Ondine - Das Mädchen aus dem Meer

Neil Jordans Bearbeitung einer uralten Sage erzeugt stimmungsvoll eine traumverlorene Atmosphäre und interessiert sich dabei eher für die Universalität des Mythos als für seine Modernisierung.

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Der irische Regisseur beschäftigt sich bereits seit seinen nebulösen Frühwerken Angel – Straße der Angst (Angel, 1982) oder Die Zeit der Wölfe (The Company of Wolves, 1984) mit den Grauzonen zwischen Traum und Realität. Immer wieder oszillieren seine opulenten Fantasydramen zwischen Ursprungsmythos und Fortschreibung bekannter Genre-Mechanismen. Selbst die weniger dem Fantasy zugeneigten und stärker in der Wirklichkeit verankerten Filme Jordans zeigen deutlich seinen Sinn für das Abjekte, wie zuletzt auch noch sein verhältnismäßig unpersönlicher Selbstjustiz-Diskurs Die Fremde in Dir (The Brave One, 2007). So handeln seine Filme immer von Randfiguren der Gesellschaft, deren innere Konflikte meist durch eine regressive Umwelt geprägt und zugleich versinnbildlicht werden.

Ondine, mit dem Jordan sich einmal mehr einem irischen Setting und Sujet annimmt, erweist sich dagegen auf den ersten Blick als aalglatte, simple und schön fotografierte Routinearbeit, und ganz falsch ist diese eher moderat klingende Beschreibung nicht. Der überaus spiritistisch angelegte Film geht ganz auf in synästhetischen, schwelgerischen Bilderfluten, die aber  weit mehr als die Funktion eines schmückenden Beiwerks erfüllen. Denn Jordan  ergründet, wie leicht es sein kann, das Märchen im eigenen Leben zu erkennen. Rationalismus begegnet dem Glauben an magische Umstände.

Der irische Fischer Syracuse (Colin Farrell) staunt nicht schlecht, als er einen ungewöhnlichen Fang aus dem Wasser zieht: Im Netz befindet sich eine Frau (Alicja Bachleda), offensichtlich beinahe ertrunken. Schnell erholt sich die geheimnisvolle Schönheit, besteht aber darauf, weder in ein Krankenhaus noch sonst zu irgendeinem Menschen gebracht zu werden. Syracuse quartiert sie in dem alten Häuschen seiner verstorbenen Mutter ein, wo sie es sich schnell bequem macht. Die Frau, die sich als Ondine vorstellt und nicht viel von sich preisgibt, will auch weiterhin nicht gesehen werden. Als Syracuse seiner Tochter, die infolge eines Nierenleidens im Rollstuhl sitzt und bei der verantwortungslosen Mutter in schlechten Verhältnissen leben muss, die Geschichte von Ondine als Märchen erzählt, ahnt das aufgeweckte Mädchen schnell einen realen Hintergrund und folgt ihrem Vater heimlich zu Ondines Versteck. Die beiden werden Freundinnen, und auch zwischen Syracuse und Ondine entwickelt sich in zärtlicher Langsamkeit eine Romanze.

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Undinen spielen als Sagenfiguren vor allem im slawischen und angelsächsischen Kulturraum oft eine Rolle, in der sie meist als verführerische Nymphen auftreten. Ondine begnügt sich dabei nicht damit, diesen uralten Mythos in die Gegenwart zu transferieren, sondern macht das Zusammenspiel zwischen Fantasie, Wirklichkeit und Märchenerzählung  zum zentralen Thema. Syracuse bleibt unsicher, mit was für einem Wesen er es zu tun hat: So spiegelt er die Erlebnisse in dem besagten Märchen für seine Tochter Annie (Debütantin Alison Barry) und betont im weiteren Verlauf mehrfach, dass er nicht wisse, ob alles nur erträumt war oder real erlebt. Seine Tochter, deren Krankheit weitgehend kitschfrei und ohne falsche Sentimentalität dargestellt wird, geht einen entscheidenden Schritt weiter und macht keinen Hehl daraus, dass sie Ondine für eine „Selkie“ hält. Immer wieder spricht sie die Parallelen zwischen Ondine und diesen schottischen Fabelwesen an, die als Robben an Land kommen, sich ihres Fells entledigen und in Gestalt einer wunderschönen Frau einen Mann vom Festland das Herz rauben.

