On the Beach at Night Alone

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Location Scouting mit Liebe: Hong Sang-soo folgt einer hungrigen Schauspielerin nach Hamburg und an die koreanische Ostküste. Zwischendurch wird sie einfach geklaut – und kommt im Kino wieder zu sich.

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Nachdem Young-hee (Kim Min-hee) endlich einmal ein bisschen Ruhe gefunden hat vor den großen Fragen und dem Schmerz der Liebe, sanft am Strand von Gangneung an der südkoreanischen Ostküste eingeschlafen ist, wird sie schon wieder geweckt oder träumt, dass sie geweckt wird. Der Störenfried, der es freilich gut mit ihr meint – es ist schließlich ganz schön kalt, das Wetter fast so trist wie in Hamburg – ist ein Regieassistent, mit dem die Schauspielerin vor längerer Zeit zusammengearbeitet hatte, bevor sie eine Affäre mit dem Regisseur anfing, derentwegen sie dann für einige Zeit fort ins Ausland musste, über die Liebe nachdenken und auf den Geliebten warten, der nicht kam. Der Regieassistent erzählt ihr nun, dass sie gerade einen neuen Film vorbereiten, sich auf der Suche nach Locations befinden, auf die fertige Fassung des Drehbuchs warten, und Young-hee könne sich ja gern mit dem Team an der Feuertonne warm machen, der Regisseur selbst komme erst später.

Die Szene ist ein schöner Kommentar auf das Kino von Hong Sang-soo im Allgemeinen und auf On the Beach at Night Alone (Bamui haebyun-eoseo honja) im Besonderen. Schließlich arbeitet Hong selbst nie mit fertigen Drehbüchern, schließlich fühlen sich seine Filme häufig an wie ein einziges Location Scouting. Sie scheinen einfach zu geschehen, während das Filmteam noch an der Feuertonne steht und die Darsteller auf Regieanweisungen warten. Der Regisseur kommt später. Nach der Liebe kann man ja trotzdem schonmal fragen.

Am Strand von Hamburg

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Die ersten Locations von On the Beach at Night Alone befinden sich in Hamburg, einer der lebenswertesten Städte der Welt, wie gleich in der ersten Szene Young-hees alte Freundin Jee-young (Seo Young-hwa), die nach einer Scheidung hierher gezogen ist, aus einer aktuellen Umfrage zitiert. Ob es dann nicht schön wäre, für immer hier zu leben, überlegt Young-hee. Hongs Figuren reden häufig im Konjunktiv. Andererseits weiß Young-hee genau, was sie will – nämlich fortan nur noch tun, was sie auch wirklich tun will. Und fragt sich doch immer wieder, ob ihre Affäre mit einem verheirateten Mann eine Zukunft hat, ob er ihr vielleicht nach Deutschland folgen wird. Außerdem hat sie ständig Hunger, betont dies auch nochmal, als sie gerade einen großen Teller Pasta bei einem befreundeten Pärchen gegessen hat. Dieser erste Teil, in dem die Nicht-Koreaner (unter anderem Locarno-Kurator Mark Peranson) großartig awkwardly in Hongs Kino der awkwardness rumsitzen, endet abrupt, am Strand, bei grauem Himmel (allerdings nicht bei Nacht). Ein verdächtiger Mann mit Mütze, der die beiden Freundinnen schon vorher im Park gestalkt hat, trägt Young-hee kurzerhand davon, als die Kamera mal für einen Moment wegschwenkt. Nun kann sie nur noch hinterhersehen, wie ihr der Film abhanden kommt, weil die Protagonistin geklaut wird.

