Oldboy

Rache als Emotion individuellen Begehrens. Spike Lee kocht Park Chan-wooks Ethik in einem psychologischen Süppchen weich.

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Das Adaptions-Gebaren der US-Filmindustrie ist seit einigen Jahren nichts Neues mehr. Längst hat man sich an die zügige englischsprachige Wiederverwertung von Filmen gewöhnt, die außerhalb des Kino-Muttergestirns Hollywood erfolgreich waren. Leicht erklären lässt sich diese Entwicklung auch: Der Cashflow ist die alles entscheidende Instanz. Und die USA als Fixpunkt einer durchglobalisierten Unterhaltungsindustrie sind ein Marktführer, der sich vielleicht nicht mehr durch absolute Zahlen im Produktionsbereich, wohl aber durch seinen Modus der Allerreichbarkeit definiert. US-Produktionen werden überall auf der Welt geschaut, in puncto Reichweite kann hier einfach kein anderes Land mithalten. Die Stoffe für diese Produktionen werden nun genau in jenen anderen Ländern gesucht, ihr örtlich begrenzter (nicht-amerikanischer) Erfolg macht sie attraktiv für ein Remake. Ganze Länder und Regionen werden so nachträglich zum Testpublikum erklärt. Nach europäischen Co-Produktionen (wie etwa der Stieg-Larsson-Verfilmung Verblendung, 2009) wurde diese Praxis nun auch auf ein zum Cinephilen-Liebling avanciertes asiatisches Werk angewandt: Oldboy (2003), der zweite Teil der Rache-Trilogie des Südkoreaners Park Chan-wook.

Ein Remake, ganz anders als sein Original

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Man kann solche Entwicklungen nun einen filmindustriellen Imperialismus schimpfen, ein einfallsloses Wiederkäuen (ein schönes Bild: Hollywood als goldene Kuh, die gleichzeitig auch noch die Melkmaschine bedient). Und Spike Lee, der Regisseur des neuen Oldboy, bietet das durchaus an, bleibt er doch sehr dicht an der Vorlage: Die Handlung wurde praktisch eins zu eins übernommen, viele Szenen lehnt Lee auch inszenatorisch direkt an Parks Werk an. Man kann aber auch die Wiederholung produktiv machen, die kleinen Differenzen bedeutsam werden lassen, sie unserer modernen Welt der Simulakren „abringen“, wie Gilles Deleuze es einmal beschrieben hat. Im Falle von Spike Lees Oldboy-Version kommt man damit recht weit, löst doch das scheinbar lediglich behutsame Drehen an den Stellschrauben des Stoffes bereits zu Beginn einen ganz anderen Film aus.

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Lees Hauptfigur, der Werbemanager Joe Doucett, wird betont übersexualisiert als schmieriger und abgehalfterter Playboy eingeführt. Das Schicksal, das ihn ereilen wird – unter mysteriösen Umständen wird er entführt, 20 Jahre in einer als Motel-Zimmer hergerichteten Zelle eingesperrt und dann unverhofft wieder freigelassen –, ist, so lässt der Film keinen Zweifel, die gerechte Strafe für den Überschuss seiner sexuellen Begierde: Im Anschluss an einen eigentlich erfolgreichen Geschäftsabschluss macht Doucett der Begleitung seines Partners allzu eindeutige Avancen und sich so alles wieder kaputt. Berauscht folgt er daraufhin einer verführerischen Asiatin, eher er unter deren gelbem Schirm verschwindet. Mit einer in die Vogelperspektive fliegenden Kamera zitiert Lee hier formal sehr direkt, und doch ist auf semantischer Ebene alles anders: Die Narration scheint von Anfang an zweckgerichteter, vom Verhalten ihres Protagonisten geleitet, nichts (gerade durch ein Zuviel an Figurengefühl) ist zu spüren von der rätselhaften Nicht-Bedingtheit des südkoreanischen Vorgängers. Aus Parks eher asexuellem und zur Sprachhysterie neigendem Phlegmatiker Oh Dae-su macht Lee einen geilen Bock – Josh Brolins großes, tumbes Mondgesicht eignet sich ganz wunderbar dafür.

Ein küchenpsychologisches Rätselspiel

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Obwohl die Erzähl-Konstellation der ineinander gefalteten Rache – nach seiner Freilassung ist Doucett alles andere als frei, vielmehr wird er von einem lange im Verborgenen agierenden Gegenspieler, der selbst Rache nehmen will, manipulierend gelenkt – nichts an Faszination eingebüßt hat, sorgt diese starke Setzung zu Beginn für eine deutliche Verflachung des (ursprünglichen Manga-)Stoffes. Die unabhängig von jeder Doppelbödigkeit nie wirklich zu fassende, in gesellschaftlichen Strukturen angelegte Unausweichlichkeit, von der aus Park noch nüchtern, aber punktiert um Rache und Selbstjustiz kreisende ethische Fragen einholen konnte, muss einem küchenpsychologischen Rätselspiel weichen. Dieses verfolgt Lee aber konsequent und mit Hang zur Hollywood-Dramatisierung: Tagebücher werden zu Briefen an die Tochter, die unterwürfig apathische Gehilfin bei Park zur begehrenswerten Sexbombe (Elizabeth Olsen) mit Familientrauma. (Auch das erst spät enttarnte, alles auslösende Moment ist, ohne dass hier zu viel verraten werden soll, gewissermaßen psychopathologisch eingepasst.)

Und auch die Gestaltung folgt sehr viel deutlicher dem klassischen Erzählkino, der visuelle Exzess Parks – man erinnere sich etwa an die surrealistisch inszenierten Wahnvorstellungen (Ameisen!) – ist vollständig glattgebügelt. Stattdessen wird Lees Oldboy nicht müde, die mediale Inszeniertheit seiner kaputten Handlungswelt zu betonen: Der Screen als sinnerzeugende Maschine, immer wieder, sei es als Fernseh-, Handy- oder Überwachungsbild. Ganz zum Schluss betreten wir dann gar ein Filmset, in dem endlich alles zusammenfällt, aber eigentlich nichts mehr enttarnt werden muss: Der Grund allen Übels ist unsere pathologische Geilheit, die Rettung eine Welt von Abbildern.

Trailer zu „Oldboy“


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Kommentare


Schmalhans

Tolle Kritik zu einem grauseligen Filmprojekt! Knackige Meinung, elaborierte Ausführung, Deleuze - alles dabei. Vielen Dank.






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