On the Milky Road

In On the Milky Road fabuliert sich Emir Kusturica selbst nur halbwegs hinterher. Dann aber schießt er direkt ins Erhabene.

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Emir Kusturica meldet sich als Persona non grata wieder zurück. In Venedig lief sein neuester Film On the Milky Road 2016 zwar im Wettbewerb, wurde aber nicht unter Favoriten gehandelt. Nach den Kontroversen um sein großserbisches Engagement und seine Putin-Sympathie sind die magischen Realismen des einst gefeierten Regisseurs bei der kritischen Öffentlichkeit verpönt. Wo seine Fiktionen schon lange einen doppelbödigen Konsens entfalten durften, werden sie nun unisono als reaktionär gedeutet. In der Zwischenzeit verfasste Kusturica eine Autobiografie mit dem Titel Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht, welche sich als eine überaus interessante Lektüre erweist. Darin gibt er sich als ein „seltsames politisches Geschöpf“ und lässt sich von seiner Mutter Senka mehrmals besorgt fragen („Zu wem gehörst du, mein Sohn?“), ob er nicht doch zu einem politischen Idioten geworden sei. Neben seiner literarischen Qualität zeugt das Buch – so sehe ich das – durchaus von Geistesgegenwart und Selbstironie.

Alles wie gelähmt

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Nun greift Kusturica, der Filmemacher, auch in On the Milky Road die alte Sarajevoer Frage von Kusturica, dem Schriftsteller, wieder auf: „Wo bleibe ich in dieser Geschichte?“ Die Hauptfigur, die er selbst spielt, ist dieser Geschichte am Anfang und bis auf Weiteres ein Ballast. Kosta, der Milchmann, ist nicht ganz von dieser Welt, spricht kaum, lebt alleine. Auf einem Esel mit zwei Milchkanistern an den Seiten, einem Wanderfalken auf der Schulter und dem Regenschirm als Schutz, holpert er im feindlichen Kugelregen hin und her. Wer auf wen hier nebenbei daneben schießt, bleibt ohne Belang – von diesem Krieg will sich der Film kein Bild machen. Die Köpfe, die abgesägt gehörten, sind es schon lange, der Sündenfall liegt in der Vergangenheit. Die erste Filmhälfte ist eine ganze Katastrophe, denn Szene um Szene fabuliert Kusturica sich selbst nur halbwegs hinterher. Sein filmisches Universum klappt sich wie ein buntes Faltbuch auseinander, mit den Gebirgsgegenden und den üblichen Naturellen, die chaotisch oder verschlafen und allesamt wie aus der Zeit gefallen sind. In der unendlichen Schleife werden Melodien abgespielt und in den Liedern singt man sich die Seele aus dem Leib. In dem Haus an der Eisenbahn zieht’s in alle Himmelsrichtungen, eine riesige Uhr widersetzt sich der Zeit und beißt wie eine Bestie. Im Nacheinander werden Gänse, Fliegen, Schlangen und ein Schwein ins Bild geschüttelt. Durchgehend herrscht eine tierische Unruhe, alles gackelt und quietscht, zappelt und zuckt. Und alles bebt, wippt und schwingt, als wäre es mit Federung versehen. Alles ist in On the Milky Road zwar in Bewegung, kommt aber nie richtig in Gang.

Monica Bellucci macht augenzwinkernd mit

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In dem Schlamassel, das wie gelähmt wirkt, taucht plötzlich Monica Bellucci auf, als Braut ohne Namen und „so gut wie neu“. Sie melkt die Kühe, lässt sich herumkommandieren, macht bei allem als Star und Ikone augenzwinkernd mit. Der Milchmann verguckt sich in die Braut, die nicht für ihn bestimmt ist. Sie ihrerseits blickt voraus, erkennt die seltsame Verbindung, die zwischen ihr und ihm besteht. Bei der doppelten Hochzeit, bei der es schöne Frauen und alte Männer gibt, und auf der die beiden jeweils den Falschen heiraten, sprudelt’s aus den Flaschen. Doch anstatt dionysisch zu werden, entwickelt der Film peu à peu einen biblischen Bezug. Plötzlich kommt die Sintflut, nur mit Feuer: Menschen, Trunk und Speisen bleiben verkohlt, wo sie gerade noch lebendig waren, das ganze Dorf liegt in Schutt und Asche. Die beiden Liebenden, Kosta und die Braut, kommen davon, aus sich heraus, später auch zu sich selbst. In dieser Variante des Paradies-Mythos wird sie eine Schlange nicht verführen, sondern retten. Nachdem sich Kusturica mit Papa ist auf Dienstreise (Otac na službenom putu, 1985) als kluger Forscher des politisch infizierten Alltags zeigte und später seine berühmten und mitreißenden filmischen Balkanfeste feierte, schießt er mit On the Milky Road direkt ins Erhabene. In seiner Hinwendung zum ganz Großen filmt er die Landschaft meist von weit oben und zeichnet keine altjugoslawische, sondern eine viel weiter ausgeholte Kurve.

Frieden um jeden Preis

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Die Verfolgungsjagd – man ist der schönen Braut hinterher – führt über Berg und Tal, über Land und Meer und, wie sich die Fabel lesen lässt, über Höhlen- und Himmelskreise. Bei Nacht und Wind sitzen Kosta und die Braut, Adam und Eva, in der mächtigen Krone eines riesigen Baums. Unten machen die Soldaten Rast, ahnen nichts, dann kommt ein furchtbares Gewitter. Kaum ist es vorbei, wird die Braut zu einer Meerjungfrau, sie schwimmt ins wogende Netz und verstrickt sich. Kosta hilft ihr, dann hilft sie ihm, die beiden springen einen Wasserfall hinunter. Wieder auf dem Festland laufen sie den Soldaten, zwei sind es nur noch mittlerweile, davon, der Wind lässt alle, die Verfolger und die Verfolgten, auf der Stelle einfrieren. Eine Weile bleibt es so, zäh, mythisch, dann werden alle wieder woandershin katapultiert. Hier scheint alles aus dem anderen hervor und ineinander über zu gehen.

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„Was oben ist, ist auch unten, was unten ist, ist auch oben“, musste Kusturica bereits als Kind lernen, und wenn man will, lassen sich zwischen Buch und Film noch mehr Bezüge herstellen. In seiner Biografie taucht als Kehrseite der selbst genannten politischen Seltsamkeit am Ende nichts als die „viel beschworene Verschmelzung von West und Ost, jene anziehende Mischung, die beide Hälften der Welt verbindet“ auf. In der Geschichte von On the Milky Road bleibt Kusturica also doch ein Noah, der auf seiner Arche eine Renaissance-Madonna und die vielen Tiere rettet, während draußen alles andere draufgeht. Man sollte ihm seine Fehltritte verzeihen: Bei dem ganzen Fegefeuer ist er ja ganz harmlos geworden. 

Trailer zu „On the Milky Road“


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