Endlich Alkohol

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Doch so einfach werden wir Young-hee nicht los: Es geht in die Schwarzblende, dann folgen neue Opening Credits, und Young-hee sitzt in einem Kino (war alles nur ein Film?), bevor sie in den zweiten, deutlich längeren Teil von On the Beach at Night Alone hineinläuft, in dem sie, wieder zurück in Südkorea, ein paar alte Freunde in der erwähnten Küstenstadt Gangneung besucht. Die Freunde sind hierhin gezogen, weil sie von Seoul die Nase voll hatten, und natürlich denkt auch Young-hee wieder darüber nach, ob es nicht schön wäre, ebenso hierhin zu ziehen. In der Hafenstadt kommt nun endlich auch der ersehnte Alkohol ins Spiel, und in einer gewohnt tollen Hong-Dinner-Szene wird getrunken, gelacht, beleidigt und geküsst, und die verzweifelt besoffene Young-hee bescheinigt allen anderen am Tisch, für die Liebe doch überhaupt gar nicht qualifiziert zu sein! Alle lächeln. Aber Young-hee ist es ernst.

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Immer wieder geht es auch um die Gerüchte, dass die Schauspielerin in einen Ehebruchskandal verwickelt war und jetzt vielleicht keine Rollen mehr bekommt, und dieses Motiv weist auf den erst nach Ende der Dreharbeiten endgültig ans Licht gekommenen Real-Life-Scandal hin, in den Hong und seine Hauptdarstellerin Kim verwickelt waren. Während ihre Affäre und Hongs Trennung von seiner langjährigen Ehefrau in den koreanischen Medien ausgeschlachtet wurden, floh der Regisseur selbst nach Deutschland. Und spätestens wenn in der letzten längeren Sequenz von On the Beach at Night Alone Regisseur Sangwon (Moon Sung-keun) auftaucht und Young-hee vor versammelter Mannschaft pathetisch aus einem Buch vorliest, muss man diesen Film nicht nur als Befragung des Lebens, sondern auch als radikal-ironische Selbstbefragung verstehen. Young-hee nimmt das Buchgeschenk nicht an, sondern verlässt den Tisch.

Konstitutive Unfertigkeit

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Derlei autobiografische Überbauten sind architektonisch ja meist eher langweilig, werden benutzt, um einem Film eine Fassade künstlerischer Autorität zu verleihen, dabei sind doch, wie Young-hee keck erklärt, als Sangwon ihr von seinem neuen Filmprojekt erzählt, persönliche Geschichten die langweiligsten überhaupt. Hier fügt dieser Hintergrund dem Film denn auch nochmals eine weitere Ebene hinzu, anstatt ihn totzuerklären. Denn nicht nur geht es in der Handlung um das Verhältnis zwischen einem Regisseur und seiner ehemaligen Geliebten, es geht hier ebenso um das Verhältnis zwischen dem Regisseur von On the Beach at Night Alone und seiner Hauptdarstellerin, die in der Figur der Young-hee virtuos zugleich die Affäre, die Verlassene und den Regisseur selbst zu verkörpern scheint (Identitäten und Figuren waren für Hong ja ohnehin nie deckungsgleich).

Kim jedenfalls ist großartig in diesem Film, steht so allein im Zentrum wie es zuvor wohl noch keine Hong-Protagonistin stand; scheint keinerlei Regieanweisungen zu befolgen, scoutet vielmehr selbst Locations, redet, trinkt, raucht, denkt über die Liebe nach. Nur die konstitutive und in Wiederholungszwänge eingebettete Unfertigkeit des Hong’schen Kinos erlaubt eine solch widerständige Performance, weil sie den Darstellern erlaubt, jene Unfertigkeiten der Figuren zu fassen, durch die allein sie erst als Eigensinnige erkennbar werden. Und solange man noch aufs fertige Drehbuch wartet, bleiben die großen Fragen eben bloße Fragen. Was ist die Liebe, was wird sie schon sein? In der letzten Szene wird Young-hee nicht geklaut, sondern geht selbst davon, on her own terms. Hong Sang-soo indes bereitet schon seinen nächsten Film vor. Claire’s Camera wird der heißen, und wahrscheinlich scoutet man gerade Locations.

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