Oma & Bella

Ein kleiner Film am Rande eines großen Themas: Oma & Bella spürt der Erinnerung im Alltag nach.

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In einer engen, schmucklosen Einbauküche sind zwei Damen jenseits der 80 voller Konzentration dabei, speckige Kalbsfüße mit Wegwerfrasierer von Haar und Schmutz zu befreien. Die eine trägt Lesebrille, die andere bearbeitet das Stück Fleisch beidhändig wie eine Chirurgin. Eine komische Szene? Auch. Aber hinter die sanfte Absurdität schleicht sich in dieses Bild noch ein Staunen darüber, mit welcher Selbstvergessenheit und Harmonie sich die beiden dem Kochen widmen. Hier geschieht mehr als nur Essensvorbereitung. Das ist ein kleines Ritual, mitten aus dem Alltag.

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In seinen besten Momenten gelingt es Alexa Karolinskis Oma & Bella immer wieder, solch stimmige Akkorde aus emotionaler Nähe, leisem Witz und genauer Beobachtung anzuschlagen. Ihre Dokumentation über die große Freundschaft zwischen ihrer Großmutter Regina Karolinski (Jahrgang 1927, geboren in Katowice) und Bella Katz, (Jahrgang 1923, geboren in Vilnius) ist eine intime, kleine Angelegenheit, ein Film über zwei ganz gewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Biografien. Denn Regina und Bella sind Jüdinnen, und sie leben seit gut 60 Jahren in Berlin.

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Auf bescheidene Art hält sich Karolinski in ihrer Alltagsbeobachtung weitestgehend zurück. Sie überlässt ihren beiden Protagonistinnen das Steuer, folgt ihnen durch die Stadt und durch ihre Erinnerungen, ohne jedoch den Bezug zur Geschichte zu erzwingen. Das Ergebnis ist weniger ein biografisches Porträt als eine Beobachtung von Jetztmomenten, in die sich immer wieder Erinnerungen an die Schrecken der Verfolgung, des Ghettos und des Lagers mischen. In ihrer beharrlichen Teilnahme fühlt Karolinski nach, wie sich die Überreste der Shoah im gelebten Alltag ablagern, wie sich die Geschichte als Splitter ins Heute stiehlt. Doch die wichtigste Botschaft ihres Filmes ist: die Vergangenheit begräbt die Gegenwart nicht unter sich. Denn auch wenn Bella von Träumen ans Ghetto heimgesucht wird und ihre von der Lagerarbeit zerstörten Hände mit einem feuerroten Massageball walkt: Ihr Leben mit Regina in Berlin ist ganz und gar ein heutiges, und ein erfülltes.

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Daran nimmt Regisseurin Karolinski – das „Alexale“ – teil, kostet das Essen vor, trinkt brav ihren Orangensaft aus, und verbringt viel Zeit mit den alten Damen in der schmalen Küche. Das Kochen nach alten jiddischen Rezepten ist für sie gelebtes Andenken, Geschmack einer uns Zuschauern nur erahnbaren tragischen Erinnerung und zugleich Feier des Lebendigseins. Einsichten wie diese, auf unsystematische Weise dem Alltag abgeschaut, zeichnen diesen Film aus, der einem Außenstehenden zwar etwas zu liebevoll und harmoniesüchtig erscheinen mag und der seine Bilder manches Mal in etwas zu Amelie-haft verträumter Klaviermusik ertränkt, der jedoch aus seinen bescheidenen Aspirationen auch keinen Hehl macht. Oma & Bella ist ein intergenerationaler Austausch, gedreht aus der Perspektive der Enkelin, die den Älteren mit einer Mischung aus Neugier, Schulwissen und Respekt begegnet, und die diesen Film ebenso für sich selbst wie für eine Öffentlichkeit gemacht zu haben scheint. Er fühlt sich ehrlich an und erweckt niemals den Eindruck, dass Geschichte ausgebeutet würde, sondern bringt sie organisch hervor. Und damit erfüllt er im Kleinen eine bedeutsame Aufgabe unserer Zeit: Die Überlebenden des großen Verbrechens des 20. Jahrhunderts werden weniger, und es sind Filme wie dieser, die den Übergang von gelebter in dokumentierte Erinnerung ermöglichen.

Trailer zu „Oma & Bella“


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Kommentare


Carsten

Treffender Text, der sich in vielen Punkten mit meiner eigenen Kritik überschneidet (http://filmgazette.de/index.php?s=filmkritiken&id=799). Ich muss allerdings gestehen, dass auf meinem Screener wohl der Soundtrack fehlte, die schreckliche Klaviermusik kannte ich nur aus dem Trailer und war dann positiv überrascht, dass sie nicht im eigentlichen Film vorkam. War wohl leider ein Missverständnis, aber trotzdem ein durchaus sehenswerter Film.






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