Oh Boy

Tom Schilling in seiner Paraderolle. Berlin in Schwarzweiß. Ein Drehbuch ohne Figurenentwicklung. Ein überraschend schönes Debüt.

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Oh Boy? Ein Ausruf von Glück oder Verzweiflung, auch der Verwunderung. Um die Jugendsprache nicht zu verlassen: ein OMG für Jungs. Jetzt mal wieder als Filmtitel. Der könnte aber auch heißen: „Boys will be boys“. Der Protagonist, gespielt von Ewig-Milchbubi Tom Schilling, will nämlich nicht erwachsen werden. Aber: Das muss er auch nicht. Denn er lebt in Berlin. Jan Ole Gerster traut sich in seinem Debüt, was sich nur wenige in der deutschen Filmlandschaft wagen: Er erzählt von einem Lebensgefühl konträr zu konventioneller Plotdramaturgie und fängt dabei auch noch auf seltene Weise unsere Hauptstadt ein.

Oh Boy 2

Überhaupt: Berlin! Oh Boy atmet die Stadt. Kaum eine Szene, die nicht an Originalschauplätzen gedreht wurde, kaum ein Moment, der sich nicht auf den Ort bezieht. Niko (Schilling), so viel ist klar, ist mindestens ebenso sehr ein Produkt dieses Biotops wie seiner spießbürgerlichen Herkunft. Sein Umfeld jedenfalls hält ihn für ziemlich cool, vielleicht verwechseln sie aber auch einfach nur Lässigkeit mit Passivität. Denn gerade seine Spießigkeit scheint in einzelnen Episoden immer wieder kräftig durch, nur wehren mag er sich nicht recht, gegen die Leute und Geschichten, die sich ihm aufdrängen. Leise muckt er auf und lässt doch fast alles mit sich geschehen. Gersters Drehbuch versetzt den Protagonisten in wechselnde Settings und Storylines, als wäre Oh Boy ein Roadmovie, nur ohne Berlin zu verlassen und glücklicherweise ohne Erkenntnisprozess.

Oh Boy 3

Während Woody Allen gerade in seinem neuesten Film an jeder Ecke Fellini zitiert, macht sich ein junger deutscher Regisseur daran, Woody Allen eine Hommage zu widmen. Der unverbesserliche Neurotiker im Künstler-Umfeld New York stand hier ganz offensichtlich Pate, auch wenn die Rollenverteilung eine etwas andere ist, neurotisch sind nämlich die anderen. Gerster zitiert Allen schon mit der weißen Schrift auf schwarzem Hintergrund im Vorspann und nicht zuletzt durch ein wiederkehrendes Jazz-Motiv. Das Schwarzweiß, in das Kameramann Philipp Kirsamer Berlin taucht, ist zwar nicht so kontrastreich, wie das früher noch auf Film möglich war (und gerade bei Allen viele Erinnerungen prägt), aber es sorgt für eine gewisse Distanz, die das Alltägliche angenehm überhöht. Und dennoch gibt sich Oh Boy, trotz aller Zuspitzungen in einzelnen Szenen, vor allem mäandernd, ziellos, driftend.

Oh Boy 4

Lange steht der Film auf der Kippe, aufgrund seiner offenen, permissiven Struktur bleibt fast die gesamte Dauer über unklar, ob nicht doch noch die Karikaturen oder die Postkartenbilder überhand nehmen könnten. Gerster lässt nacheinander einige Darsteller in Standardrollen auftreten und aus ihrem Routinerepertoire schöpfen: Ulrich Noethen als verklemmter Spießervater, Michael Gwisdek als verwirrter, aufdringlicher alter Mann, Marc Hosemann als Kumpeltyp und Mann fürs Grobe. Derweil schildern die Episoden ein in seiner Vielfältigkeit beachtenswertes Berlin, das nicht auf Gentrifizierung und Hipstertum, eine heruntergekommene Alternativszene, aufgeblasene Künstler, einsame Großstädter, Schnodderigkeit oder prekäre Lebensverhältnisse beschränkt ist. Gerster umschifft viele naheliegende Fallen und verweilt nie allzu lange beim typischen Berlin-Inventar. Entgegen dem Anschein nimmt er das alles aber auch nicht zu leicht: Sein Blick ist zugleich ein flanierender und ein fokussierter. In kurzen, aber prägnanten Intermezzi bemüht er eine melancholische Klaviermelodie, die suggeriert, dass er die Leiden der Großstädter durchaus ernst nimmt. Ein Ausruf wie Oh Boy liegt einem zwar nie auf der Zunge – dafür fehlt dem Reigen dann doch der Stoff, der über den bekannten Status quo hinausweist. Dass das aber nicht weiter stört, liegt schon alleine daran, wie selten es überhaupt ist, ein so souveränes Stück deutsches Kino zu sehen, bei dem sich der Regisseur ungeniert und uneitel für das eigene Leben und Umfeld interessiert.

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