O’Horten

Wenn Raum, Farbe und Licht anstelle der Figuren zu sprechen beginnen, Lakonie und Tristesse zusammenwirken und surrealistische Elemente in die Banalität des Alltags einziehen, dann kann es sich nur um einen Film von Bent Hamer handeln.

O’Horten

Odd Horten (Bård Owe) steigt in die Fahrerkabine der Lok, lehnt sich zurück, zündet seine Pfeife an und startet den Zug. Abblende. Das Geräusch des ratternden Zuges; ein Signal ertönt. Die Kamera wechselt in die subjektive Perspektive; wir nehmen den Blickwinkel des Lokführers ein. Der Wagon zwängt sich durch einen finsteren Tunnel. Das Schleifen der Wagenräder auf den Gleisen wird von leisen, hellen Klängen abgelöst, die sich zum Rhythmus steigern, als am Ende des Tunnels Tageslicht aufblitzt und sich der Blick auf eine weite Schneelandschaft öffnet. Aus der Vogelperspektive begleitet die Kamera den durch die unberührte Berglandschaft hetzenden Zug. Der norwegische Regisseur Bent Hamer führt uns ganz behutsam in die filmische Handlung hinein.

Diese beginnt an einem Punkt, an dem die berufliche Laufbahn des Protagonisten schon beinahe beendet ist. Es wäre sein letzter Arbeitstag gewesen, doch den Zug, den er nach Bergen hätte fahren sollen, sieht Horten, als er endlich am Bahnsteig eintrifft, gerade noch abfahren. Der wenig rühmliche Austritt aus seinem Berufsleben als Lokführer ist jedoch nur der Beginn einer Reihe von seltsamen Ereignissen und schicksalhaften Begegnungen. Je mehr die routinierten Abläufe verdrängt werden, desto mehr Raum kann das Abstruse, Obskure und Surreale gewinnen. Hätten die ersten Minuten des Films noch aus einem Dokumentarfilm stammen können – wir verfolgen minutiös die morgendlichen Rituale in der Wohnung der Hauptfigur sowie am Bahnhof – so rutscht im späteren Verlauf ein Mann mit Aktentasche auf dem Hosenboden die Straße hinunter, Horten stöckelt mit roten Damenstiefeletten durch Oslo und springt auf Skiern eine Schanze hinunter. Nachdem er seine Angst vor dem Sprung in die Tiefe überwunden hat, ist er in der Lage, die Vergangenheit – genau wie seine Dienstuniform – abzustreifen.

O’Horten

Bereits in Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet, 2003) und Factotum (2005) erwies sich Bent Hamer als melancholischer Poet der schweigsamen Bilder. Als könne nur ein einziges gesprochenes Wort der Atmosphäre den Reiz des Unerklärlichen und Rätselhaften nehmen und sie in vollkommene Banalität versinken lassen. Und tatsächlich – die Momente, in denen nicht gesprochen wird, sind die stärksten, denn sie sagen trotz ihrer Verschwiegenheit am meisten aus. Die Einsamkeit, gar innere Leere, die Horten nach seiner Pensionierung durchlebt, übersetzt Hamer in die Ödnis einer menschenleeren Umwelt, statische Einstellungen, geringes Schnitttempo, schwache Ausleuchtung der Szenerie und immer wiederkehrende Bilder – wie die blaue Häuserfassade, an der ein roter Zug vorbeirattert, die Konditorei nebenan, in der scheinbar rund um die Uhr Sahnetorten garniert werden und die Trostlosigkeit der Einzimmer-Wohnung direkt an den Bahngleisen. Die schauspielerische Leistung von Bård Owe, der den Zuschauern hierzulande wohl am ehesten als Dr. Bondo aus Lars von Triers TV-Serie Hospital der Geister - The Kingdom (Riget, 1994) bekannt sein dürfte, ist bemerkenswert. Nahezu minimalistisch ist sein mimischer und gestischer Ausdruck und trotz seiner stets kontrollierten Gefühlsregungen verleiht er der Rolle eine erfrischende Leichtigkeit, der Figur ungeachtet ihres Alters etwas schelmisch Jungenhaftes.

