Offside

Fußballfieber im Iran: Der Eintritt in die Stadien ist für Frauen verboten. Einige, die es dennoch versuchen, werden erwischt und müssen das WM-Qualifikationsspiel Iran-Bahrain als Gefangene erleben.

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Fast wäre Offside von der Realität überholt worden, aber dann überlegte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad es sich doch noch anders. Seine Ankündigung, Frauen dürften erstmals seit der Revolution von 1979 wieder Fußballstadien betreten, wurde Anfang Mai zurückgenommen. Das geistliche Oberhaupt des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, hatte Einspruch erhoben. So bleibt alles, wie es war, und die Prämisse von Offside behält ihre Spannung: Frauen müssen draußen bleiben, und sie versuchen weiterhin trickreich, Einlass zu erlangen. Der iranische Regisseur Jafar Panahi hat sich pünktlich zur Weltmeisterschaft dieses Phänomens angenommen, und dabei ist ein erfrischend direkter Film entstanden, dem es auch nicht hätte schaden können, wenn die Mullahs ein Einsehen gehabt hätten.

Panahi erzählt seine Geschichte in einer Form, die stark an den Neorealismus erinnert. Die Kamera ist an den Laiendarstellern dicht dran, und der semi-dokumentarische Stil des Films wird dadurch verstärkt, dass die Dreharbeiten nicht nur am Original-Schauplatz, sondern auch zur Original-Zeit stattfanden: während des WM-Qualifikationsspiels zwischen Iran und Bahrain in Teheran. Das Spiel im vergangenen Jahr war die entscheidende Begegnung, von der die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland abhing. Die Straßen mit Bussen voller Fans auf dem Weg zum Spiel, die Kontrollen am Eingang, das Stadion selbst - all das ist echt.

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Eine Handvoll junger Frauen ist bei dem Versuch erwischt worden, ins Stadion zu gelangen. Sie werden nun hinter einem Absperrgitter festgehalten und von Soldaten bewacht. Unmittelbar an der Stadionmauer können sie das Spiel hören, aber nicht sehen - für wahre Fans eine Qual. Sie haben alles versucht: Sie tragen weite T-Shirts und tief ins Gesicht gezogene Basecaps, ihre Wangen sind mit den Nationalfarben bemalt, und sie benehmen sich so wenig weiblich wie möglich. Die Soldaten, die sie bewachen, sind ebenso verzweifelt. Einer ist Bauer und müsste eigentlich auf seinen Feldern sein, statt ein paar in seinen Augen verrückte Mädchen zu bewachen. Ein anderer kommentiert wie ein Sportreporter das Spiel, das er durch ein Gitter beobachten kann. Er hat aber viel weniger Ahnung von Fußball als die Frauen, die ihn das deutlich spüren lassen.

Überhaupt sind diese Frauen alles andere als devote weibliche Mitglieder der iranischen Gesellschaft. Sie sind frech, vorlaut und einfallsreich. Eine von ihnen raucht, was Frauen im Iran verboten ist. Wie in einer Komödie (die allerdings nie ihren ernsten Unterton verliert) liefern sie sich mit den einfältigen Soldaten Wortgefechte, in denen die bizarren Ausprägungen der Geschlechtertrennung wunderbar herausgearbeitet werden. Frauen dürfen nämlich deshalb nicht ins Stadion, erklärt einer der Soldaten, weil sie die Flüche und das schlechte Benehmen der Männer nicht sehen sollen. Man kann sich bloß kaum vorstellen, dass die jungen Damen in diesem Film von irgendeiner Äußerung aus Männermund schockiert sein könnten.

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Schon in The Circle (Dayereh, 2000) stellte Panahi Frauen in den Mittelpunkt seiner Erzählung, jedoch in einem viel düsteren Tonfall als in Offside, der so etwas wie Hoffnung zulässt. Crimson Gold (Talaye Sorkh, 2003) nahm sich, ebenfalls fern jeglichen Humors, der sozialen Gegensätze und der Gewalttätigkeit an, sich dabei ganz auf eine phlegmatische Hauptfigur konzentrierend. Phlegmatisch ist das Ensemble in Offside ganz und gar nicht. Trotz der statisch-eingeengten Situation vibriert der Film durch ständige Aktion und ständigen, sehr pointierten, Dialog. Lange Einstellungen, in denen die Kamera (Mahmood Kalari) den Charakteren folgt und ihre Bewegungen aufnimmt, ergänzen sich mit ruhigen Bildern, die wie ein Tableau funktionieren und Bewegung lediglich beobachten.

Dass die Frauen in Offside in Sachen Fußball mit Leidenschaft für genau das Land schwärmen, das sie doch so sehr einschränkt und gefangen hält, gehört zu den versöhnlichen Aspekten des Films. Panahi inszeniert keinen totalen Bruch mit der Theokratie in Teheran, sondern schärft lediglich den Blick auf die Absurditäten des Alltags. Die Soldaten, die durchaus ein unbestimmtes Gefühl für die Würdelosigkeit ihrer Situation haben, aus Angst vor Repression jedoch nichts dagegen unternehmen können, gewinnen im Verlauf der Handlung immer mehr an Menschlichkeit, die fast zu einer Verbrüderung mit den Frauen führt. Besonders Safar Samandar als zwangsverpflichteter Mann vom Land, der die urbanen Sehnsüchte der Mädchen nicht verstehen kann, bleibt in Erinnerung. Am Schluss, nach dem Sieg Irans gegen Bahrain, verliert sich die Gruppe, die eigentlich auf dem Weg zur Sittenpolizei war, in den Freudentänzen auf der Straße.

Bei seiner Uraufführung zur Berlinale im Februar gehörte Offside zu den Publikumslieblingen. Ausgezeichnet wurde er mit dem Silbernen Bären. Es ist schade, dass der Film erst kurz vor Ende der Fußball-WM in die Kinos kommt (ausschließlich in Berlin läuft er bereits eine Woche früher an, am 22. Mai). Er hätte ein interessantes Kontrastprogramm zum offiziellen Fifa-Film Goal! abgegeben. Denn auch wenn der Zuschauer, wie die Mädchen, so gut wie nichts vom Spiel sieht: Selten hat ein Film so viel Lust auf Fußball gemacht, in dem es gleichzeitig um so viel mehr als Fußball geht.

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