Once
Hat ein Musical immer perfekt choreographiert zu sein? Müssen sich seine Darsteller immer in großen Posen ergehen? Once beweist, dass dem nicht so ist.
Dem Musical haftet mehr als nur ein Hauch von Künstlichkeit und Realitätsferne an. Menschen, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit begleitet von großen Gesten und noch größeren Gefühlen in regelrechte Sangesarien verfallen, wirken auf nicht Musical-erprobte Betrachter nicht selten unfreiwillig komisch. Selbst dann, wenn sie Teil einer im Grunde tragischen Geschichte sind. Auch die Inszenierung entzieht sich mit ihrer ausgeklügelten Choreographie und artifiziellen Bildsprache zumeist jedem Abgleich mit der Wirklichkeit. Oder wie ist es anders zu erklären, wenn wie in Chicago (2002) ein Gefängnis urplötzlich zur Bühne umfunktioniert und die weiblichen Insassen zu ausgebildeten Showgirls mutieren? Im Musical-Universum scheinen die Gesetze der Logik ebenso wie die von Zeit und Raum aufgehoben zu sein.
Ganz anders gibt sich da John Carneys Bohemian-Symphonie Once. Die auf dem Sundance Filmfestival mit dem Zuschauerpreis ausgezeichnete Low Budget-Produktion – die Herstellungskosten summierten sich gemessen am üblichen Standard auf verschwindend geringe 180.000 Euro – kommt wie die Dogma-Variante eines Musicals Hollywood’scher Prägung daher. Mit Handkamera an Originalschauplätzen gedreht, basiert Once auf einer eher losen Drehbuchvorgabe. Die Hauptdarsteller Glen Hansard und Markéta Irglová hatten alle Freiheiten, Dialoge zu improvisieren und Szenen nach ihrer Auffassung zu verändern.
Carney erzählt eine universelle Geschichte, die bewusst simpel und klein gehalten wurde. Ein Straßenmusiker (Glen Hansard) singt sich jeden Tag in Dublins Fußgängerzone die Seele aus dem Leib. Er, der bei Carney im Abspann schlicht „Guy“ genannt wird, träumt von der großen Karriere. Doch statt als Sänger und Songwriter seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist er gezwungen, im Geschäft seines Vaters (Bill Hodnett) auszuhelfen und Staubsauger zu reparieren. Während er wieder einmal in der Fußgängerzone spielt, spricht ihn eine junge Frau (Markéta Irglová) an. Einst hat sie ihre Heimat Tschechien verlassen, um in Irland einen Neuanfang zu wagen. Seitdem hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Ihre Leidenschaft für die Musik bringt beide schließlich zusammen. Sofort spüren sie, dass da etwas zwischen ihnen ist, was sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Auf Once trifft vermutlich mehr die Umschreibung als Musikfilm denn Musical zu. Letzteres wird gemeinhin mit Pomp, Kitsch und lautem Getöse assoziiert. Alles Dinge, die man hier vergebens sucht. Carney war vielmehr daran gelegen, einen modernen Musikfilm zu inszenieren, bei dem die Musical-Elemente sinnvoll und unprätentiös in die Handlung integriert werden sollten. Das ist ihm gelungen. Indem der Film Orte wie ein Musikgeschäft und ein Tonstudio findet, an denen Musik allgegenwärtig ist und wo sie nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird, erscheinen die Songs als natürlicher Baustein der Geschichte.
Bei den ruhigen, melancholischen Stücken Marke „Songwriter-Pop“ handelt es sich ausschließlich um Eigenkompositionen von Guy-Darsteller Glen Hansard. Der Frontmann der irischen Rockgruppe „The Frames“ ist mit Leib und Seele Musiker. Das zeigt sich an einer ganz besonderen Improvisation. Statt wie vorgesehen in einer Szene mit Markéta Irglová von der gescheiterten, unglücklichen Beziehung seines Filmcharakters zu erzählen, griff er spontan zur Gitarre und schuf die Ballade vom „Broken Hearted Hoover Fixer Sucker Guy“.
In den neunziger Jahren erlebte die irische Wirtschaft einen beispiellosen Aufschwung. Europas einstiges Armenhaus wurde als „Celtic Tiger“ wiedergeboren. Doch wie bei allen sozialen Transformationsprozessen produzierte auch dieser Gewinner und Verlierer. Once zeigt das andere Irland. Das der Künstler, der einfachen Leute, der Immigranten und Arbeitslosen. Carney kennt sich aus in diesem Milieu. Er selbst war lange Jahre Musiker. Unter anderem spielte er als Bassist in Hansards Band, was erklären könnte, warum sich sein Film derart authentisch anfühlt. Der Spaß, den alle Beteiligten während der gerade einmal zweiwöchigen Dreharbeiten hatten, überträgt sich fast zwangsläufig auf den Zuschauer. So werden die Aufnahmen im Tonstudio kurzerhand zu einer Art Privatkonzert umfunktioniert, das Ohrwürmer wie das sanft-rebellische „When your mind’s made up“ hervorbringt.
