Ohne Limit

Das Netzwerk der Affekte und des Profits: Ohne Limit ist entweder grenzenlos simpel oder clever entgrenzend – je nach Geschmack.

Ohne Limit 01

Die Stadt ist ein Gehirn. Mit dieser Prämisse startet Neil Burgers Ohne Limit (Limitless). In einer einzigen, unerhört mitreißenden Bewegung wird die Google Street View-Optik bis ins Delirium getrieben: Ein unendlicher, tricktechnisch famos bewerkstelligter Zoom dringt unaufhörlich tiefer in die Straßenschluchten, von der Zentralperspektive wie von einem Sog gerissen, immer geradeaus, die Flucht hinunter durch die Avenues, über den Times Square, an Autos entlang und durch Autos hindurch. Und dann, chancenlos, den Übergang klar zu erkennen, sind wir auf einmal im menschlichen Körper, die Straßen sind Gefäße, die Autos Blutkörperchen geworden. Langsam fügt sich das Gewimmel zu einem Muster, man erkennt das menschliche Gehirn. Doch der Zoom hält nicht inne, geht weiter, zurück in die Stadt, zu den Straßen, den Menschen. Der kybernetische Kreisschluss ist vollbracht, die Parameter Körper-Hirn-Stadt verschaltet und in Rotation versetzt.

Ohne Limit ist Bewegungskino, ein High-Speed-Blockbuster der machohaften Art. Die Bilder, der Schnitt, die Musik: peitschendes, hysterisches Vorwärtsdrängen. Vom Marketing als Lob, von der Kritik als vernichtendes Urteil verstanden, wird diese Form des Effektkinos gerne mit dem Achterbahnritt verglichen. Die Fans preisen das körperliche Mittendrin, die Verächter sprechen von unsichtbaren Schienen, die den Zuschauer schneller durchs Spektakel reißen, als er denken kann. Beide Fraktionen werden bei Ohne Limit bedient.

Ohne Limit 03

Eddie Morra (Bradley Cooper) ist ein ziemlich hoffnungsloser Möchtegernschriftsteller, bis ihm sein ehemaliger Schwager und Dealer Vernon (Johnny Whitworth) eine durchsichtige Pille in die Hand drückt. Die Superdroge NZT verspricht einiges: Alle Kapazitäten des Gehirn sollen freigesetzt, bei absoluter Klarheit absolute Klugheit empfunden werden. Alle Ampeln auf Grün, sozusagen. Morra wird sofort süchtig, vor allen Dingen aber süchtig auf ein Leben als Erfolgsroman. Buch in einer Nacht fertig, zig Sprachen und zig Instrumente gelernt, viele Frauen flachgelegt, ab an die Börse, fantastischer Reichtum, fantastische Feiern. Doch wie jeder Junkie muss er sich auch mit den Downs rumschlagen: russische Kleinkriminelle, Mordkomplotte, Entzugskrisen.

Das Leben in der kapitalistischen Hypergesellschaft wird als Rauschzustand erfahren, als Welt, in der sich egomanische Triebwesen gegenseitig übertrumpfen. Survival of the mentally fittest. Der Film geht dabei weiter, als man von einem massenwirksamen Blockbuster erwarten würde, er folgt Eddie Morra bis in die widerlichsten Abgründe und auf nicht weniger widerlichen Höhenflügen. Ein selbstsicheres, aber unter brutaler Selbstaufopferung errungenes High trägt Figur und Film. An manchen Momenten erlaubt sich Burger sogar Momente echter Entgrenzung: etwa wenn Morra das drogengetränkte Blut eines erstochenen Gangsters aus dem Teppichboden saugt, um wieder „voll da“ zu sein.

Ohne Limit 02

Wie viele ambitionierte Blockbuster adressiert Ohne Limit maximal viele Zuschauer über maximale Widersprüchlichkeit. Oder: Unentschlossenheit. Man kann immer von mehreren Seiten über alles nachdenken. Denn einerseits demaskiert die Drogenallegorie natürlich das aus dem Ruder gelaufene Profitstreben der amerikanischen Geldgesellschaft. Was der Film zeigt, sind keine Menschen mehr, sondern hochgeputschte Akkumulations- und Verausgabungsmaschinen. Andererseits schwelgt Ohne Limit in seinen knallbunten Drogenwahrnehmungen, ist selbst optisch und rhythmisch wie berauscht. Zu Morras zunehmend zombiehaftem Gebaren bietet sich keine Distanzierungsoption, und so ist man als Zuschauer gezwungen, geil zu finden, was er geil findet. Am bedenklichsten ist jedoch die den Film motivierende Logik kausaler Zwangsläufigkeit. In seiner ungebrochenen Vorwärtsbewegung wird niemals über Alternativen nachgedacht. Das Menschenbild von Ohne Limit ist vernichtend: Wir setzen unsere geistigen Kapazitäten einzig und allein zur Selbsterhaltung und -verwirklichung ein. Wozu auch sonst? Du bist Amerikaner, du bist erfolglos, du bist in New York: Wenn du auf einmal der Klügste von allen wärest, dann würdest du nur eines wollen: der Erfolgreichste sein.

