Oliver Twist

Selten wurde ein Roman so häufig verfilmt wie Charles Dickens’ Oliver Twist. Dennoch gelingt dem Meisterregisseur Roman Polanski eine individuelle Annäherung an diesen kontroversen Klassiker.

Oliver Twist

In Charles Dickens’ Fortsetzungsroman Oliver Twist – The Parish Boy’s Progress (1837-39) personifiziert ein neunjähriger Knabe die schonungslose Sozialkritik an dem viktorianischen England des 19. Jahrhunderts. Nachdem der Junge tagein tagaus für magere Kost und eine spärliche Unterkunft schuftete und als Ausreißer von einer Gaunerbande ausgenutzt wurde, vollzieht sich dessen Erlösung durch die Aufnahme in einen gehobenen Gesellschaftsstand.

Nach dem Holocaust-Film Der Pianist (Le Pianiste, 2002) erweckt Roman Polanskis Oliver Twist den Eindruck, als würde der Filmemacher mit einem weiteren Stoff autobiografische Inhalte verarbeiten. Seinen Oliver Twist auf die Parallelen der traumatischen Kindheit der Hauptfigur und dessen eigener, in der er aus dem Krakauer Ghetto flüchtete und sich danach zu Fuß durchschlug, zu reduzieren, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Der Regisseur, der Meisterwerke wie Chinatown (1974) und Der Mieter (Le Locataire, 1976) inszenierte, setzt sich gewohnt reflektiert mit den spezifischen Anforderungen der Verfilmung eines Literaturklassikers auseinander.

Oliver Twist

Die episodenhafte Struktur der Vorlage greift Polanski auf und bindet diese in einen für ihn typischen Erzählmodus ein. So setzt der Regisseur immer wieder kleine Details in Szene, aus denen er dann in sich geschlossene Situationen entwickelt, die sich besonders in den ersten beiden Dritteln des Films elliptisch aneinanderreihen. Zusätzlich nutz Polanski, wie ein Maler, einen visuellen Texturenreichtum um das England der 1830er Jahre zum Leben zu erwecken, verliert sich jedoch nicht in barocken Spielereien. Aus der Kombination von narrativen Mikrowelten und Oberflächendetails komponiert der Regisseur allmählich ein Gesamtbild, das sich Dickens’ Gesellschaftsporträt annähert. Indem Polanski somit das prozesshafte Erzählen einer klassischen, repräsentativen Handlung vorzieht, reflektiert sein Oliver Twist dezidiert literarische Rezeptionsformen. Polanskis Übersetzung von literarischen Qualitäten in filmische hat jedoch einen Preis. Der Film entzieht sich konventionellen Narrationsmodellen und fordert von seinen Zuschauern die Bereitschaft sich von vorherrschenden Sehgewohnheiten zu lösen.

Mit der Wahl dieses Romans des englischen Schriftstellers mussten sich Polanski und der Autor Ronald Harwood, der ebenfalls das Drehbuch zu Der Pianist schrieb, einer besonderen Herausforderung der Vorlage stellen. Wie soll die zentrale Figur Fagin, einem Repräsentanten von Londons Unterwelt, den Dickens als „a very old shriveled Jew, whose villainous-looking and repulsive face was obscured by a quantity of matted red hair“ beschrieb, in einem zeitgemäßen Film dargestellt werden? Dickens’ Beschreibung von antisemitischen Stereotypen, von denen er sich später distanzieren sollte, die zudem durch die Illustrationen der Erstveröffentlichung von George Cruikshank die Vorstellung dieser Figur prägten, war bis zuletzt fester Bestandteil vieler Verfilmungen.

