Once Upon a Time in Anatolia

Reise ans Ende der Nacht, Reise ans Ende der Welt.

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Anatolien ist vom Tod besessen. Und es ist stockfinster. Drei Autos fahren durch nahezu seriell anmutende Landschaften: sanfte Hügel, Geröll, hüfthohe Gräser, hie und da ein Baum, ein Flüsschen. Details scheinen auf im Licht der Scheinwerfer, gleiten zurück in die allumfassende Schwärze. Und schon hat man sie wieder vergessen. 12 Männer sind auf der Suche nach einer Leiche, die überall sein könnte. Sie halten an, der Polizist (Yılmaz Erdoğan) schleppt den Mörder (Fırat Tanış) herum, der keinen der (Nicht-)Orte wieder erkennt, man gräbt trotzdem. Zurück ins Auto, weiter, wieder nichts.

Dies ist nicht die Beschreibung einer Szene, sondern eines halben Films. Durch eine nicht enden wollende Nacht zwingt und entführt Nuri Bilge Ceylan sein Publikum in Once Upon a Time in Anatolia (Bir zamanlar Anadolu'da), entwirft eine Welt, in der eine unauffindbare Leiche allmählich zur allgegenwärtigen Präsenz des Todes mutiert. In gleichem Maße wandelt sich die Tatortsuche zum spirituell-existenzialistischen Trip. Doktor (Muhammet Uzuner) und Staatsanwalt (Taner Birsel) diskutieren, ob der Tod unbegreifliches Mysterium oder Banalität der Natur ist, der Dorfvorsteher (Ercan Kasel) träumt von einer schönen neuen Leichenhalle, im Blitzgewitter schälen sich Statuen aus dem Gestein, während das Gesicht des Mörders immer mehr mit den schwarz-gelb glühenden Niemandsländern verschmilzt.

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Once Upon a Time in Anatolia ist ein filmisches Statement, ist die radikale und gewagte Neuerfindung eines Regisseurs. Und es ist eine Kriegserklärung an das türkische Kino der letzten Jahre. Abgesehen vielleicht von Reha Erdems irrlichtendem Kosmos (2010), gab es wenige Momente, in denen sich ein Regisseur so vollkommen von den „türkischen“ Landschaften und ihren pittoresken Reizen loszusagen vermochte. Das Anatolien Ceylans ist näher an den sturmumtosten Ebenen aus Béla Tarrs The Turin Horse (A torinói ló, 2011) als an Landsleuten wie Kaplanoğlu, Teoman und Alper. Die filmische Suche nach dem „Türkischen“ war lange Zeit auch eine Suche nach den visuell charakteristischen Zügen seiner Landschaften. Mit solcher Koketterie, die der gelernte Fotograf Ceylan in Weit (Uzak, 2002) mit den unvergessenen Panoramen des verschneiten Istanbul noch selbst betrieb, hat Once Upon a Time in Anatolia nichts mehr am Hut.

Der Regisseur dreht seiner Heimatstadt den Rücken zu, und damit auch dem Forschen nach der „widersprüchlichen“ oder „zerrissenen“ türkischen Identität, das sich bei ihm meist aus der Entfremdung intellektuell-verwestlichter Hauptfiguren von den Wirrnissen des orientalen Lebens speiste. Zwar ist der Doktor hier auch so ein rationaler Zweifler, aber es gibt bei ihm keinen Bezug mehr zu irgendeinem kulturellen „Außen“. Die Widersprüche und Zwiste kommen allein aus Anatolien selbst. Und die werden, ganz anders als in Ceylans letzten Filmen, ziemlich kleinteilig ausdiskutiert.

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„Verirren“, „Verlorenheit“, die Unergründlichkeit des Seins im Jetzt und die Unbegreiflichkeit des Todes: die Männer schreiten die ganze Misere, aber auch die ganze Komik der menschlichen Existenz ab. Doch in den Niederungen des verbal nicht Fassbaren gehen die Männer dann verloren, während in zwei unglaublich starken Szenen die Frauen als ferne, in sich und ihre Trauer entrückte Wesen dargestellt werden. Die Frauen, als Heilige oder Märtyrerinnen, leben in einer schweigsamen Transzendenz; die Männer herrschen Kraft ihrer Sprachhoheit über lächerliche Reiche. Männer labern, Frauen leiden. 

Dabei vollzieht die sich chronologisch über etwas mehr als einen halben Tag hinziehende Geschichte ein ums andere Mal Wandlungen, die den Zuschauer, kaum hat er sich in der Ästhetik zurecht gefunden, immer wieder zu neuen Anpassungsleistungen zwingt. Das ist anstrengend, und in den letzten Bewegungen vielleicht weniger effektiv als in den früheren. Aber es ist einmalig, wie sich hier Tarantino, Tarkowski, Tschechow und Beckett nach Anatolien verirren, wie auf die mythisch-raunenden Nachtszenen absurd-komische Ensemblestücke im grauen Morgenlicht und zuletzt minimalistische Gesichtsstudien vor verblassten Wänden folgen.