Im Gegensatz zu ihrem Vater freundet sich Annie mühelos mit Ondines plötzlichen Auftauchen und ihrem mysteriösen Hintergrund an. Treffend besetzt hat Jordan diese Nymphe mit der Polin Alicja Bachleda, die sexuelle Anziehungskraft mühelos verbindet mit einer scheuen Kindhaftigkeit und einem entrückten Blick, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Wo der mittlerweile schwer umstrittene M. Night Shyamalan seine Mär von der Meerjungfrau Das Mädchen aus dem Wasser (Lady in The Water, 2006) explizit fantastisch aufbereitet hatte, belässt Ondine es dem Zuschauer, an Zeichen und Wunder zu glauben. Oder eben nicht.

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Die Aufklärung von Ondines geheimnisvoller Vergangenheit, das macht schon die erste Filmhälfte deutlich, interessiert Jordan nicht, ein Mystery-Brimborium voll deplatzierter Erklärungswut ist sein Film nicht geworden. Das Finale, so konventionell es sein mag, hebt die vorige Handlung nicht aus dem Rahmen, fügt ihr vielmehr eine bewusst unbefriedigende Genre-Zuspitzung hinzu. Fast schon beiläufig kanzelt der Film Ondines Vergangenheit auf weltlich profane und wenig aufregende Weise ab, sodass von einem Höhepunkt kaum die Rede sein kann.  Doch die vermeintlichen erzählerischen Mängel machen den Blick frei für die wahren Qualitäten des Films, die in erster Linie nunmal nicht narrativer Natur sind: die mal wabernden, mal elegant fließenden Bildkompositionen, das üppige Grün der weiten Landschaften, der herbe irische Akzent Colin Farrells und natürlich der andeutungsreiche, wohlig-romantisch komponierte Score. Was hier nun von den Protagonisten imaginiert, welche Details der ursprünglichen Legende modernisiert wurden – all das spielt keine Rolle, denn Ondine macht deutlich, dass jedem Leben ein individuelles Märchen innewohnt.

Trailer zu „Ondine - Das Mädchen aus dem Meer“


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Kommentare


Terranova

Eine Sache könnten Sie doch verbessern: Alicja Bachleda ist zwar in Mexiko geboren, ist abereine polnische Schauspielerin.


Martin Zopick

Neil Jordan, dem kleinen, großen Märchenerzähler ist wieder ein Coup gelungen. Es beginnt wie ein Märchen: Fischer fischt Mädchen aus dem Meer; es geht weiter als Liebesgeschichte ohne Schmalz aber in wunderschönen Bildern vor irischer Kulisse und bekommt am Ende noch eine unerwartete Wendung zum Drogenkrimi. Letzteres ist aber nicht so wichtig. Alles geht hier sehr schnell, meistens im Dunkeln, man ahnt den Zusammenhang. Das reicht.
Die Betonung liegt auf dem Märchen und das bezieht sich lose auf die schottische Mär von einer ‘Selkie‘, einer Robbe, die sich an Land in eine schöne Frau verwandelt. Wir kennen sie als Undine.
Collin Farrell spielt den armen Fischer Syracuse, einen echten Pechvogel, professionell gut. Ondine (Alicja Bachleda-Curus) bringt ihm Glück. Sie ist das neue Gesicht: unverbraucht, emotional, eine herbe Schönheit. Das Umfeld beeindruckt sowohl mit der saufenden Mutter und Ex-Ehefrau Maura (Dervla-Whitechapel-Kirwan) als auch mit der kranken aber altklugen Tochter Annie (Alison Barry).
Der Film schippert zwischen zwei Wahrheiten hindurch: die eine Wahrheit ist das Märchen, die anders das Leben. Hier erfahren wir, dass Ondine eigentlich Joanna heißt und aus Rumänien stammt. Beide Ebenen verbindet der Priester Stephen Rea (Jordans Lieblingsschauspieler).
Wunderschön emotional-romantisch, mit nur so viel Zuckerguss wie nötig, unterlegt mit weichem, herzerwärmendem Gesang und sanften Gitarrenklängen.






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