Okja

Cannes 2017: Bong Joon-ho hat eine Art E.T. gegen Massentierhaltung gedreht. Mit dabei sind ein völlig wild gewordener Jake Gyllenhaal und ein süßes Riesenschwein, das zu Billigwurst verarbeitet werden soll. 

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Die kleine Mija (Ahn Seo-hyun) kuschelt mit ihrem tapsigen Superschwein, das wie eine Mischung aus Nilpferd und Dackel aussieht, in trauter Zweisamkeit vor unberührter Naturkulisse. Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho braucht nur ein paar Momente, um zur Essenz dieser ungewöhnlichen Beziehung vorzudringen – einem tiefen Verständnis untereinander, aber auch der Bereitschaft, ständig aufeinander achtzugeben. Während Mija dem Geschöpf vorsichtig eine dornige Pflanze aus dem Huf zieht, revanchiert es sich später, indem es dem Waisenmädchen mit artistischem Körpereinsatz das Leben rettet. Hier haben sich zwei gefunden, die nicht mehr ohneeinander wollen und auch gar nicht mehr können.

Obszöner Kinderfilm

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Die innige Freundschaft zwischen Kind und Fabelwesen zählt zu den archaischen Konstellationen des fantastischen Kinos. So gut wie immer bestehen diese Beziehungen aus einem jungen Außenseiter, der mit seinen gleichaltrigen Artgenossen nicht allzu viel anzufangen weiß, und einer Kreatur mit eigenwilligem Naturell, deren Fähigkeiten offenbar nur von ihrem menschlichen Gefährten erkannt werden. Bongs zweiter englischsprachiger Film wirkt zu diesem frühen Zeitpunkt noch wie eine Geschichte, die sich den Tugenden eines märchenhaften Hollywoodkinos verschrieben hat. Und ganz dieser Erzähllogik folgend, wird die unschuldige Zweisamkeit auch bald von außen bedroht; wie so oft von Erwachsenen mit moralisch fragwürdigen Interessen.

Okja  3

Okja ist ein Produkt aus dem Reagenzglas des Biotechnologie-Unternehmens Mirando Corporation. Nach außen hin gibt man sich dort zwar als Öko-Firma mit Tschakka-Mentalität und gutem Draht zu den Bauern dieser Welt, tatsächlich werden die Superschweine aber nur gezüchtet, um aus ihnen kleine, BiFi-ähnliche Würstchen zu machen, die zum Spottpreis den internationalen Markt erobern sollen. Wie schon in seinem letzten Film Snowpiercer (2013) beschwört Bong wieder eine grell überzeichnete Dystopie herauf, die ihre Wurzeln in den Krankheiten der Moderne hat. Diesmal wirkt alles sogar noch ein wenig sonderbarer: Zwar ist Okja mit den Mitteln des fantastischen Kinderfilms inszeniert, versammelt etwa ein Arsenal an skurrilen Figuren und setzt auf die Niedlichkeit seines Wesens, zugleich aber wirkt er mit seinen vereinzelten Obszönitäten und Brutalitäten alles andere als jugendfrei. Und schon bald zeichnet sich ab, dass hinter seiner doch scheinbar so realitätsfernen Fassade auch ein wütendes Plädoyer gegen Massentierhaltung, Fleischkonsum und Kapitalismus schlummert. Am beklemmendsten spitzt sich das in einer Szene zu, in der Mija in ein Schlachthaus wie aus einem Horrorfilm gerät. Während im Inneren die Kadaver der Schweine von der Decken hängen, sind die Tiere vor der Fabrik auf einem schier endlosen Areal zusammengestaucht, wo sie auf ihr baldiges Ende warten.

Karnevalsmäßiges Himmelfahrtskommando

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Ein Message-Movie, dem es vor allem um die möglichst ernsthafte Vermittlung seiner Botschaft geht, ist Okja aber mitnichten. Vielmehr bewegt er sich die meiste Zeit auf ähnlich unorthodoxen Pfaden wie Snowpiercer. Ständig erfindet sich der Film neu, wird von der albernen Farce zum dystopischen Actionfilm, von der überdrehten Mediensatire zum tierischen Melodram. Kaum hat Bong Mija als unerschrockene Actionheldin etabliert, die furchtlos auf einem fahrenden LKW herumturnt, kehrt er ihr kurz darauf schon wieder den Rücken, um sich ausführlich dem gruseligen Personal der Mirando Corporation zu widmen. Gerade in diesen starken erzählerischen Brüchen und in der ständigen Bereitschaft, noch ein paar mehr draufzusetzen, als es deutlich normierteren und gezügelteren Hollywoodfilmen der Fall ist, liegt auch die Qualität von Bongs Stil. Dass sich in der Netflix-Produktion ein ausländischer Regisseur nicht einfach an amerikanische Sehgewohnheiten anbiedert, sondern seine Darsteller auch vor neue Herausforderungen stellt, wird vor allem bei Tilda Swinton als Mirando-Chefin und Jake Gyllenhaal als blödgesoffenem TV-Star deutlich. Sicher ist da auch eine Form von Nabelschau im Spiel, die man nicht immer mögen muss, aber besonders Gyllenhaal hat man vermutlich noch nie so maß- und hemmungslos über die Stränge schlagen sehen wie in diesem Film. Nur mühevoll kann er sich noch auf den Beinen halten, verrenkt die Gliedmaßen, verzieht das Gesicht zur Fratze, überschlägt schrill die Stimme – und zeigt trotz aller hysterischen Körperkomik noch, welche dunklen Seelenwelten sich hinter seinem Grinsen verbergen. Das wirkt dann auch weniger wie eitles Overacting als wie ein karnevalsmäßiges Himmelfahrtskommando, bei dem man sich einfach mal ein albernes Kostüm anzieht und loslegt.

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