbstverständlich ist Only God Forgives ein maximal kalkulierter Film, mit durchschnittenen Augen (Buñuel!), elektronischer Flächenchoreografie (Carax!), einem Nachtclub als bezirzender Falltür in den Albtraum hinein (Lynch!). Im Gegensatz zu Drive aber weicht die sadistische Ader in der Gewaltdarstellung nun zunehmend einer masochistischen. Das ist vermutlich die interessanteste Verschiebung auf der Figurenebene: Das selbstbewusste „Wanna fight?“ des Trailers klingt im Film fast schon kleinlaut. Gosling wird verprügelt, sein Gesicht verunstaltet, er gibt den von Anfang an hoffnungslos ausgelieferten Mann, dessen lässiges Herumhängen als Mobiliar im Dekor kein Potenzausdruck ist, vielmehr gleicht er dem stillstehenden Reh im Wald, Bambi vor dem tödlichen Schuss.

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Für Hypnose und Trance sind manche Menschen eher anfällig, andere weniger. Only God Forgives ist konzentrisch organisiert, zieht die Figuren und den Zuschauer in sein verrottetes Inneres hinein. Kein Ausweg, nirgends. Andererseits ist der Film großzügig, bietet sich und seine eigene Meta-Ebene gleichzeitig an. Der Minimalismus der abstrakten Gestaltung kann stets als Entkernung oder als Verdichtung verstanden werden: Ist das Sein, die Essenz des Kinos noch enthalten, oder ist gerade das abhanden gekommen, verschluckt? Refn macht Filme, die mit sinnlichen, körperlichen Effekten wuchern. Ist das wirklich nihilistisch, oder nicht doch eher maximal positivistisch? Es ist ein Fest.

Trailer zu „Only God Forgives“


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Kommentare


ulle

beim 2.Mal konnte ich den Film geniessen. Ein Ästhetikum ohne Sinn und Verstand. Kristin Scott Thomas allein lohnt den Film. Goßes, kalkuliertes Kino, Film als Drogenersatz. Einfach toll, finde ich zumindest (m.E. auch toll , diese wundervoll passende Kritik von Herrn Jaeger, besser kann man dieses Machwerk kaum rezensieren, auf den Punkt)






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