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Tag und Nacht, Licht und Schatten. Once Upon a Time in Anatolia ist ein ungemein reicher und abgründiger, aber auch störrischer Film, dem man bei einmaligem Schauen nicht wirklich zu durchsteigen vermag. Einige Entscheidungen Ceylans nehmen unmittelbar gefangen, seine emphatische Bekenntnis zu den stilistischen Möglichkeiten des Digitalen etwa, dem Spiel der minimalen oder endlosen Schärfenebenen, dem synthetischen Übereinanderschichten von einander unabhängigen Bildebenen. Aber dann merkt man auch wieder, dass Ceylan eben ein visueller Typ ist, denn in die akustische Ebene steckt er nicht annähernd so viel Herzblut wie in die visuelle: die teils schmerzhafte Langsamkeit des Filmes rührt auch daher, dass er als audiovisuelles Werk ziemliche Schlagseite hat.

Aber eingeschrieben in jede Einstellung ist diese Geste totaler Kontrolle, alles hier soll „genau so“ sein. Und dadurch können auch Momente der Ablehnung beim Sehen produktiv sein. Man will verstehen, warum und weshalb, man ist engagiert und involviert. Und ein größeres Lob ist einem Film schwerlich auszusprechen: dass er dem Zuschauer ununterbrochen als anspruchsvolle, aber faire Herausforderung entgegen tritt, dass er sich dem Kampf und auch möglichem Dissens stellt.

Trailer zu „Once Upon a Time in Anatolia“


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Kommentare


Franz

Hallo,

wollte nur erwähnen, dass der Film "Once upon a time in Anatolia" am 19.01.2012 in die deutschen Kinos kommt.

LG


Lu Rgbg

Vorbereitet auf den Film durch Zitate aus dem "Filmdienst" kam ich mit völlig unzutreffenden Erwartungen ins Kino. Die Dauer unterschätzend war es eine reichlich schwere Kost. Immerhin haben mir die genaueren Rezensionen, die ich danach lesen konnte, doch einigen Aufschluss gegeben, um den Film verdauen und etwas besser verstehen zu können!


Frédéric

@Lu Rgbg
Das kann ich durchaus verstehen. Ich hatte das Glück, genau richtig vorbereitet zu sein: Kannte die Länge und auch die Tonalität, wusste aber nichts über den Film außer von wem er ist. Und für mich war es eine der intensivsten und lohnenswertesten Kinoerfahrungen des letzten Jahres.


Martin Zopick

Das Markenzeichen von Nuri Bilge Ceylan sind lange, wortlose Einstellungen. Darauf muss man sich einstellen. Dabei helfen einem aber die wunderschönen Bilder, auch wenn hier ein Großteil der Handlung sich nachts abspielt.
Diesmal geht er noch einen Schritt weiter. Es beginnt mit einer völlig unklaren Ausgangssituation: fünf Männer in einem fahrenden Auto. Nach und nach erfahren wir, worum es hier geht. Und da wird gleich ein Gegensatz zwischen den Gesprächen und dem Zweck der Fahrt deutlich. Da schwingt Komik mit und auch leichte Spannung kommt auf, weil man neugierig wird. Ein mutmaßlicher Mörder hat versprochen die Polizei zum Fundort der Leiche führen. Doch jetzt kann er sich nicht mehr erinnern.
Der ganze Tross aus Kommissar, Staatanwaltschaft und einem Arzt verfranzt sich in der Pampa. Ihnen geht es eigentlich um persönliche Probleme. Der Gefangene führt sie alle an der Nase herum. Auch vermöbeln hilft nicht. Geschichten werden erzählt (siehe Titel!). Eine handelt vom Selbstmord einer Frau. Man muss in einem Dorf Rast machen. Das erste Highlight in diesem reinen Männerfilm ist der Auftritt der schönen Tochter Cemile (Cansu Demirci) des Ortsvorstehers. Sie reicht Tee. Schweigen! Die Männer glotzen, staunen, säfteln. Wechsel von der Komik zum Ernst des Lebens. Wie ein Roter Faden zieht sich eine Geschichte vom Suizid einer Frau durch die Handlung. Der Gerichtsmediziner fragt immer weiter nach. Man ahnt wer es sein könnte. Regisseur Ceylan hat ein Kaleidoskop geschaffen, dessen Facetten teilweise an den ‘Zerbrochenen Krug‘ und dem Braven Soldaten Schwejk‘ erinnern. Darüber hinaus kämpfen viele mit der modernen Technik und völlig unbehelligt davon mit eigenen Problemen. Die Aufklärung des Verbrechens ist eigentlich Nebensache. Es entsteht auch ein Bild der ländlichen Türkei Anfang des 21. Jahrhunderts.






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