One Way Boogie Woogie - 27 Years Later

Im Raum liest er die Zeit: James Bennings One Way Boogie Woogie / 27 Years Later  ist ein filmisches Memoryspiel.

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later

Milwaukee. Industriegebiet. Der Rauch aus dem Backsteinschornstein einer Fabrik, der dicke Mann mit dem großen Hund an der Leine und die Zeit selbst – alle tanzen ihren „One Way Boogie Woogie“ in James Bennings gleichnamigem Film von 1977. An ihrer Richtung hat sich auch nach 27 Jahren nichts geändert. Wo die Backsteinschornsteine von Milwaukee noch an eine der wenigen gebliebenen Fabriken angeschlossen sind, steigt der Rauch ebenso munter wie im Sommer ’77 empor. Und auch der dicke Mann spaziert noch immer in die gleiche Richtung – er ist nur noch etwas dicker geworden, und an seiner Leine geht nun ein Pferd.

Jede der sechzig einminütigen Einstellungen hat Benning im Sommer 2005 in Milwaukee noch einmal gedreht. Doch wer seinen Film als Remake bezeichnet, verkennt dabei die wichtigste Dimension seines Werks. Die Dimension, um die es Benning geht, ist die Zeit. Erst im Zusammenspiel mit der ursprünglichen Fassung wird Bennings neuer Film zu einer Analyse der Veränderung und des Alterns der Stadt Milwaukee, wird die Stadt selbst zum Protagonisten der nunmehr einhundertzwanzig filmischen Tableaus.

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later

Freilich sind Bennings Werkzeuge nicht die der Sozialwissenschaft oder der Historiographie. So sehr die Struktur des Films auch an einen Versuchsaufbau erinnern mag, Bennings Arbeit ist nicht die eines Wissenschaftlers, sondern die eines der wichtigsten Avantgardekünstler aus dem Amerika der 70er Jahre.

Mit viel Witz und Spielgeist inszenierte Benning schon die Szenen von 1977. Die Statik der als Fotografien camouflierten Einstellungen wird immer wieder durch überraschende Ereignisse und Eingriffe gebrochen, die Zerbrechlichkeit der vermeintlichen Momentaufnahme wird bewusst thematisiert. Die Einstellungen stehen für einige Sekunden wie ein projiziertes Dia und beginnen dann mit Leben angefüllt zu werden:

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later

Da verschwindet ein Gabelstapler im Dunkel einer Lagerhalle, um sogleich als Sekretärin verwandelt aus dem Dunkel der Halle wieder ins Licht zu treten. Da rollt vor der Szenerie einer frisch geweißten Papierfabrik der führerlose Kinderwagen aus Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosec Potemkin, 1925) die Straße herunter, während aus irgendeinem Radiosender eine Lesung von Marx’ „Kapital“ dröhnt. Und da stehen zwei junge Arbeiterinnen in ihrer Mittagspause vor dem Hintereingang einer Fabrik – die eine trinkt eine Cola, die andere raucht, synchron und nach jedem dritten aus der Fabrik ertönenden Telefonläuten.

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later

Jedes der Bilder ist geometrisch durchkomponiert wie die Gemälde Mondrians und bringt Amerikas Farben auf dem verwendeten Material Ektachrome Commercial (Kodak 7252) zum Leuchten wie das Öl des Malers Edward Hopper.

Für den Folgeteil seines 1977 fertiggestellten Films ist Benning nicht nur an exakt die gleichen, inzwischen von Rost und Ruß angefressenen Schauplätze zurückgekehrt, sondern er hat auch die Tonspur aus dem Jahr 1977 konserviert und unter die neuen Bilder gelegt. Mit diesem Kunstgriff baut der Künstler ein Spannungsfeld auf zwischen einer überbetonierten Wiese und dem in der Luft liegenden Summen von Bienen oder zwischen dem Lärm arbeitender Maschinen und dem Bild der mit Klimaanlagen und Abzugshauben versehenen Loftwohnungen in der ehemaligen Fabrikhalle.

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later

Das Geniale an Bennings Doppel-Film ist die auf diese Weise allmählich entstehende Erinnerungsmatrix. Indem die Bilder des späten Films wie von selbst die Bilder des frühen Films aufrufen, werden die einhundertundzwanzig Kinominuten für den Zuschauer zu einem Memoryspiel. Und so ist One Way Boogie Woogy / 27 Years Later weit mehr als die Analyse der Transformation eines amerikanischen Industriegebiets. Der Film ist ein Film über die Erinnerung selbst, indem er sie unmittelbar zu erzeugen versucht. Benning war klug genug, auf einen Split-Screen, der die Aufnahmen von 1977 und 2005 nebeneinander stellt, oder auf eine alternierende Früher-Heute-Montagestruktur zu verzichten. Die Zeit, so kann man den Regisseur verstehen, liegt immer im Dazwischen und bleibt da, wo ihre Spuren sichtbar sind, doch unsichtbar.

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