Die Alltagstristesse des Junggesellendaseins im hohen Alter ist wie in Kitchen Stories eines der tragenden Motive. Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Film bestach vor allem durch den linearen Handlungsaufbau. O’Horten dagegen lässt genau diese Stringenz vermissen. Zwar heftet sich die Kamera an die Fersen der rastlosen Hauptfigur, doch teilweise werden einzelne Erzählstränge nicht zu Ende gedacht und zerfallen letztlich in symbolisch aufgeladene Handlungsfetzen, ohne dass die Motivation der Figur, auf eine bestimmte Art und Weise in der jeweiligen Situation zu handeln, nachvollziehbar wäre.

O’Horten

Sowohl in Kitchen Stories als auch in O’Horten werden Männerfreundschaften geknüpft, die der plötzlich eintretende Tod auseinanderreißt. Mit diesem endet auch abrupt die nächtliche Blindfahrt mit dem verrückten Erfinder Trygve Sissener (Espen Skjønberg), den Horten sprichwörtlich auf der Straße aufgeklaubt hat. „Die Süße des Todes“, schrieb Milan Kundera, „hat eine blaue Farbe.“ So ist auch diese Szene in ein kühles Blau getaucht; das Blau eines klirrend-kalten Wintermorgen. Sisseners Kopf fällt nach seinem Ableben auf das Lenkrad; die Hupe ertönt. In der nächsten Einstellung hat sich die Kamera entfernt und blickt aus einer starken Aufsicht hinunter auf die Kreuzung. Ein Synthesizer-Akkord verdrängt das durchdringende Geräusch der Hupe. Der von John Erik Kaada komponierte Klangteppich kommentiert die Handlung in einzelnen Akkordfolgen – mal beschwingt, mal melancholisch, manchmal monoton. Neben der Musik spielt die Farbsymbolik eine tragende Rolle, mittels derer das Leitthema des Films, der Widerstreit zwischen Eros und Thanatos, entschlüsselt werden kann. Das artifiziell anmutende bläuliche oder grünliche Licht der Nachtszenen verleiht dem Szenario etwas Realitätsfernes, wohingegen die Signalfarbe Rot einige der etlichen (homo-)erotisch konnotierten Zeichen heraushebt und mit der Vanitasmotivik, der Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, kontrastiert.

Hamer hat mit O’Horten erneut einen sehr eigenwilligen Film gedreht. Allein mit dem hohen Altersdurchschnitt seines Schauspielerstabes setzt er dem allgegenwärtigen Jugend- und Schönheitswahn ein mutiges Kontrastbild entgegen. Oft wird er wegen des tragikomischen Impetus und der trockenen Lakonie seiner Filme mit seinem finnischen Regie-Kollegen Aki Kaurismäki (Lichter der Vorstadt, 2006) verglichen, doch vielmehr steht er solitär für einen ganz eigenen Stil des modernen norwegischen Films und dafür, die besondere Gabe zu besitzen, das Abstrakte im Alltäglichen aufzuspüren.

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Kommentare


Martin Zopick

Was mit einer sonderbaren Verabschiedung eines Lokführers in den Ruhestand beginnt, entwickelt sich im Verlauf immer mehr zu einer Farce mit Zufälligkeiten. Als Tragikomödie kann man den Film nicht durchgehen lassen, denn er ist überhaupt nicht tragisch und schon gar nicht komisch. Der irgendwo ganz tief unten vergrabene, leise Humor lässt sich nur selten erahnen, deutlich an die Oberfläche kommt er so gut wie nie. Der Rentner taumelt irgendwie ziellos von einer seltsamen Situation in die andere. Ungewöhnliche Auftritte erfordern kurze Hingucker, bleiben sonst aber ohne nennenswerte Eindrücke. Sogar als ein Tod eintritt, ist die Entwicklung bereits von schal zu fade gegangen in Erwartung eines baldigen Endes oder von der Hoffnung vor dem Bildschirm gehalten, dass doch noch etwas Sehenswertes passiert. Sinnsuche!? Erfolglos. Unterhaltungswert geht gegen Null. Einen Preis kann man dem Film allerdings verleihen: Bent Hamer - ein ausgewiesener Spezialist auf dem Gebiet - hat hier den Humor gut versteckt. Wetten dass sie ihn nicht finden werden!?






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