Ohne Limit 05

Ohne Limit ist ein Blockbuster, der so unterhaltsam wie fragwürdig ist. Er feuert aus allen Rohren in alle Richtungen; wie man seine Botschaften gewichtet, bleibt dem Zuschauer überlassen. Der unangenehm enthemmte Gestus ist abstoßend, aber er bereitet eben auch unmittelbaren Spaß. Jenseits des Körperlichen jedoch, in der Tiefenstruktur, zeichnet sich eine interessante Metapher ab: die zwischen Hirn und Internet. Die Wunderdroge NZT ermöglicht vor allen Dingen eines: „Access“, Zugang zu allen Informationen, vergangen wie gegenwärtig. Wenn man auf dieses Gedankenspiel des Filmes eingeht, kommt unter seinem somatischen Dauerfeuer fast so etwas wie eine melancholische Note zum Vorschein. Ein alter Riss bricht wieder auf, der „schrankenlose“ Geist, sofern man ihn im Internet verwirklicht sieht, trifft auf einen jauchzend und zitternd stillgelegten Körper. Stürzt die Netzgesellschaft zurück in den Dualismus, nur mit neuen Begriffen: nicht Körper und Geist, sondern Affekt und Information? Genau auf dieser Grenzlinie nämlich bewegt sich Ohne Limit.

Trailer zu „Ohne Limit“


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Kommentare


Jo

Schöne Kritik! Macht nachdenklich. Kompliment- werde mir den Film, trotz zwiespältiger Bewertung, ansehen.


LK

ich habe ihn schon gesehen, und muss sagen: Geil! obwohl, gerade wenn man Drogenerfahrungen hat, diesen zwiespalt der Verharmlosung und Verherrlichung spürt... Aber, offensichtlich thats life, wie viele Yuppies sind wohl täglich auf Speed oder koks ..


Geoff Dyer

Tolle Kritik. Herr Klinger falls Sie mal ein Buch rausbringen ich würde es lesen. Sehr scharfer Blick. Hut ab.

Gruß


gradmesser

Ohne Limit ist ein guter Thriller der den aktuellen Zeitgeist trifft und trotzdem auch an seine eigenen Limits stößt.


Martin Zopick

Der Titel kann sich nur auf die Zumutbarkeit beziehen und liegt über den Wolken, da wo die Freiheit wohl grenzenlos sein soll. Denn zwei Vorwürfe kann man diesem Film nicht ersparen. Obwohl er im Gangster und Drogenmilieu spielt – also ein klassisches Thrillerthema behandelt – kommt fast keine Spannung auf. Selbst das etwas blutigere und actionreiche Finale bleibt flach und kann kaum beeindrucken. Aber am Schlimmsten wiegt für mich die Tatsache, dass am Ende einfach Schluss ist. Mitten in einer Szene Dunkel, Abspann, Feierabend.
Die Frauenfiguren wie z.B. Lindy (Abbie Cornish) bleiben oberflächlich und holzschnittartig. Sie haben Verständnis für den Helden Eddie (Bradley Cooper), sind willig aber hohl.
Bei den Darstellern geht Robert De Niro hier allen voran, weil er der einzige Promi ist. Er agiert unbeweglich, eintönig, wirkt desinteressiert. Es mimt einen Global Player, faselt ständig von anderen Grossunternehmen, die er geschluckt hat, und ist dabei wenig überzeugend, weil er gleichzeitig über weite Strecken den netten Onkel von nebenan spielt, den väterlichen Freund von Eddie. Eigentlich müsste er verschlagen und gefährlich daherkommen. Tut er aber nicht.
Die Handlung ist vorhersehbar bis auf den fehlenden Schluss, den man so nicht ahnen konnte. Die Grundidee von der Superdroge, die nicht nur das Bewusstsein erweitert, sondern den Konsumenten zum Superhirn macht, bevor sie ihn physisch zerstört, ist auch nicht gerade neu.
Und um zum Titel zurückzukommen, muss man dem Film wohl mit grenzenlosem Wohlwollen begegnen um ihn in seiner ganzen Belanglosigkeit zu ertragen.


Thomas Buck

Ich finde den Fim gelungen. Sehr sogar. Die Kritik, die sich anmaßt, eine Parallele zum Internetzeitalter zu ziehen, ist reine Interpretation, wird aber als solche nicht deklariert. Ebenso könnte ich behaupten, NZT wäre eine Metapher auf den heutigen Kokainkonsumenten. Das der Film den Erfolg um jeden Preis als das allein Seeligmachende preist, kann man so sehen, besonders wenn man den Schuß in Betracht zieht. Man muss es aber nicht. Auch hier gibt es dennoch wieder eine andere Interpretation.


Frédéric

Parallelen zu ziehen und Filme zu deuten, gehört zum Kern der Aufgaben von Filmkritik. Und eine Kokainmetapher sehe ich im Film auch, das schließt sich doch nicht aus. Mir gefällt, dass die Kritik dem Zwiespältigen des Films gerade gerecht wird.






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