One Floor Below

Ein Mord ist passiert, aber der einzige Zeuge schweigt. In seinem neuen Film widmet sich Radu Muntean den Ängsten der Mittelschicht und zeigt, wie schlecht sich Verdrängung als Überlebensstrategie eignet.

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Müsste man das Leben von Patrascu (Teodor Corban) mit einem Wort beschreiben, wäre es „Sicherheit“. Alles im Leben des Familienvaters wirkt bestens organisiert. Er hat eine liebevolle Frau, mit der er gemeinsam eine Autoverleihfirma betreibt, und einen Sohn, der sich zwar die meiste Zeit dem unkontrollierbaren Einfluss des Internets aussetzt, aber eigentlich ein ganz Braver ist. Und wenn Patrascu nach der Arbeit mit dem Familienhund Gassi geht, ist er nie um einen Plausch verlegen. Alle Bausteine für das Glück einer in jeder Beziehung normalen Familie sind am richtigen Platz. Wenn Radu Muntean in seinem neuen Film One Floor Below (Un etaj mai jos) dann das Leben seines Protagonisten aus den Fugen geraten lässt, greift er ihn konsequenterweise dort an, wo er am verwundbarsten ist: in seiner unscheinbaren Altbauwohnung.

Ein wachsendes Unbehagen

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Alles beginnt damit, dass Patrascu mitbekommt, wie sich sein Nachbar Vali (Iulian Postelnicu) lautstark mit einer anderen Mieterin streitet. Er zögert, greift aber letztlich nicht ein. Am nächsten Tag ist die Frau tot – und der Familienvater wird von einer Passivität ergriffen, die ihn fast den gesamten Film über lähmen wird. Als die Polizei die Hausbewohner befragt, erzählt er nichts von dem, was er gesehen hat. Die weitere Handlung entwickelt sich ähnlich wie ein Thriller: Sobald die Lüge ausgesprochen ist, begegnet ihm sein junger Nachbar immer wieder, sucht sogar seine Nähe, um ein Auto ummelden zu lassen oder die X-Box von Patrascus Sohn einzurichten. Doch anders als in einem klassischen Genrefilm provozieren diese immer häufiger und unangenehmer werdenden Bewegungen keine sichtbare Reaktion in der Hauptfigur, sondern lassen sie nur noch apathischer wirken. Es ist das Unausgesprochene, das Muntean für seinen schleichenden Suspense nutzt. Mit jeder verpassten Möglichkeit, sich aus Valis Klauen zu befreien, steigt zwar Patrascus Anspannung, den Mund kriegt er aber trotzdem nicht auf. In einer späten Szene sitzen die beiden Männer in einem Auto, und Muntean inszeniert für einen quälend langen Augenblick die Stille. Ob Vali wirklich ein Mörder ist, sagt uns der Film nicht explizit, aber genau genommen geht es darum auch nicht. Vielmehr dreht sich alles um einen Protagonisten, der ein wachsendes Unbehagen spürt, das vor allem aus ihm selbst kommt.

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Was Patrascu ausblenden möchte, steckt schon im Titel: das Stockwerk unter ihm, in dem sein unliebsamer Nachbar wohnt. Warum er das tun will, erforscht Muntean geduldig und ohne sich mit einfachen Antworten abspeisen zu lassen. Schon in seinem Beziehungsdrama Tuesday, after Christmas (Marti, dupa craciun, 2010) hat der rumänische Regisseur gezeigt, wie sich mitreißende Geschichten aus dem Alltag der Figuren entwickeln lassen. Auch damals ging es um eine bürgerliche Familie, die sich zwar nicht mit finanziellen Sorgen herumplagen muss, dafür aber hinter ihrer gut eingespielten gesellschaftlichen Rolle mit Ängsten und Sehnsüchten zu kämpfen hat, die oft nur durch kleine Gesten an die Oberfläche treten. Wichtig ist Muntean vor allem, was unwichtig erscheint; etwa wie sich Patrascu immer wieder in die Routine von Arbeit und Familienleben flüchtet, in der zwar kein erkennbares dramatisches Potenzial liegt, die aber die Figuren sehr präzise formt. Genau wissen wir nicht, warum der Familienvater lügt, warum es ihm so schwerfällt, sich der belastenden Mitwisserschaft zu entledigen, aber die insistierenden Beobachtungen, die ihn mit Freunden und Familie zeigen, offenbaren doch eine Unsicherheit darüber, dass in der über die Jahre etablierten Komfortzone plötzlich nichts mehr sein soll wie zuvor.

Von der Charakter- zur Milieustudie

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Man kann dem Kino, das unter dem Label „Neue Rumänische Welle“ gehandelt wird, durchaus eine gewisse Berechenbarkeit attestieren. Die Möglichkeiten seines Hyperrealismus sind beschränkt. Auf den Rückzug ins Private folgt meist eine Abfolge aus beiläufig inszenierten Szenen, die in einer dramatischen Eskalation enden. Doch solange diese Filme mit so viel Sorgfalt und dramaturgischem Geschick gemacht sind wie One Floor Below, kann man ihnen kaum etwas vorwerfen. Allerdings nimmt Muntean auch eine besondere Rolle in dieser Strömung ein. Vor allem ästhetisch unterscheidet er sich von Kollegen wie Cristian Mungiu und Radu Jude. Statt auf eine unmittelbare Handkamera setzt er auf strengere, immer etwas distanzierte Bild-Kompositionen, die nicht die Risse in den Mittelpunkt rücken, sondern die trügerische Ruhe einfangen, die sie umgibt. Und auf das Private und Individuelle konzentriert sich Muntean ohnehin nur vordergründig. In seinem Film ist es nur ein kleiner Schritt von der Charakter- zur Milieustudie, die sich der Existenzangst eines bequem gewordenen Bürgertums widmet. Ein halbes Leben lang hat man hart gearbeitet, es sich schön eingerichtet und will sich sein Glück nun nicht so einfach durch den Einbruch einer anderen Wirklichkeit kaputtmachen lassen.

Trailer zu „One Floor Below“


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