Oliver Twist

Sir Ben Kingsley verkörpert Fagin, ausgestattet mit fast allen äußerlichen Attributen der Vorlage. Sein Fagin erweckt den Anschein eine Synthese der Figur aus den bisher bekanntesten Verfilmungen zu sein: dem abgründigen Anführer der Diebesbande in David Leans Oliver Twist (1948), gespielt von Alec Guinness, und dem liebenswerten Gauner der süßlichen Musical-Version Oliver! (1968; Regie: Carol Reed), dargestellt von Ron Moody. So ist Kingsleys Fagin seinen Jungen, die er beherbergt und zu Taschendieben erzieht, eine, wenn auch verschrobene, doch fürsorgliche Bezugsperson. Das egoistische Kalkül Fagins, die Jungen für seine Profitgier zu missbrauchen, tritt mit seiner Liebe zu ihnen in ein Wechselspiel. Auch wenn Polanski weitaus weniger explizit, als es etwa in Leans Version der Fall ist, suggeriert, dass die junge Prostituierte Nancy auch für Fagin anschafft und somit eine Dimension der antisemitischen Stereotypenzeichnung ausklammert, bleibt Fagin doch nicht ohne Abgründe. Diese aber sind keinem kulturellen Klischee zugeschrieben. Getreu der Vorlage schüchtert Fagin Oliver mit einer drohenden Verurteilung zum Tode ein, sollte er ihn bei den Behörden verraten. Untermauert wird diese finstere Seite indem Fagin später die Ermordung Olivers durch den Kriminellen Sikes als bedauerliche Notwendigkeit kommentiert und unterstützt. Polanski bleibt in diesem Punkt der Vorlage treu, doch scheint er Wert darauf zu legen, die menschliche Dimension der Figur greifbar zu machen. So inszeniert er etwa im Gegensatz zu Lean und Reed ein letztes Treffen zwischen Oliver und dem inzwischen verurteilten und verwirrten Gauner. Darin offenbart sich die Tragik einer Person, die ihrer Existenz beraubt, ein Leben in Ungewissheit fristet.

Oliver Twist

Kingsleys vereinnahmendes Spiel steht im Kontrast zu der sparsamen Charakterisierung Olivers. Neben der romanhaften Erzählstruktur ist diese Entscheidung Polanskis ein weiterer Aspekt, der den Zugang zu dieser Literaturadaption erschweren mag. Polanski wählt nicht den herkömmlichen Weg, das Spiel seines Kinderdarstellers Barney Clark emotional aufzuladen, wie es etwa bei Freddie Highmores Darstellung in Marc Forsters Wenn Träume fliegen lernen (Finding Neverland, 2004) der Fall ist. So unscheinbar die Erscheinung des unterernährten Oliver ist, so wenig ist er auch Herr seines Schicksals, stets ist er passives Opfer. Diese Prämisse des Romans nutz Polanski um die körperliche Hülle des schmächtigen Jungen in den Vordergrund zu rücken. Wie in keiner anderen Verfilmung friert, schwitzt, blutet und hungert Oliver. Das reduzierte Charakterporträt rückt den Jungen in eine kühl anmutende Distanz, wodurch der Figur bisweilen eine Zeit- und Stoffungebundene Qualität verliehen wird. Auf der Leinwand ist nun nicht mehr Oliver zu sehen, sondern ein leidender Kinderkörper.

Kommentare


andreas jacke

Roman Polankis Oliver Twist

Es ist also tatsächlich nochmals passiert.
Er ist nunmehr 70zig Jahre alt und hat nochmals einen Film gedreht, indem soviele andere Momente seiner Filme vor einem Revue passieren...

Das victorianische England aus "Tess" das Dach aus "Frantic" der Boheme aus dem "Tanz der Vampire" -- und allen voran eine ganz und gar unglaubliche Sympathie für einen Geizhals (gespielt von -Ben Kingsley) der seine Kinder zum stehlen auf die Straße schickt... Um die Sympathie für diese eigentümliche Gestalt zu begreifen braucht man den ganzen Film lang - den sie wird einem ersten in der letzten Sequenz überhaupt erst bewußt...

Ein wundervoller Film - mit einem der wirklich tragischen Ende...und Polanski setzt tatsächlich überall dort wo Hollywood einst ins Irreale abgedriftet war einen sozialen Realismus ein... der niemals unhöflich - oder unbehofen wie der deutsche Film - aber genauso ehrlich nur viel -viel romantischer - daherkommt...

Nichts ganz Neues - aber Altbewährtes in Höchstform und Vollendung...


Lukas

"Indem Polanski somit das prozesshafte Erzählen einer klassischen, repräsentativen Handlung vorzieht, reflektiert sein Oliver Twist dezidiert literarische Rezeptionsformen. Polanskis Übersetzung von literarischen Qualitäten in filmische hat jedoch einen Preis. Der Film entzieht sich konventionellen Narrationsmodellen und fordert..."

MUSS man sich eigentlich heutzutage so ausdrücken, um dem Leser eine Vorstellung von Inhalt und Qualität eines Filmes zu vermitteln?






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