Die schüchterne Romanze zwischen Hansards Straßenmusiker und Markéta Irglovás Pianistin dient Carney als Ausgangspunkt für eines der schönsten und wahrhaftigsten Musicals der letzten Jahre. Wahrhaftig deshalb, weil er seinem Milieu treu bleibt und dabei ein ganzes Genre vom Ballast der durchgestylten Inszenierung befreit.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 05.02.2008
Kommentare zu Once
Anni 16.01.2008 21:33
Oh mein Gott ich habe in meinem leben schon viele Filme gesehen... auch viele schlechte Filme...aber dieser Film war mit abstand das schlimmste was ich mir vorstellen kann da ist ja jeder grundschulamateurfilm besser...ich meine es spricht für sich wenn der kinosaal am anfang voll war und nach 35 min mehr als 2 drittel der leute schon gegangen sind... also leute nicht ansehen es sei denn ihr braucht nen ruhigen schlafplatz
clara 20.01.2008 22:26
also die Musik ist toll, aber der Film gibt dem Zuschauer außer Musik auch nichts. Die Charaktere bleiben namenlos und es ist nicht klar, was der Film erzählen will, oder ob er überhaupt etwas mitgeben soll. Allerdings sind mir die überschwenglichen Kritiken a la "eine Inspiration", "umwerfend" auch eher suspekt, weil der Film eher das Gefühl hinterlässt, man habe etwas verpasst. Die wahre Liebe, die so sehr angepriesen wird, wird nur angerissen, bzw kriegt hier keine Chance. Vorallem weil nicht klar ist, wer jetzt wen wahrhaft liebt, da er noch ein Telefonat mit seiner Ex führt, der er sagt, wie sehr er sie vermisst und der er ja schlussendlich auch nachreist.
Jörg 23.01.2008 16:53
Absolut sehenswert.
Die Kritik an diesem Film kann ich nicht nachvollziehen.
Tolle Bilder, klasse Musik, schöne Stimmung.
Ein echt Irischer Film.
Tom 12.02.2008 21:44
wunderschöner Film mit viel Atmosphäre - und das absolute Gegenteil von Actionfilm. Nicht nur die Schauplätze, auch die Art und Weise, wie hier Musik gespielt, spontan arrangiert und offensichtlich empfunden wird, wirkt absolut authentisch. Jeder, der schon mal eine akustische Gitarre gespielt und mit anderen zusammen Musik gemacht hat, wird sich da wiederfinden. Und was die Romanze der beiden Hauptdarsteller anlangt: die wirkt - naiv und zugleich komplex wie sie ist - überaus menschlich, entzieht sich aber sicher dem, dessen Sinn nach eindeutigen Hollywood-Aussagen steht.
Jape 12.05.2010 09:31
Sehr sehr schön... was anderes als sonst....
Martin Z. 12.05.2010 11:30
’Once’ ist eine nette CD, für den, der auf akustischem, romantischem Gitarrensound steht. Die Songs werden in voller Länge hintereinander abgespielt. Nicht schlecht, aber in der Anlage ähnlich. Aber es sollte doch ein Film sein!? Wie in vielen Musikfilmen ist auch hier die Handlung äußerst dürftig. Sie: verheiratete Mutter und Immigrantin, er wohnt und arbeitet mit 40 noch bei Vatern. Und außer wenn sich die beiden Hauptfiguren musikalisch äußern, versprühen sie den Charme eines offenen Eisschrankes. Es liegt keineswegs am fehlenden Happy End. Die Figuren sind einfach unscharf, weil zu oberflächlich gezeichnet. Sie sind nur auf Musik fixiert und die kommt so flatterhaft unkompliziert daher, dass man den Eindruck bekommt, am Anfang steht bereits der perfekte Song. Man braucht sich nicht zu plagen, alles fliegt einem nur so zu. So einfach ist das. Wie gesagt, wer den Sound mag, soll sich die CD kaufen. Als Film ist ’Once’ eine Katastrophe. Und als verfilmtes Musical auch nicht ganz echt. Auf gar keinen Fall ist es ein Drama!
teresa 01.06.2010 02:26
ok die musik ist echt super, aber der film an sich absolut langweilig, es gab stellen die wirklich berührt haben, aber diese waren nur kurz und danach kamen wieder szenen, bei denen ich mich tödlich gelangweilt habe. vielleicht hätte ich den film ein 2. mal sehen müssen um ihn richtig erleben zu können, doch nach dem ersten mal ansehen war ich total froh dass es vorbei ist habe ich mich im nachhinein gefragt worums jetzt eigentlich ging, was die handlung war, einfach langweilig
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Once
Irland 2006
Laufzeit: 85 Minuten
Regie: John Carney
Drehbuch: John Carney
Produktion: Martina Niland
Darsteller: Glen Hansard, Markéta Irglová, Bill Hodnett, Hugh Walsh, Gerry Hendrick, Danuse Ktrestova
Kinostart: 17.01.2008
DVD-Angaben
Titel: Once
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 83 Minuten
Extras: Audiokommentare und Musik-Audiokommentar von Regisseur John Carney, Glen Hansar und Markéta Irglová; Die Filmmusik; Fotogalerie; Trailer & Teaser
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 04.03.2010
Titel: Once
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 84 Minuten
Extras: Filmsong „Falling Slowly“ als mp3; Featurettes; Audiokommentar des Regisseurs; Making of; Interview mit Glen Hansard; Die Kinopremiere in Berlin; Pressekonferenz; Livesongs von Glen Hansard; Die Filmmusik; Trailer
Verleih ab: 15.07.2008
Verkauf ab: 08.08.2008
Copyright Once
Fotos: © Kinowelt
BERLINALE 2012

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