One Day in Europe

Vier Gepäckdiebstähle in vier europäischen Städten konfrontieren die betroffenen Touristen mit unverständlichen Formularen, Fußball schauenden Polizisten und unerwartet komplizierten Verhören, während gerade das Championsleague-Finale stattfindet und die Fans ausflippen. Ein filmisches Vierländerturnier, das auf unterhaltsame Art und Weise ein Europa zeigt, das trotz Verständigungsschwierigkeiten vereint im Fußballfieber schwelgt.

One Day in Europe

In Marseille spielt man keinen Fußball, sondern Rugby und darin liegt das Problem. So erklärt sich die Pariserin Rachida (Rachida Brakni) die ständigen Streitereien mit ihrem Freund Claude (Boris Arquier), den sie jedoch gerade wegen seines rugbyhaften, südfranzösischen Dickkopfes liebt.

Die Behauptung, dass Fußball in Marseille Nebensache sei, stimmt allerdings überhaupt nicht, wie jedem Zuschauer mit etwas Fußballwissen sofort auffallen wird. Immerhin spielt dort die Olympique de Marseille, welche treue, leidenschaftliche Fans besitzt. Außerdem ist Marseille die Heimat von Zinedine Zidane, dessen Porträt in der Stadt eine ganze Häuserfront schmückt.

Fußball ist vielleicht doch der größte gemeinsame Nenner zwischen Nord- und Südfranzosen, und auch sonst allen Europäern. Seine eigene Filmfigur Rachida mag dem widersprechen, der deutsche Regisseur Hannes Stöhr erklärt sich so jedenfalls unseren Kontinent, für dessen uneinige Einigkeit ihm die Fußballleidenschaft die geeignete Metapher erscheint, die zwar die Fans auf rivalisierende Vereine verteilt, aber innereuropäische religiöse, politische und kulturelle Differenzen zeitweise zu überbrücken vermag.

In One Day in Europe (2005) trennt die Begeisterung für Fußball die Figuren genauso, wie sie sie vereint und definiert darüber hinaus wie selbstverständlich die Grenzen Europas. Fern aller politischen Fragen von Dazugehörigkeit oder Fremdheit bereist der Film das geografische Europa, wie es auch von der UEFA, der „Union of European Football Associations“, ihren Traditionsmannschaften und ergo den Fans verstanden wird.

One Day in Europe

Es ist der Tag des fiktiven Championsleague-Endspiels zwischen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruña in Moskau. Zur gleichen Zeit werden die Filmfiguren in verschiedenen Ecken des Kontinents in Gepäckdiebstähle verwickelt.

Vor dem Hintergrundrauschen der grölenden Fußballfanhorden wird in der ersten der vier Episoden einer englischen Geschäftsfrau (Megan Gay) in einem Moskauer Hinterhof der Koffer entwendet. In den folgenden drei Geschichten versucht zunächst der Deutsche Rokko (Florian Lukas) in Istanbul einen Versicherungsbetrug zu begehen, währenddessen wird in Santiago de Compostela einem ungarischen Pilger (Péter Scherer) die Kamera mit den wertvollen Fotos seiner Wallfahrt gestohlen, bis zuletzt in Berlin das völlig abgebrannte französische Straßenkünstlerpärchen Rachida und Claude vergeblich probiert, ebenfalls für die Versicherung einen Überfall zu inszenieren.

Die Begegnungen mit der Polizei entwickeln sich überall zum Hürdenlauf, denn die Beamten sprechen oftmals nur „little English“ und die Bestohlenen nicht die Landessprache. Selbst wenn die Sprache ein offensichtliches Hindernis darstellt, wird klar, dass auf menschliche Intuition Verlass ist und gegenseitiges Verstehen hauptsächlich eine Sache des Wollens, nicht der Fremdsprachenkenntnisse ist. Eine schöne und gar nicht so wirklichkeitsferne Vision des Regisseurs, der es durch die Vereinigung dieser vier inhaltlich verwandten Sequenzen schafft, so etwas wie einen gesamteuropäischen Film zu produzieren, wenn auch nur über den Umweg einer Multiplot-Konstruktion, welche der heterogenen Gemeinschaft Europas gleicht und die voneinander völlig unabhängigen Geschichten in einen einheitlichen Rahmen spannt.

Leider stellt Stöhr, trotz des amüsanten Drehbuches, überzeugenden Schauspielern und der handwerklich perfekten, im Cinemascope-Format gedrehten Bilder, sein Europa meist mehr plakativ als differenziert dar und arbeitet in jeder Episode mit geläufigen Klischeevorstellungen, von denen er sich entgegen seines eigenen Anspruchs nicht wirklich lösen kann.

One Day in Europe

Immerhin kommt es durch das babylonische Sprachgewirr zu äußert komischen Situationen und lustigen Missverständnissen, aber jedes Land wird dabei in bester Disney-Manier präsentiert. Die vorgestellten Städte sind stets sonnig und idyllisch, ihre Bewohner sympathisch-schrullig bis karikativ und die Arbeitsweise in der Polizeibehörde entspricht jeweils haargenau dem politischen Etikett des Landes.

So gesehen bleibt von der Idee der „United States of Europe“ außer schon lang besetzten Allgemeinplätzen nicht besonders viel übrig, nur dass die Figuren in allen Ländern gleich schlitzohrig und hilfsbereit sind, sowie die Fernsehübertragung des Fußballendspiels den Rhythmus der Polizeiarbeit bestimmt. Zum Schluss bricht die Episode in Berlin sogar mit dem vormals proklamierten europäischen Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Gegensatz zu den anderen Geschichten kommt es hier zu keiner funktionierenden Kommunikation, was dem Rest des Films eigentlich völlig zuwider läuft.

One Day in Europe ist gleichwohl ein unterhaltsamer Film, der mit ausgefeilter Situationskomik und eigensinnigen Charakterköpfen nette Geschichten erzählt. Somit funktioniert er ein bisschen wie der Fußball, einem netten Spiel mit reichhaltigem Anekdotenschatz.

Interessanter als die einzelnen, narrativ eher belanglosen Episoden erscheinen schließlich die Produktionsnotizen zum Film, der tatsächlich wahrhaft europäisch ist, nicht nur weil er aus vielen verschiedenen Töpfen finanziert wurde, sondern auch durch die Dreharbeiten in Russland, Spanien, der Türkei und Deutschland mit einem stets veränderten, internationalen Team, das vor denselben Sprach- und Behördenhindernissen stand wie die Protagonisten im Film. Was One Day in Europe ungeachtet seiner Schwächen sehenswert macht, entspricht dem aufmunternden Spruch des spanischen Polizisten, der den nunmehr kameralosen Pilger immer wieder an das wirklich Wichtige erinnert: „It’s not the photos, it’s the way.“

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